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Ismaning:Massive Corona-Ausbrüche

Nach mehreren Corona-Infektionen stehen alle Bewohner dieses Hostels im Ismaninger Gewerbegebiet Am Lenzenfleck unter Quarantäne.

(Foto: Stephan Rumpf)

In der Gemeinde sind in einem Altenheim 34 Bewohner und Mitarbeiter infiziert, in einer Arbeiterunterkunft am Ort eventuell bis zu 80 Männer. Rathaus und Behörden geraten bei der Eindämmung an ihre Grenzen.

Von Sabine Wejsada, Ismaning

Würde das Robert-Koch-Institut einen Inzidenzwert für Ismaning ausweisen, dann würde dieser wohl knapp an der 400er-Marke kratzen. Die Gemeinde wäre mit einer solchen Kennziffer, die anzeigt, wie viele Menschen je 100 000 Einwohner sich in den vergangenen sieben Tagen mit dem Coronavirus infiziert haben, Spitzenreiter in ganz Bayern, wenn nicht deutschlandweit. Der Grund dafür ist: Seit ein paar Tagen wird in der Kommune "ein äußerst dynamisches Infektionsgeschehen" beobachtet.

Wie Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) am Donnerstagabend im Gemeinderat berichtete, hat es in einer großen Arbeiterunterkunft im Gewerbegebiet Am Lenzenfleck sowie im Bürgerstift, einem Alten- und Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt (Awo), eine massive Zahl an Ansteckungen mit dem Coronavirus gegeben. In dem fraglichen Arbeiterheim wohnen 80 Personen, die meisten von ihnen stammen aus Osteuropa.

Weil sich dort nachweislich mehrere Männer infiziert haben, ist das Haus vom Gesundheitsamt komplett unter Quarantäne gestellt worden. Am Freitagvormittag waren dort Einsatzwagen des Zolls vorgefahren, wohl um die Arbeitspapiere der Bewohner zu überprüfen. Im Laufe des Tages standen in der Unterkunft nach den Worten des Ismaninger Bürgermeisters Reihentestungen an. Greulich geht davon aus, das die Zahl der Neuansteckungen angesichts der prekären Wohnsituation bald massiv in die Höhe schnellen dürfte.

Kontaktverfolgung schwierig

Eine Kontaktverfolgung, die das Rathaus seit Beginn der Corona-Pandemie im Auftrag des Gesundheitsamtes übernommen hat, gestaltet sich unterdessen problematisch: "In diesem Fall kommen wir kaum hinterher", so Greulich. Die Bauarbeiter sprächen - wenn überhaupt - nur schlecht Deutsch, der Vermieter der Unterkunft sei "auf Tauchstation und nicht auffindbar", beklagt der Bürgermeister. "Es ist eine grausame Detektivarbeit." Für Greulich liegt es auf der Hand, dass der Vermieter der Unterkunft angesichts der besorgniserregenden Entwicklung bei den Infektionen "die Härte des Gesetzes" spüren müsse.

Große Sorgen bereiten dem Rathauschef und seiner Verwaltung die Entwicklung im Ismaninger Bürgerstift. Die schon im Frühjahr schwer von Corona-Infektionen und mehreren Todesfällen gebeutelte Senioreneinrichtung ist erneut betroffen. Am Donnerstagabend hieß es noch, dass bei Reihenuntersuchungen zwei Dutzend der Bewohner positiv auf das Virus getestet worden sind, am Freitagmittag war die Zahl bereits auf 34 Infizierte gestiegen. Darunter sind laut Greulich auch Beschäftigte des Bürgerstifts, was angesichts der Dynamik des Infektionsgeschehens nicht überrascht.

Hier ist ebenfalls anzunehmen, dass die Ansteckungen weitere Kreise ziehen, befürchtet der Bürgermeister. Noch sind offenbar nicht alle Ergebnisse der Massentests ausgewertet. Über den Weg, auf dem das Coronavirus in die Alteneinrichtung gelangt ist, lasse sich nur spekulierten, sagte Greulich am Donnerstagabend im Gemeinderat. Vermutet werde, dass es durch die Tagespflege ins Heim eingeschleppt worden sei.

Absolutes Besuchsverbot im Bürgerstift

Aktuell gilt ein absolutes Besuchsverbot; die infizierten Bewohner sind nach Auskunft des Landratsamtes isoliert, die betroffenen Mitarbeiter nach Hause geschickt worden. Im Bürgerstift Ismaning seien wie in den vier weiteren betroffenen Alteneinrichtungen im Landkreis die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren und die Hygienekonzepte intensiviert worden, sagte Landrat Christoph Göbel (CSU) am Freitag in einer Videokonferenz zur Corona-Lage.

In Ismaning mussten am Freitag nach den Zahlen des Gesundheitsamts knapp 400 der 17 500 Einwohner Quarantäne einhalten, 96 davon sind nachweislich infiziert. Am Ort müssen fünf Schulklassen und drei Kita-Gruppen das Haus hüten. Ein Team von insgesamt 19 Mitarbeitern der Ismaninger Gemeindeverwaltung ist in Schichten und im engen Verbund mit dem Gesundheitsamt auch am Wochenende mit der Ermittlung von Kontaktpersonen beschäftigt. Diese Arbeit sei ein Knochenjob, so der Bürgermeister. Beim "Dienst an der Front" würden die Kollegen auch noch mit Beschimpfungen überzogen. Man könne sich kaum vorstellen, was seine Leute erlebten, wenn sie Infizierte oder Kontaktpersonen am Telefon erreichten. "Da ist das Maß der Erträglichkeit erreicht, wenn nicht überschritten", findet Greulich.

Das Rathaus erreichen nach seinen Worten darüber hinaus regelmäßig E-Mails und Postsendungen von "ignoranten Menschen", in denen sich die Absender über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie lustig machten oder sogar krude Drohungen ausstießen. "Da kann es einem schlecht werden", ärgert sich Greulich. Er appelliert nachdrücklich an die Vernunft der Bürger, die geltenden Abstandsregeln und Hygienevorschriften einzuhalten. Private Feiern müssten tabu sein, Treffen von zu vielen Menschen auch. Nur so könne das trotz des Teil-Lockdowns nach wie vor zu schnelle Infektionsgeschehen gebrochen werden, sagt Greulich, statt noch weiter Fahrt aufnehmen, wie es momentan der Fall ist durch die massiven Corona-Ausbrüche in der Arbeiterunterkunft und im Seniorenheim in Ismaning.

© SZ vom 21.11.2020/sab

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