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Pharma-Unternehmen in Grünwald:Corona-Rettung in kleinen Dosen

Am Hauptproduktionsstandort in Brehna wird der Impfstoff hergestellt (im Foto ein Laborant bei einer Tablettenherstellung).

(Foto: Christian Günther)

Das Unternehmen Dermapharm ist an der Produktion des Corona-Impfstoffs von Biontech beteiligt. In seinem Sterilbetrieb nahe Leipzig wird das Vakzin aufbereitet, abgefüllt und verpackt.

Von Iris Hilberth, Grünwald

Am südöstlichen Zipfel von Geiselgasteig, abseits der Bavaria-Filmstadt, noch hinter den Studios und Fernsehsendern steht am Waldrand ein weißes Bürogebäude. Mit dem Show-Business der übrigen Firmen auf diesem großen Areal im Grünwalder Ortsteil hat es nichts zu tun, filmreif wäre es gleichwohl: Denn hier am Lil-Dagover-Ring hat seit den Neunzigerjahren Dermapharm seinen Firmensitz, ein börsennotiertes deutsches Pharma-Unternehmen. Bislang verdiente der Hersteller und Vertreiber von patentfreien Markenarzneimitteln sein Geld hauptsächlich mit dermatologischen und allergologischen Präparaten. Jetzt rückt die Dermapharm-Gruppe durch einen Deal ins Rampenlicht: Das Unternehmen produziert für das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech und dessen Partner Pfizer seit kurzem BNT162b2, den Corona-Impfstoff.

Nach dem Deal im September wurde in kürzester Zeit die Produktion aufgebaut

Die Kooperations- und Liefervereinbarung wurde im September geschlossen, seit die behördliche Genehmigung vorliegt und der Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen ist, werden bei Dermapharm die ersten Chargen hergestellt. Der Impfstoff wird allerdings nicht im Isartal, sondern am Hauptproduktionsstandort nahe Leipzig, in Brehna (Sachsen-Anhalt), hergestellt. In Grünwald sitzen lediglich die beiden Gesellschaften Dermapharm AG und Dermapharm Holding SE. Nach Firmangaben beschäftigt die Gruppe etwa 2 260 Mitarbeiter in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in der Produktion in Brehna arbeiten zirka 500, in Grünwald ungefähr 90 Angestellte.

Ampullen, Tabletten, Kapseln, Tropfen und Sprays werden in dem Werk in Sachsen-Anhalt produziert. "Rund die Hälfte unserer Markenarzneimittel sind Originalprodukte, die nur einen oder sogar gar keinen Wettbewerber haben", betont Unternehmenssprecherin Britta Hamberger. Ein Vitamin-D-Präparat gilt als Flaggschiff, Systemische Kortikoide sind ein wichtiger Bereich, in der Gynäkologie ist die Gruppe gut im Geschäft, in der Schmerzbehandlung ist Dermapharm mit einem Muskelrelaxans-Produkt vertreten. Ein Impfstoff war bislang nicht dabei.

Für die Kooperation mit Biontech habe Dermapharm in seiner Produktionsstätte "in kürzester Zeit die erforderlichen Voraussetzungen geschaffen", um auf diesem Gebiet tätig zu werden, wie das Unternehmen mitteilt. "Dermapharm verfügt über ein spezielles Know-how bei der Herstellung von aseptischen Produkten und im Umgang mit Lipiden, denen bei der Formulierung der Impfstoffe eine Schlüsselfunktion beigemessen wird", hatte Hans-Georg Feldmeier, Vorstandsvorsitzender der Dermapharm Holding SE, den Deal kommentiert. Das heißt: In Brehna besitzt das Unternehmen einen Sterilbetrieb mit allen technischen Voraussetzungen und ausgebildetes Personal für die Produktion eines anwendungsbereiten Impfstoffes.

Am Lil-Dagover-Ring in Grünwald hat die Firma Dermapharm ihren Sitz.

(Foto: Claus Schunk)

Wie Sprecherin Hamberger ausführt, wurde gemeinsam mit den Kollegen von Biontech der Herstellungsprozess "in sehr kurzer Zeit" industrialisiert, die analytischen Methoden zur Qualitätskontrolle etabliert und Lösungen für die sehr anspruchsvolle Kühllogistik erarbeitet. "Von der Behörde in Sachsen-Anhalt haben wir dann auch sehr schnell die Genehmigung erhalten, diesen Impfstoff in Brehna zu produzieren", betont sie.

Auf Basis der Boten-Ribonukleinsäure (mRNA), dem Wirkstoff, übernimmt Dermapharm die Formulierung des Impfstoffs. Das heißt, es werden andere inaktive Inhaltsstoffe ergänzt, um die Leistung des Arzneimittels zu optimieren. Bei der Entwicklung von Medikamenten können das Trägerstoffe, Verdünnungsmittel, Schmierstoffe und Bindemittel sein. Es geht dabei auch um die Darreichungsform, um eine Arznei als Tablette, Kapsel, Injektion oder auch inhalativ anzuwenden.

Neben der Formulierung ist Dermapharm für das "Fill & Finish", also die Abfüllung und Verpackung des Impfstoffes zuständig. Wie viele Impfdosen Dermapharm herstellt und welchen Anteil an der Gesamtproduktion in den Händen des Grünwalder Unternehmen liegt, darüber herrscht Stillschweigen. "Im Zuge der Kooperations- und Liefervereinbarung mit Biontech haben wir zugestimmt, keine Angaben zu Volumina und Preisen zu machen", so die Unternehmenssprecherin.

Den Aktienkurs von Dermapharm hat die Kooperation mit Biontech beflügelt. Aktuell liegt er bei etwa 57 Euro. Als Firmengründer Wilhelm Beier das Unternehmen 2018 an die Börse brachte, wurde die Aktie zu je 28 Euro ausgegeben. Diesen Oktober hat der Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratchef Beier einen weiteren Teil seines Aktienpakets verkauft und hält nun noch etwa 65 Prozent. Wie das Unternehmen im November mitteilte, hat es in den ersten neun Monaten seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,5 Prozent auf 577,2 Millionen Euro gesteigert.

© SZ vom 29.12.2020/kafe
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