Ehrenamt in GarchingUnermüdlicher Kämpfer für Integration

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Der Astrophysiker Claudio Cumani aus Garching ist Vorsitzender des örtlichen Integrationsbeirats.
Der Astrophysiker Claudio Cumani aus Garching ist Vorsitzender des örtlichen Integrationsbeirats. (Foto: Catherina Hess)

Claudio Cumani, Astrophysiker und Integrationsbeirat in Garching, setzt sich seit Jahren für Migration und Integration ein. Trotz Rechtsruck engagiert er sich für einen respektvollen Dialog.

Von Sabine Wejsada, Garching

Ganz am Ende des Treffens stellt Claudio Cumani die alles entscheidende Frage „Sind wir nicht alle Zuwanderer?“ und gibt sogleich eine sehr persönliche Antwort. Der Vorsitzende des Garchinger Integrationsbeirats hat seine DNA unter ethnischen Gesichtspunkten prüfen lassen und das Ergebnis war nicht nur aufschlussreich, sondern geradezu eindeutig mehrdeutig: Geboren vor 62 Jahren in Triest, stecken nur knapp fünf Prozent Italien in seinem Erbgut. Dafür weisen an die 60 Prozent auf Übereinstimmungen mit Referenzdaten der Bevölkerung aus dem Balkan und aus Osteuropa hin, 9,3 Prozent auf Afrika – und mehr als ein Viertel auf Wales, Irland und Schottland.

Natürlich stellen diese Werte nur eine statistische Wahrscheinlichkeit dar, welche Regionen und Ethnien in der eigenen Ahnentafel vertreten sein könnten; dabei handelt es sich keinesfalls um eine exakte Bestimmung. „Aber interessant ist das schon“, sagt der Astrophysiker an diesem Nachmittag im offenen Begegnungscafé der Nachbarschaftshilfe in Garching. Denn die Auswertung kann helfen, den eigenen Blick zu schärfen. Nämlich darauf, dass letzten Endes jeder Mensch eine Migrationsgeschichte hat.

Für ihn und seine Arbeit als Integrationsbeirat auf lokaler und bayernweiter Ebene spielt diese neue Erkenntnis nicht wirklich eine große Rolle. Schon lange vor dem Test zur Ahnenforschung hat sich Cumani in Gremien engagiert, die sich mit den Themen Migration und Integration befassen. 2009 schloss er sich dem Integrationsbeirat in Garching an, vor bald zehn Jahren übernahm er den Vorsitz. Seit 2019 ist Cumani im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Migration und Vielfalt in der Bayern-SPD, 2024 übernahm der Garchinger das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten- und Integrationsbeiräte Bayerns (AGABY), dem Dachverband der Integrationsbeiräte im Freistaat.

Bereits in seiner Jugend hat sich Cumani in Triest engagiert, seiner multikulturellen Heimatstadt, in der Menschen verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Glaubens zusammenleben. So hat er in jungen Jahren schon mit Menschen mit Behinderung gearbeitet oder mit Kindern und Jugendlichen, die aus problematischen Elternhäusern stammten. Politisches Interesse begleitete seine Schulzeit und sein Studium, an der Universität in Triest organisierte er zusammen mit Philosophie-Studierenden zahlreiche Seminare. „Wir Physiker sind besonders politisch und sozial engagiert“, sagt der 62-Jährige rückblickend. Was vielleicht damit zu tun haben könnte, dass der Wissenschaft mit der so viel Leid bringenden Entwicklung der Atombombe eine besondere Bedeutung zukommt.

Cumanis ursprünglicher Plan war es nach dem Studium Anfang der Neunzigerjahre, für eine Zeitlang an die Europäische Sternwarte nach Garching zu gehen, um dann eben in eine solche in Triest zurückzukehren. Doch die Lage in Italien war damals schwierig, es gab keine Stellen. Also blieb er – und hat es niemals bereut, wie der mit der einer Garchinger SPD-Stadträtin verheiratete Familienvater sagt. Ihm sei es von Anfang an wichtig gewesen, sich nicht nur in der italienischen Community zu bewegen, auch wenn er zwischen 2004 und 2015 Präsident des Komitees der Italiener im Ausland im Konsularbezirk München war, dem von den in Ober- und Niederbayern, Schwaben und Oberpfalz lebenden Italienern direkt gewählten offiziellen Vertretungsorgan. Dort knüpfte er erste Kontakte in die Politik, lernte durch die Mitarbeit am „Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung“ die ehemalige Bundesfamilienministerin Rita Süssmuth (CDU) kennen. Von dort habe er die Erkenntnis mitgenommen: „Wir sprechen nicht über uns, sondern miteinander.“

Der seit Jahren fortschreitende Rechtsruck bekümmert ihn sehr

Ein Satz mit großer Bedeutung, der für Cumani und sein Engagement noch immer im Vordergrund steht. Freilich gebe es interkulturelle Missverständnisse – und auch Unterschiede. Seiner Überzeugung nach muss man sich immer eines bewusst machen:  „Wenn ich irritiert bin, dann ist das eine Sache, die mit mir zu tun hat und nicht mit den anderen“, sagt der Garchinger, den man getrost als unermüdlichen Kämpfer für die Integration bezeichnen kann. Der seit Jahren fortschreitende Rechtsruck bekümmert ihn sehr, sein Bemühen aber geht weiter.

Über den Garchinger Integrationsbeirat sagt Cumani: „Wir sind jetzt wirklich eins, zusammengewachsen und aneinander gewachsen.“ Mit den Jahren sei die Arbeit des Gremiums in der Stadtpolitik und der Stadtgesellschaft immer mehr wahrgenommen worden. „Klar, es gibt überall Dinge, die nicht funktionieren oder besser sein könnten, aber statt zu streiten, gilt es, mit allen zu reden.“ Und das gelingt seinen Worten zufolge immer besser. Unterschiedliche Meinungen und Standpunkte hätten ihre Berechtigung, doch mit gegenseitigem Respekt und dem Willen, einander zuzuhören, sei es möglich, für gemeinsame Interessen einzustehen. Gerade für die Themen Integration und Migration sei dies essenziell, sagt der 62-Jährige.

Was den zu beobachtenden Rechtsruck im Land angeht, ist Claudio Cumani nach eigenen Angaben sehr betrübt. Doch der Integrationsbeirat in der Universitätsstadt im Münchner Norden sieht sich auch da als Vermittler: „Wir wollen mit jenen ins Gespräch kommen, die rechte Parteien wählen“, sagt er, räumt jedoch ein, dass sich dies als schwierig bis manchmal unmöglich gestaltet. „Jeder ist in seiner Blase, man spricht weniger analog“, weiß er. Für die AfD und andere Rechte sei es „viel einfacher, mit den Ängsten der Menschen zu spielen, als ihnen Wege aufzuzeigen“. Dass sich demokratische Parteien ebenfalls an diesem Populismus bedienten, sei beklagenswert.

Dass Menschen „desorientiert seien, wenn die Koordinaten sich ändern, das verstehe ich“, sagt der Garchinger Wissenschaftler. Größere Veränderungen machten Angst, das sei zu respektieren. Aber: „Jeder muss sich sicher fühlen können – jene, die hier leben, und jene, die zu uns kommen.“ Cumani räumt ein, dass man vielleicht vor zehn Jahren, als eine große Zahl an Geflüchteten in Deutschland Fuß fassen wollte, naiv gewesen sei, was deren Integration angeht. Viel sei gut gelaufen, manches aber auch nicht. Man müsse die Probleme beim Namen nennen dürfen, befindet er, aber sich eben „nicht mit Hasspredigern gemein machen“, sagt er und möchte dies als Appell an die Parteien der demokratischen Mitte verstanden wissen. Denn: „Parolen sind Waffen.“

Was helfen könnte, die Gräben zu überbrücken? Begegnungen, gemeinsame Momente, Wissen und Aufklärung. „Einmal am selben Tisch sitzen, dann bewegt sich etwas, und zwar in beide Richtungen.“ Das zeige sich auch bei der Arbeit im Garchinger Integrationsbeirat, so Cumani. Seinen Erfahrungen nach gibt es so viele gute Geschichten von gelungener Integration, die Hoffnung geben und auch die Angst vertreiben.

Als Beispiel nennt er eine Frau aus Afghanistan, die weder lesen noch schreiben konnte, als sie nach Garching kam, weil sie in ihrer Heimat nie eine Schule besuchte. Mit großer Unterstützung des Helferkreises und vor allem dank der eigenen Anstrengung habe sie Deutsch gelernt, in Wort und Schrift. Sie hat Arbeit gefunden, verdient ihr eigenes Geld – und ist angekommen. „Die gut integrierten Menschen sieht man nicht, vielleicht aber will man sie auch nicht sehen“, bedauert Claudio Cumani. Das müsse man ändern. Die Arbeit des Integrationsbeirats geht also weiter.

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