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Berufsausbildung:Abschied vom Traumjob

12.02.2020, Remscheid, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Auszubildende Frau in Metallberufen, hier an einer Werkzeugmas

Technische Berufe werden auch bei jungen Frauen immer beliebter, gesucht aber werden vor allem angehende Kaufleute.

(Foto: Imago)

Trotz der Corona-Krise gibt es im Landkreis deutlich mehr Lehrstellen als Bewerber. So groß wie in den Vorjahren ist das Angebot aber nicht mehr. Viele Schulabgänger müssen deshalb Abstriche bei der Berufswahl machen.

Seit sechs Jahren bringt Karl Bayerschmidt Traum und Wirklichkeit im Leben junger Menschen zusammen und vielleicht hat er sich damit noch nie so viel Mühe geben müssen wie in den vergangenen Monaten. Er arbeitet als Berufseinstiegsbegleiter an der Mittelschule in Haar und hilft Schülern ab der achten Klasse, die passende Ausbildung zu finden. Normalerweise ermuntere er die Jugendlichen zur Selbstständigkeit, sagt er. Und meint damit: Lebenslauf und Anschreiben sollen sie selbst schreiben - er korrigiert bloß. Doch dieses Jahr, als die Schule wegen Corona geschlossen hatte, sei das schwer möglich gewesen. "Manche Familien haben keinen Drucker und keinen Computer zu Hause." Ein paar Mal habe er die Bewerbungen deshalb für seine Schüler geschrieben, ausgedruckt und ihnen zu Hause vorbeigebracht. Das Ergebnis: "Alle meine Schäfchen sind versorgt" - mit einem Platz auf einer Wirtschaftsschule oder einer Ausbildungsstelle.

Die Bundesregierung fürchtete, dass die Corona-Krise vor allem junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens hart treffen könnte. Um Unternehmen einen Anreiz zu bieten, weiterhin den Nachwuchs zu fördern, brachte sie am Mittwoch eine Prämie von 3000 Euro auf den Weg. Diesen Zuschuss sollen kleine und mittlere Betriebe bekommen, die wegen Corona starke Einbußen erlitten oder Kurzarbeit anmelden mussten, aber trotzdem die Zahl der Auszubildenden halten oder sogar erhöhen. Das könne besonders gebeutelten Branchen etwa aus der Gastronomie oder der Veranstaltungswirtschaft helfen und ein "stabilisierendes Signal" für den Ausbildungsmarkt sein, sagt Florian Kaiser, Leiter der Bildungsberatung der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK). Doch zumindest in Stadt und Landkreis München ist dieser bis jetzt ohnehin nicht in sich zusammengefallen. "Es herrscht kein Grund zur Panik", sagt Kaiser. Zwar gab es im Landkreis München vergangenes Jahr um diese Zeit rund 300 Ausbildungsstellen mehr als heuer. Doch noch immer könnte - zumindest theoretisch - jeder Suchende einen Platz finden: 1117 Bewerber kamen im Mai auf 1919 Stellen. Dass es trotz Corona mehr Ausbildungsplätze als Interessenten gibt, gelte für ganz Bayern, betont Kaiser: Rechnerisch könnte jeder Bewerber im Freistaat zwischen 1,7 Stellen wählen.

"Für Azubis ist die Situation immer noch megagut", sagt auch Sebastian Treml, der für die Agentur für Arbeit Mittel- und Realschüler in Ismaning und Unterföhring berät. Bei einem Online-Elternabend habe kürzlich ein Technikunternehmen für seine Ausbildungsplätze geworben. Die Eltern seien darüber ganz überrascht gewesen. Viele wüssten nicht, dass es trotz Corona Jobchancen gibt, sagt Treml. Er wäre froh, wenn sich noch mehr Schüler bei ihm melden, denen er bei der Suche helfen kann. "Ich sitze ständig neben dem Telefon und kümmere mich um jede Sorge." Sein Appell: Trotz schlechter Nachrichten sollten Schulabgänger nun nicht den Mut verlieren. Dass die Stimmung unter den Schülern teilweise melancholisch, die Atmosphäre in den Klassenzimmern fast zu ruhig gewesen sei, berichtet der Haarer Berufsberater Karl Bayerschmidt. Er erklärt sich das damit, dass die Schule so lange ausgefallen sei und lange Unklarheit geherrscht habe, wie es weitergehen soll. Bei manchen Schülern habe sich irgendwann eine "gewisse Wurstigkeit" eingestellt.

Die meisten Stellen gibt es in kaufmännischen Berufen

Vielleicht lässt sich damit auch erklären, warum zumindest bei den handwerklichen Berufen in Oberbayern bis jetzt 500 Menschen weniger einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben als im vergangenen Jahr um diese Zeit. Ende Mai 2019 hatten 3000 junge Leute einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, dieses Jahr sind es nur 2500. "Gerade die kleineren Betriebe warten ab, wie sich die Situation entwickelt", sagt IHK-Pressesprecher Jens Christopher Ulrich. In vielen Betrieben, etwa Friseursalons, müssten sich die neuen Hygiene- und Abstandsregeln erst einspielen. Ulrich geht deshalb davon aus, dass viele Verträge dieses Jahr erst kurz vor Ausbildungsbeginn oder danach abgeschlossen werden.

Doch in vielen Fällen müssen Jugendliche momentan wohl auch ihre Wünsche der Realität anpassen. Die meisten Stellen gibt es dieses Jahr in kaufmännischen Berufen. Doch die begehrtesten Plätze sind das nicht immer: Nur 51 Bewerber wünschen sich laut Arbeitsagentur eine Ausbildung als Kaufmann im Einzelhandel. Stellen sind im Landkreis München jedoch fast dreimal so viele vorhanden. Sich mit den Schülern Alternativen zu überlegen, wenn es mit dem Traumberuf nicht klappt, gehört auch zu Karl Bayerschmidts Aufgaben an der Mittelschule Haar. So brachte er dieses Jahr drei von fünf Schülern, die er betreut, bei Supermärkten unter. Darunter ist auch der 15-jährige Matthias Seibold, der im Herbst eine Ausbildung als Verkäufer bei Edeka beginnt. Auf fünf Bewerbungen, die er an Supermarktketten geschrieben hatte, bekam er nur eine Absage. Kurzzeitig habe er auch erwogen, sich als Hotelfachkraft zu bewerben, doch diesen Plan habe er schon vor Corona verworfen. Andere von Bayerschmidts Schülern absolvierten zwar ein Praktikum in der Gastronomie, überlegten sich es dann zu Beginn der Pandemie aber noch einmal anders.

Trotz Krise bildet die Gastronomie aus

Dabei gibt es selbst in diesem Jahr in der Gastronomie Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Der Alte Wirt in Grünwald und der Brauerei Aying etwa bilden trotz Krise aus. Allerdings sind auch dort bereits alle Stellen besetzt. Brauereichef Franz Inselkammer wird im Herbst zwölf neue Azubis einstellen. Unterschrieben waren die Verträge bereits vor Ausbruch der Pandemie, bevor er seine Gaststätte in Aying wochenlang schließen musste und bevor die Regierung die Ausbildungsprämie beschloss. Über die 3000 Euro pro Auszubildendem freut sich Inselkammer - mehr Lehrlinge wolle er trotzdem nicht einstellen, obwohl er dieses Jahr besonders gute Bewerbungen bekommen habe. "Ohne Corona hätten wir uns vielleicht noch einen Azubi mehr geleistet", sagt er. "Jetzt müssen wir schon ein wenig vorsichtig sein."

Auch die Reiseagentur Novareisen in Unterhaching wird im Herbst keinen neuen Azubi einstellen, daran ändert auch der staatliche Zuschuss nichts. Normalerweise setze er sehr viel auf Auszubildende, schreibt der Geschäftsführer Stefan Meyr. Momentan beschäftige er vier und eine Werkstudentin. Doch gerade liege der Umsatz bei Null und die Priorität woanders: "Wir versuchen alles Mögliche, um die Arbeitsplätze zu halten."

© SZ vom 26.06.2020/hilb

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