Coronavirus im Landkreis München:Anstehen bis der Arzt kommt

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Vor den Impflokalen stehen die Menschen Schlange, in den Praxen klingelt das Telefon Sturm: Seit Inzidenzen und öffentlicher Druck massiv steigen, wollen sich wieder deutlich mehr Menschen immunisieren lassen - viele zum dritten, einige aber auch zum ersten Mal

Von Iris Hilberth, Martin Mühlfenzl und Rainer Rutz, Unterhaching/Neuried

Das Telefon in der Hausarztpraxis von Klaus Straßburg in Unterhaching steht nicht mehr still, der E-Mail-Eingang quillt förmlich über. "Die Leute wollen wissen, wie sie sich am schnellsten boostern lassen können", sagt Straßburg. Und dann komme auch noch hinzu, dass sich vermehrt Menschen ihre erste Impfung sichern wollen, sagt der Arzt und CSU-Gemeinderat aus Ottobrunn. Der momentane Aufwand in seiner Praxis sei "enorm". Daher überlege er mit seinen Kollegen, die Erreichbarkeit vor allem per Telefon herunterzufahren. "Damit die Mitarbeiter wieder zum Arbeiten kommen."

Vor allem durch die Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus ist in den Praxen im Landkreis eine neue Dynamik entstanden. Aber auch der politische und gesellschaftliche Druck auf Ungeimpfte beschert den niedergelassenen Ärzten und ihren Mitarbeitern mehr Arbeit. Es ist allerdings ein Druck, den nicht alle Mediziner gutheißen. Straßburgs Kollege Gregor Christoforis, der als Internist ebenfalls in Unterhaching eine Praxis betreibt, findet, durch die Politik werde Verunsicherung geschürt. Er selbst halte sich in seiner Praxis strikt an die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, vorerst nur Menschen, die älter als 70 Jahre sind oder einer besonders vulnerablen Gruppe angehören, zu boostern. "Die Stiko macht eine super Arbeit. Dort sitzen die Experten und sie machen ihren Job", sagt Christoforis. Daher habe er kein Verständnis, wenn aus der Politik - wie vom amtierenden Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) - Rufe kommen, von dem Rat der Experten abzuweichen und flächendeckend in allen Altersgruppen die dritte Impfung anzubieten.

Corona-Lage im Landkreis

AktuellVgl. Fr.Infizierte gesamt 21 675 + 490

Infizierte ges. mit Mutanten 6445 + 243

Infizierte aktuell 2407+ 304

Tote gesamt 310+ 0

Vollständig Geimpfte 249 744 + 658

Sieben-Tage-Inzidenz 407,8 348,3

Quelle: Landratsamt München

Der Oberhachinger Allgemeinmediziner und ehemalige Versorgungsarzt des Landkreises Oliver Abbushi spricht von einer dynamischen Entwicklung bei den Impfungen - vor allem beim Boostern. "Wir sehen, dass die Immunisierungen deutlich zunehmen, es sind aber auch wieder mehr Erstimpfungen, von denen es vor einem Monat so gut wie keine gab." Anders als sein Kollege Christoforis boostert Abbushi nicht strikt nach Stiko-Empfehlung. "Wir wollen einem dringenden Bedürfnis Rechnung tragen, daher machen wir beim Boostern, ehrlich gesagt, kein großes Aufheben", sagt er. Von kommender Woche an wird in seiner Praxis dienstags ein reiner Impf-Vormittag eingeführt, dann seien 200 Immunisierungen wöchentlich möglich. Allerdings ärgert sich Abbushi, dass Deutschland beim Thema dritte Impfung noch nicht weiter ist. "Das ist jetzt wieder eine Hauruck-Aktion. Man hätte es aber schon ab September besser planen können."

Klaus Straßburg denkt mit seinen Praxiskollegen auch darüber nach, die Strukturen innerhalb der Praxis zu ändern. Bisher erfolgten in seiner Praxis derzeit an einem wöchentlichen Impftag 60 bis 70 Immunisierungen - überwiegend bei Menschen, die älter als 60 sind, sowie bei Menschen aus dem Gesundheitsbereich, wie der Mediziner sagt. Es würden sich aber auch wieder verstärkt Menschen für die erste Immunisierung entscheiden. "Fast jeder kennt einen Fall, der schlimm verlaufen ist", sagt Straßburg. Das verstärke die Impfbereitschaft ebenso wie der Druck auf noch nicht immunisierte Menschen, ist sich der Hausarzt sicher. Ein gewisser Druck sei auch notwendig. Nur dürfe der nicht zu Lasten seiner Mitarbeiter gehen, die "an der Grenze" arbeiteten. Am Impfstoff selbst werde es nicht scheitern, ist der Ottobrunner Mediziner überzeugt. "Bisher haben wir über die Apotheken immer die Menge bekommen, die wir bestellt haben."

Impfbus im Landkreis München in Neuried

Schon am Morgen bildet sich eine Schlange vor der Mehrzweckhalle in Neuried, wo der Impfbus hält.

(Foto: Florian Peljak)

Friedrich Kiener, Allgemeinmediziner in Unterschleißheim, sieht das Impfen durch die Hausärzte noch recht entspannt. "Bei uns funktioniert das auf alle Fälle", sagt er. Vor allem da die Vergütung pro Impfung nun angehoben wurde: Statt bisher 20 Euro gibt es von diesem Dienstag an 28 Euro. Kiener rechnet deshalb damit, dass wieder mehr Ärzte impfen. Wesentlich günstiger als in Impfzentren käme das den Staat allemal.

Natürlich sei das zusätzliche Arbeit in der normalen Sprechstunde. In seiner Praxis könnten etwa 30 bis 35 Impfungen pro Tag vorgenommen werden. "Wir bieten aber auch reine Impftage an, da schaffen wir dann etwa 100", sagt Kiener. Auch Impfwillige, die nicht zu seinem Patientenstamm gehören, könnten sich bei ihm melden: "Es kann nur sein, dass man mal etwas länger auf einen Termin warten muss." Aktuell müsse man mit Mitte Dezember rechnen.

Unterdessen hat der Impfbus seine Tour durch den Landkreis gestartet. An der ersten Station, vor der Mehrzweckhalle am Haderner Winkel in Neuried, bildete sich am Montagvormittag eine lange Schlange. Es sei buchstäblich "die Hölle los", beschrieb ein Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung die Lage. Schon um 7 Uhr morgens seien die ersten Impfwilligen dagewesen. Einige reisten sie sogar bis aus Rosenheim an. "Wir wollten heute einen München-Besuch machen und haben den Termin aus dem Internet", sagte eine ältere Frau, die ihren Namen nicht nennen wollte. "In Rosenheim ist das schwieriger." Wie die meisten Befragten waren die Frau und ihr Mann gekommen, um sich eine Auffrischungsimpfung geben zu lassen.

Impfbus im Landkreis München in Neuried

Emanuel Kittlaus ruft die Wartenden zur Impfung auf, wenn sie an der Reihe sind, hier die Nummer 13.

(Foto: Florian Peljak)

Aber auch in Neuried waren Zeit und Geduld gefragt. Die Gemeinde hatte sechs Mitarbeiter an die Impfstation geschickt, um das Team des Landkreises zu unterstützen. "Ohne uns würde das hier überhaupt nicht laufen", so ein Rathausmitarbeiter. Trotzdem - und weil zeitweise nur ein einziger Arzt anwesend war - kam es zu stundenlangen Wartezeiten vor der einzigen Kabine, die in der Halle aufgestellt war. Dort warteten zeitgleich mehr als hundert Impfwillige. Einigen riss der Geduldsfaden. Obwohl die Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes versicherten, niemand werde weggeschickt, es sei genug Impfstoff für jeden Wartenden da, zogen manche unverrichteter Dinge davon. Andere harrten aus - wenn auch nur bedingt freiwillig. "Wir machen das hier bloß, weil uns fast nichts mehr übrig bleibt", sagte eine junge Frau, die mit ihrer Mutter anstand. "Man wird praktisch gezwungen."

An diesem Dienstag kommt der Impfbus nach Planegg. Von 9 bis 17.30 Uhr steht er am Kirchplatz St. Elisabeth. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Man muss lediglich seinen Impfpass oder die Impf-App auf dem Handy mitbringen sowie den Personalausweis, gegebenenfalls auch eine Medikamenten-Auflistung oder ein aktuelles Testergebnis, das aufzeigt, dass eine Corona-Erkrankung länger als sechs Monat zurückliegt. Kinder von 12 bis 15 Jahren müssen in Begleitung eines Erziehungsberechtigten kommen. Weitere Informationen unter www.landkreis-muenchen.de/jetztimpfen.

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