Süddeutsche Zeitung

Corona-Pandemie:Das Virus erreicht Heime und Krankenhäuser

Landrat Göbel nennt die Lage "besorgniserregend" und mahnt einheitliche Regelungen etwa bei der Maskenpflicht an

Von Martin Mühlfenzl, Landkreis

Die Corona-Lage im Landkreis spitzt sich weiter zu. Das Virus findet wieder seinen Weg in Alten- und Pflegeheime sowie Asylbewerberunterkünfte, die Nachverfolgung von Kontaktpersonen gestaltet sich angesichts der hohen Infektionszahlen immer schwieriger und immer mehr Menschen müssen stationär im Krankenhaus behandelt werden. Die Situation sei besorgniserregend, sagte Landrat Christoph Göbel (CSU) am Freitag bei einer Video-Pressekonferenz. Gleichzeitig mahnte er erneut einheitliche Regelungen etwa bei der Maskenpflicht für Grundschüler im Unterricht an und attackierte den "Zirkus", den die Staatsregierung mit ihren vagen Verordnungen veranstalte. Göbel kündigte an, sich notfalls in Kooperation mit den Nachbarlandkreisen und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf einen einheitlichen Kurs zu verständigen. "Wenn die Staatsregierung nicht liefert, machen wir es selbst."

Mit der weiter steigenden Sieben-Tage-Inzidenz wächst auch die Zahl von Bewohnern in Alten- und Pflegeheimen sowie Mitarbeitern, die an Covid-19 erkranken. Stand Freitag waren vier Heime und sieben Bewohner sowie sieben Mitarbeiter aus drei Einrichtungen positiv getestet. Insgesamt 61 Bewohner und 36 Mitarbeiter sind als Kontaktpersonen der Kategorie 1 in Quarantäne. In Flüchtlingsunterkünften sind 14 Menschen positiv getestet, 13 von ihnen wurden vorsorglich in der Unterkunft des Landkreises in Haar untergebracht, 38 Schutzsuchende befinden sich als Kontaktpersonen in Quarantäne. Göbel machte noch einmal deutlich, dass das oberste Ziel sei, vor allem vulnerable Gruppen zu schützen.

"Der Eintrag des Virus in Alten- und Pflegeheime von außen ist leider latent vorhanden", sagte der Landrat. Mittlerweile hätten in 30 der 56 Pflege- und Altenheime im Landkreis unter Bewohnern und Mitarbeitern Reihentestungen stattgefunden, diese würden ausgeweitet. Vorerst würden unter strengen Sicherheitsvorkehrungen auch weiter Besuche ermöglicht. Erst wenn es nicht mehr möglich sei, die Bewohner zu schützen, würden komplette Schließungen der Heime als Ultima Ratio erfolgen.

Auch in den Krankenhäusern ist das Virus nach den Worten des Landrats weiter auf dem Vormarsch. In Oberbayern wachse die Zahl der Menschen, die stationär behandelt werden müssen "drastisch". Derzeit lägen in den oberbayerischen Kliniken nahezu 350 Menschen mit Covid-19, auf dem Höchststand im April waren es 1215. Die momentane Belegung entspricht in etwa einem Drittel der für Covid-19-Patienten reservierten Betten auf den Stationen, die der Intensivstation vorgelagert sind. Wie viele Patienten aus dem Landkreis in Kliniken behandelt werden, könne aus den Statistiken nicht herausgelesen werden, heißt es aus dem Landratsamt. Nur so viel: Es werden immer mehr.

74 neue Fälle

einer Infektion mit dem Coronavirus hat das Gesundheitsamt zwischen Donnerstag- und Freitagnachmittag gezählt. Damit sind (Stand: Freitag, 14 Uhr) 539 Landkreisbewohner aktuell infiziert. Insgesamt wurden seit Beginn der Pandemie 3181 Corona-Fälle im Landkreis registriert. Mit zwölf Neuinfizierten meldet Haar erneut den höchsten Wert, gefolgt von Taufkirchen, Oberschleißheim und Unterhaching. Zum Ferienbeginn am Freitag erhöhte sich die Zahl der Schulen, aus denen Kinder in Quarantäne müssen, auf 32. Außerdem sind 19 Kita-Gruppen betroffen.

Ebenfalls immer mehr Schulen müssen Klassen in Quarantäne schicken, Stand Freitag waren 32 Einrichtungen betroffen. Dank der Herbstferien kann laut Göbel aber "etwas Ruhe" hineinkommen. Es sei wichtig, jetzt Zeit zu gewinnen. Zeit, die im Gesundheitsamt und in den Rathäusern fehlt, denn die Nachverfolgung von Kontaktpersonen wird laut Gerhard Schmid, dem Leiter des Gesundheitsamtes, immer schwieriger. "Aber wir geben nicht auf." Einen Einsatz der Bundeswehr schließt der Landrat derzeit noch aus, auch wenn erneut der Katastrophenfall in Bayern ausgerufen werden sollte, womit Göbel im Lauf der nächsten Woche rechnet. Stattdessen setzt der Landrat verstärkt auf den Einsatz von Schnelltests, etwa auch in Schulen.

Die Einigung auf erneute Beschränkungen im öffentlichen Leben begrüßt Göbel. Dieser erneute "Lockdown" müsse aber auch genutzt werden, um Konzepte für die Zeit nach dem November zu entwerfen. Konzepte, die die Menschen verstünden und die öffentlich diskutiert würden, wie Göbel sagt.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2020
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