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Corona-Pandemie:"Schutzkleidung ist echt Mangelware"

Oberhaching, Oliver Abbushi ist Versorgungsarzt mit Praxis in Oberhaching, er testet selbst in seinem Hinterhof

Oliver Abbushi koordiniert als Versorgungsarzt die Hausärzte und Fachärzte im Landkreis.

(Foto: Angelika Bardehle)

Versorgungsarzt Oliver Abbushi aus Oberhaching sieht den Landkreis gerüstet im Kampf gegen das Virus - aber er nennt auch Probleme

Am Anfang, sagt Oliver Abbushi, habe er schon "einen großen Kloß im Hals gehabt". Dieses Symptom diagnostizierte der Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin mit einer Praxis in Oberhaching vergangene Woche, als ihm Landrat Christoph Göbel (CSU) mitteilte, er werde zum Versorgungsarzt für den Landkreis München bestellt. Eine Aufgabe, die Abbushi gleichermaßen mit weitreichenden Vollmachten in der Bekämpfung des Coronavirus und mit Verantwortung ausstattet. Denn der 47-Jährige, der in Göttingen, Berlin und München studiert und an der Charité in der Hauptstadt promoviert hat, soll nicht weniger als die ärztliche Grundversorgung inmitten des aktuellen Katastrophenfalls sicherstellen.

Abbushi ist derzeit am besten telefonisch zu erreichen. Schließlich gilt auch für ihn selbst das Gebot der Stunde: Abstand halten. Mit ruhiger Stimme berichtet er über eine Situation, die auch bei ihm in der Praxis vieles verändert hat. "Die Abläufe sind momentan völlig anders", sagt er. "Wir haben vieles anpassen müssen, um auch die chronisch Kranken weiter behandeln zu können, und hygienisch alles so geordnet, dass die Patienten ohne Angst in die Praxis kommen können." Wie auch viele andere Kollegen im Landkreis derzeit "sehr erfinderisch" seien und sich auf die Ausnahmesituation eingestellt hätten, um die Arbeit am Laufen halten zu können. Verdachtsfälle und Infizierte würden zu gesonderten Zeiten und in separaten Räumen behandelt, sagt Abbushi. Patientengespräche würden vermehrt per Telefon oder per Videochat geführt. "Es ist sehr viel Arbeit, und es gibt viele Fragen in Richtung Corona. Der Informationsbedarf bei den Menschen ist groß, wir versuchen, alle Fragen zu beantworten und zu beruhigen."

Nach seiner Berufung zum Versorgungsarzt habe er sich erst einmal einen Überblick über die gesamte medizinische Versorgungssituation im Landkreis verschafft - und dabei natürlich auch gefragt: Wie ist der Landkreis aufgestellt? Klare Antwort: "Sehr gut. Ich war sehr überrascht, wie schnell die Ärzte gemeinsam mit den Gemeinden Angebote geschaffen haben." Vor allem der Aufbau der mittlerweile 21 Testzentren in den Kommunen des Landkreises sei vorbildhaft und leiste einen enormen Beitrag zur Eindämmung des Virus. Und die Bedeutung der Teststationen werde noch zunehmen, ist sich der Mediziner sicher. Denn künftig sollen in ausgewählten Zentren, deren Infrastruktur das zulässt, auch Patienten behandelt und auf die Weise die medizinischen Kapazitäten erweitert werden. "Das geht aber natürlich nicht dort, wo ein Zelt auf einem Parkplatz steht. Aber wir prüfen, wo wir es möglich machen können."

Bei seiner Arbeit als Versorgungsarzt steht Oliver Abbushi ein kleiner Stab zur Seite, neben einer Assistenz unterstützt ihn der Münchner Mediziner Wolfgang Ritter als sein Stellvertreter. Regelmäßig tagen sie mit den Mitarbeitern der Katastrophenschutz-Abteilung im Landratsamt, es finde ein reger Austausch mit der Kassenärztlichen Vereinigung und vor allem den Hausärzten und allen anderen Fachärzten im Landkreis statt. "Ich habe auch mit Kinder- und Zahnärzten Kontakt aufgenommen und bin wirklich allen Fachärzten dankbar, die die Versorgung aufrecht erhalten." Rein theoretisch könnte er Maßnahmen auch per Anordnung durchsetzen, doch Konsens sei derzeit wichtig.

Ein Problem beschäftigt Abbushi - wie alle Ärzte und das medizinische Personal - derzeit allerdings besonders: Der eklatante Mangel an Schutzkleidung. "Das stellt für uns wirklich ein Problem dar. Schutzkleidung ist echte Mangelware. Teilweise sind Kollegen gezwungen, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden, etwa Stoffmasken einzusetzen", sagt der Versorgungsarzt. Er selbst habe bereits für etwa 5000 Euro über Amazon "zu vollkommen überteuerten Preisen" Schutzkleidung für seine Praxis bestellt. "Wenn wir arbeiten wollen, kann ich meine Mitarbeiter nicht ohne Schutzkleidung zu den Patienten lassen", sagt er. Vor zwei Tagen habe der Landkreis von der Kassenärztlichen Vereinigung Schutzkleidung in geringen Mengen erhalten - die aber sei bei der Versorgung mit Schutzkleidung im Katastrophenfall ohnehin nicht in der Pflicht, sondern letztlich "politische Stellen", sagt Abbushi.

Dennoch beobachte er, mit welchem "Enthusiasmus" sich die Kollegen im Landkreis in die Arbeit stürzten. "Und das will ich auch weiter fördern. Denn wir müssen natürlich im Blick haben, ob Corona noch einmal heftiger wird, und entsprechende Strukturen aufbauen", sagt der Oberhachinger. In der derzeitigen Situation könne er nur an die Menschen appellieren, sich an die bestehenden Regeln zu halten. "Derzeit spüren wir eine leichte Entlastung, es kann aber sein, dass es noch einmal einen Anstieg gibt", sagt Abbushi. "Dass wir die Menschen im Landkreis aber nicht versorgen können, so weit wird es, da bin ich mir sicher, nicht kommen."

Der Kloß in seinem Hals hat sich nur als leichtes Symptom erwiesen und ist längst verschwunden. Trotz der Belastung durch derzeit zwei Jobs strahlt Abbushi selbst via Telefon Tatendrang aus. "Mir macht das durchaus Freude, dass ich eine ganze Menge für die Bevölkerung im Landkreis bewegen kann", betont er. Und für eines sei er sehr dankbar: "Die breite Unterstützung, die ich in dieser sehr spezielle Situation erfahre."

© SZ vom 08.04.2020

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