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Corona im Landkreis München:Eingepfercht auf engstem Raum

"Better off alone" steht auf Samirs T-Shirt. Tatsächlich wäre er in diesen Zeiten wohl besser dran, wenn er alleine wohnen könnte und sich nicht ein Zimmer mit drei anderen Flüchtlingen teilen müsste.

(Foto: Catherina Hess)

Die Bewohner von Asylunterkünften können während des Lockdowns kaum Abstand halten. Mindestens 45 haben sich im Landkreis bereits mit dem Coronavirus infiziert. Während diese in einem eigenen Gebäude isoliert werden, müssen ihre Kontaktpersonen gemeinsam in Quarantäne.

Wenn man Nour anruft, hört man im Hintergrund viele Stimmen und Kindergeschrei. Die 15-Jährige, die in Syrien auf die Welt gekommen und im Libanon aufgewachsen ist, wohnt mit ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren beiden Brüdern, ihren beiden Schwestern und ihrem Neffen in einer Unterkunft in Oberhaching. Acht Menschen in zwei Zimmern mit Küche und Bad. Der Jüngste ist zwei, der Älteste 42 Jahre alt. Normalerweise seien alle beschäftigt, sagt Nour. Ihr Vater arbeitet in einer Fabrik, ihre Mutter besucht einen Deutschkurs, ihre Schwester passt auf ihren kleinen Sohn auf, der Rest geht so wie Nour in die Schule.

Doch weil wegen der Corona-Pandemie die Schulen geschlossen sind, Deutschkurse ausfallen und es für den Vater weniger Arbeit gibt als sonst, sitzt die Familie seit Wochen die meiste Zeit in der Unterkunft fest. "Es ist echt langweilig", sagt Nour. Und vor allem sei es laut. Sie müsste eigentlich Hausaufgaben machen, aber es falle ihr schwer, sich zu konzentrieren. Einen eigenen Schreibtisch hat Nour nicht, die Gemeinschaftsräume in der Unterkunft sind geschlossen. Also sitzt sie zum Lernen in der Küche - so wie der Rest der Familie.

Hinzu kommt die Angst: Seit kurzem weiß die Familie, dass sich in ihrer Wohnanlage ein Asylbewerber mit dem Virus angesteckt hat. Er ist laut Psychologin Nina Hartmann, einer Asylberaterin der Caritas, in eine Unterkunft nach Haar verlegt worden. 26 Einzelzimmer hat das Landratsamt dort vor ein paar Wochen für infizierte Geflüchtete eingerichtet, damit sie ihre Zimmernachbarn nicht anstecken. Der erkrankte Asylbewerber aus Oberhaching habe nur leichte Symptome, sagt Hartmann. Zehn weitere Flüchtlinge, mit denen er Kontakt hatte, mussten sich in Quarantäne begeben und dürfen nun ihre Wohnungen nicht verlassen. Dort leben sie jeweils zu fünft. Diese Enge sei belastend, sagt Hartmann. "Doch die Sorge, dass sie ihren Job verlieren, weil sie während der Quarantäne nicht arbeiten können, ist noch größer."

Bäder und Küchen müssen sich bis zu 34 Personen teilen

Der Asylbewerber aus der Oberhachinger Unterkunft ist nicht der einzige, der sich mit dem Virus angesteckt hat. Laut Landratsamt hatten sich Stand Montag 45 geflüchtete Menschen infiziert, davon wurden elf wieder aus der Quarantäne entlassen - wo genau diese Fälle auftraten, dazu macht das Landratsamt keine Angaben. Besonders stark betroffen ist jedoch offensichtlich die Unterkunft in Unterschleißheim. In einer Pressemitteilung schreibt die Stadt, dass sich innerhalb von zwei Tagen 19 Asylbewerber infiziert hätten. Ansonsten steckten sich in dem Ort in diesem Zeitraum bloß zwei weitere Menschen an.

Die Unterschleißheimer Integrationsberaterin Katharina Kreppold erzählt, dass die Erkrankten nach Haar verlegt und das gesamte Stockwerk, auf dem sie wohnten, unter Quarantäne gestellt worden sei. Ein Securitydienst wacht darüber, dass die Asylbewerber ihr Stockwerk nicht verlassen. Für die Geflüchteten sei diese Situation belastend, sagt Kreppold. Privatsphäre gibt es dort nicht, Abstand halten ist schwer möglich: In einem Zimmer leben bis zu vier Personen, Bäder und Küchen müssen sich bis zu 34 Menschen teilen.

In Sachsen haben Gerichte in mehreren Fällen entschieden, dass Asylbewerber Erstaufnahme-Einrichtungen verlassen dürfen, weil sie dort den Mindestabstand von 1,5 Meter nicht einhalten können. In Bayern gibt es ein solches Urteil noch nicht. Doch auch hier fordern Organisationen wie der Bayerische Flüchtlingsrat Lager zu räumen und Geflüchtete in Hotels und Jugendherbergen unterzubringen - besonders vehement nach dem vor Kurzem ein Afghane, der in einer Münchner Unterkunft lebte, an Covid-19 starb.

Um das Virus einzudämmen, schafft das Landratsamt in Unterhaching für Asylbewerber gerade eine weitere Unterkunft mit 264 Plätzen. In die Container sollen Flüchtlinge ziehen, die sich isolieren müssen, weil sie Kontakt mit einer infizierten Person hatten. Asylberaterin Kreppold begrüßt diese Regelung. Denn in Unterschleißheim sei auch die Angst unter den Bewohnern auf den anderen Stockwerken groß gewesen.

Helfer haben nur telefonischen Kontakt

Wie belastend es sein kann, plötzlich den Großteil des Tages in einer Asylunterkunft zu verbringen, erlebt der 33-jährige Samir aus Syrien gerade. Er arbeitet seit zwei Jahren als Helfer bei einem Unternehmen, das Messen aufbaut. Normalerweise arbeite er von 9 bis 19 Uhr, erzählt er, normalerweise komme er bloß zum Schlafen in sein Zimmer in Oberschleißheim, das er sich mit drei anderen Männern teilt. Doch dann wurde er Anfang April in Kurzarbeit geschickt - mindestens bis Ende August. Denn bis dahin sind Großveranstaltungen wie Messen in Deutschland verboten. Seine Tage seien nun alle gleich: Um acht Uhr stehe er auf, mache Sport, gehe spazieren und einkaufen, koche, esse, schlafe. Privatsphäre habe er in seinem Zimmer nie, das Risiko sich anzustecken, sei dort groß: Ein Zimmernachbar arbeite bei McDonalds, der andere in einer Arztpraxis.

134 Personen gelten noch als infiziert

Die Zahl der bestätigten Neuinfektionen mit dem Coronavirus im Landkreis München bewegt sich weiterhin auf niedrigem Niveau. Seit Sonntag meldet das Landratsamt drei weitere Fälle. Damit haben sich seit 4. Februar insgesamt 1309 Personen mit dem Virus angesteckt. 1152 gelten inzwischen als genesen, offiziell sind 23 an der Infektion gestorben. Aktuell als infiziert gelten daher 134 (Stand Montag: 12 Uhr). Erhöht haben sich seit Sonntag die Infektionsfälle bei den Senioren. Bei den 60- bis 70-Jährigen ist eine Person dazugekommen, sodass jetzt 197 betroffen sind. Zwei weitere Infektionen gibt es in der Gruppe der Ältesten über 80 Jahren, in der nun insgesamt 170 Infizierte gezählt wurden. Weiterhin 17 Fälle listet das Landratsamt bei den Kleinkindern bis vier Jahre auf, 44 bei den Kindern zwischen fünf und 14 Jahren. Die 15- bis 34-Jährigen werden mit 309 Fällen vermerkt, die 35- bis 59-Jährigen mit 572 Infizierten. Die meisten Corona-Fälle gibt es weiterhin in Unterhaching, wo sich bislang 153 Personen infiziert haben. hilb

Im schlimmsten Fall könnte es Samir wenig bringen, dass er mit seinen Freunden gerade nur per Whatsapp und E-Mail Kontakt hält. Trotz der Angst vor dem Virus und der Langeweile sei es in ihrem Zimmer bis jetzt noch zu keinem Streit gekommen. "Wir sind Freunde", sagt Samir.

Dass es in den Asylunterkünften überwiegend friedlich zugeht, beobachtet auch Antje Spilsbury, die stellvertretende Kreisgeschäftsführerin der Caritas. Doch in den vergangenen Wochen hatten ihre Berater zu den Geflüchteten praktisch nur telefonischen Kontakt. Nun wollen sie sich langsam wieder in die Unterkünfte wagen - zumindest in die, für die das Münchner Landratsamt zuständig ist. Bei denen, die zum Bezirk Oberbayern gehören, sei für die Helfer der Zutritt verboten.

Spilsbury plant, auf den Schreibtischen so ähnlich wie im Supermarkt Plexiglaswände aufzustellen, auch einen Mundschutz sollen die Berater tragen. Dass sie nun wieder persönlich mit den Geflüchteten Kontakt aufnehmen, sei gerade besonders wichtig, sagt Spilsbury: Denn manche Asylbewerber, die nun plötzlich arbeitslos wurden, wüssten nicht, wie sie sich den nächsten Einkauf leisten sollen. Für sie hat die Caritas einen Notfallfonds geschaffen. Er soll helfen, die Zeit zwischen dem letzten Gehalt und der ersten Hartz-IV-Zahlung zu überbrücken.

Auch Samir trifft die Kurzarbeit finanziell hart: Im April habe er zwar noch den gesamten Lohn erhalten, von Mai an werden es aber wohl bloß noch 800 Euro sein. Eigentlich wäre er gerne aus der Unterkunft in Oberschleißheim in eine eigene Wohnung gezogen. Doch selbst ein WG-Zimmer kostet in München oft um die 700 Euro Miete. Das könne er sich gerade nicht leisten. "Ich hoffe, dass Corona bald vorbei ist", meint er.

Für digitales Lernen fehlt den Schülern ein Computer

Genau das Gleiche sagt die 15-Jährige Nour am anderen Ende des Landkreises in ihrer Unterkunft in Oberhaching. Geflüchtete Kinder wie sie treffe die Corona-Krise besonders hart, da sind sich die Asylberaterinnen einig. Seit die Schulen geschlossen sind, laden Lehrer das Unterrichtsmaterial meist auf Lernplattformen im Internet hoch. Doch einen Computer oder einen Drucker besitzen die meisten geflüchteten Familien nicht. In Oberhaching spendete laut Hartmann ein Unternehmer nun drei Laptops. Doch noch können die Kinder dort damit nicht arbeiten, denn das Internet funktioniert nicht. Ehrenamtliche Helfer drucken die Arbeitsblätter und Schulaufgaben deshalb aus und verteilen diese in der Unterkunft.

Unterricht kann das aber nicht ersetzen. Dabei wäre der wichtig: Nour ist 15, besucht aber immer noch die sechste Klasse an der Mittelschule in Oberhaching. Wie das kommt, kann Nour nicht erklären. "Vielleicht wegen der Sprache." Ihr Lieblingsfach sei Mathe, denn Zahlen seien auf der ganzen Welt gleich - in Bayern, wo sie vor zwei Jahren angekommen ist, genauso wie im Libanon, wo sie zuvor zur Schule ging.

© SZ vom 05.05.2020/hilb

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