Gemeinden setzen auf Carsharing Das Dorf-Auto

Der nächste Bitte: Schlüsselübergabe beim Carsharing.

(Foto: Manfred Neubauer)

In Kirchheim, Grasbrunn und Grünwald stellen demnächst Anbieter Wagen zur Verfügung. Noch wächst das Angebot langsam. Das Beispiel Ebersberg zeigt das Potenzial des Teilens auf dem Land.

Von Christina Hertel, Kirchheim/ Grasbrunn

Carsharing boomt: In 600 Orten in ganz Deutschland sind fast zwei Millionen Menschen bei einem Anbieter registriert. Auch im Landkreis München wird das Angebot immer weiter ausgebaut: In knapp zwei Wochen steht vor dem Kirchheimer Rathaus ein Elektroauto, mit dem alle Bürger fahren dürfen. Von Juli an kann man sich in einem neuen Verein in Grasbrunn ein Auto leihen. Und auch in Grünwald gibt es dann ein Carsharing-Angebot.

Carsharing soll, das ist zumindest die Hoffnung, ein eigenes Auto ersetzen. Denn hohe Kosten für Kauf, Reparatur und Versicherung kann man sich durch ein Leihauto sparen. Interessant sei das Angebot, so heißt es aus dem Kirchheimer Rathaus, vor allem für Wenigfahrer, Menschen mit einem Zweitwagen und für Leute, die sonst viel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. "Es ist uns wichtig, ein Zeichen zu setzen", sagt Bürgermeister Maximilian Böltl von der CSU.

Deshalb hat sich die Gemeinde auch einen Wagen angeschafft, der nicht mit Benzin, sondern mit Strom betrieben wird. Die Ladestation befindet sich vor dem Rathaus, dort müssen die Nutzer das Auto nach der Fahrt auch wieder hinbringen. Prinzipiell kann sich jeder Kirchheimer Bürger das Auto ausleihen, er muss sich vorher nur online registrieren (sharing.lautlos.com) und die Kundenkarte im Rathaus abholen. Eine Stunde Autofahren kostet zwischen 7 und 20 Uhr vier Euro, danach einen Euro. Dazu kommen 15 Cent pro Kilometer.

In Kirchheim wird Carsharing von dem Unternehmen "Lautlos" angeboten - ebenso wie in Pullach, Hohenbrunn und bald Grünwald. Meistens kooperiert die Firma mit den Rathäusern. Das heißt: Die Gemeinden stellen einen Parkplatz zur Verfügung, werben auf ihrer Homepage für das Angebot und Rathausmitarbeiter nutzen das Auto für ihre Erledigungen. Ansonsten würde es sich nicht lohnen, sagt Geschäftsführer Christian Gusic. "Denn obwohl Carsharing auf dem Land notwendiger wäre, weil hier der öffentliche Nahverkehr nicht so gut ausgebaut ist, läuft der Ausbau schleppender als in der Stadt."

Inzwischen 40 Nutzer in Pullach

Der Grund aus seiner Sicht: Auf dem Land besitzen ohnehin die meisten Menschen ein eigenes Auto. Trotzdem ist Gusic optimistisch: "Man wird zwar noch nicht reich davon, aber wir merken, dass es mehr wird, dass sich Carsharing langsam etabliert." In Pullach haben sich inzwischen 40 Nutzer registriert, ab 17 lohne sich ein Fahrzeug. Und von Juli an geht es auch in Grünwald los - mit zwei Fahrzeugen, einem elektro- und einem benzinbetriebenen.

Dass sich das Angebot etwas schneller herumsprechen würde, dachte auch Ulrich Grußendorf. Er gründete im Oktober den Verein "Immer mobil", der zwei Autos in Neubiberg und Ottobrunn verleiht. Momentan hat der Verein gerade einmal zehn Nutzer. Die Autos stehen in beiden Gemeinden in der Nähe des Bahnhofs. Aber nur in Neubiberg fährt das Rathaus auch mit dem Wagen. "Die Gemeinde hat sogar ein Auto abgeschafft." Grußendorf hofft, dass sich auch Ottobrunn dafür entscheidet. Aber noch sehe es nicht danach aus. Überhaupt sei es in Ottobrunn schwierig. "Im Volksmund sagt man ja auch Autobrunn. Weil fast jeder hier zwei Autos hat." Deshalb werbe der Verein auch nicht dafür, das Auto gleich ganz abzuschaffen - sondern erst einmal auf das Zweitauto zu verzichten.

Solche Vereine sind im Landkreis auch deshalb notwendig, weil es sich für größere Anbieter wie "Drive now" oder "Car2go" nicht lohnt, Fahrzeuge im Landkreis anzubieten. Beide seien nur in der "erweiterten" Innenstadt aktiv - wozu die Unternehmen auch Unterföhring zählen. In Grasbrunn aber hätten sie wohl nie ein Auto hingestellt. Deshalb gibt es in der Gemeinde seit diesem Jahr einen Carsharing-Verein, "Auto-Teiler-Grasbrunn" (ATG) heißt er. Für 90 Cent pro Stunde plus 30 Cent pro Kilometer soll man sich von Juli an zwischen 8 und 18 Uhr ein Auto leihen können. Nachts sollen bloß 20 Cent in der Stunde anfallen.

Erst war es ein Draufzahlgeschäft

Vorher bot ein Vaterstettener Verein Carsharing in der Gemeinde an. "Doch der Wagen trug sich wirtschaftlich nicht", sagt Walter Geck, der Vorsitzende von ATG. Der Vaterstettener Klub wollte deshalb das Angebot in Grasbrunn einstellen. Doch weil Geck an die Idee glaubt, gründete er mit ein paar Grasbrunnern den eigenen Verein. Und damit es kein Draufzahlgeschäft bleibt, werben sie nun für ihr Konzept, verteilen Flyer, bauen Stände auf.

20 Mitglieder hat der Verein zurzeit, mindestens 50 ist das Ziel. Vorbild bleiben die Vaterstettener Autoteiler - auch, wenn Geck an ihre Zahlen wohl nicht so schnell herankommt: Die Vaterstettener Autoteiler gibt es bereits seit 25 Jahren. Sie haben 350 Mitglieder und 20 Fahrzeuge.

Auch sonst zeigt der Landkreis Ebersberg, dass Carsharing nicht nur in der Stadt funktioniert. Laut dem Bundesverband für Carsharing gibt es in Ebersberg mit acht eigenständigen Vereinen die größte Dichte an Anbietern von allen Landkreisen in Deutschland. In Zukunft könnten es möglicherweise noch mehr werden. Denn Ebersberg hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2030 soll es im gesamten Landkreis ein wirtschaftlich tragfähiges, flächendeckendes Carsharing-Angebot geben.

In jedem Ort und Gemeindeteil mit mehr als 1000 Einwohnern soll Carsharing zur Verfügung gestellt werden. Und jeder Landkreisbewohner soll in einer Entfernung von maximal 1000 Metern um die eigene Wohnung auf mindestens zwei Fahrzeuge zugreifen können. Für den Landkreis München heißt das: Manchmal lohnt sich eben nicht nur der Blick in die Stadt.