Campus der TU In 60 Sekunden einsatzbereit

Jürgen Wettlaufer ist neuer Leiter der Werkfeuerwehr in Garching. Er führt eine gut und vielfältig ausgebildete Truppe, in der zahlreiche Berufe vertreten sind

Von Gudrun Passarge

Dienstag, 31. Januar, 2017. Alarm bei der Werkfeuerwehr der Technischen Universität am Garchinger Campus. Haustechniker des Max-Planck-Instituts hatten sich gemeldet, weil Wasser aus einem Rohr austrat. Der Schaden wurde schnell behoben. Die Ursache war ein Eisstau auf dem Garchinger Gießenbach. Für zwei Feuerwehrmänner bedeutete das, rein in die Überlebensanzüge, rein ins eisige Wasser und den Stau in Handarbeit beseitigen. Das ist nur einer von vielen Einsätzen der Werkfeuerwehr am Campus. 1691 mal rückte die Wehr 2017 aus, oft wird ihre Hilfe auch außerhalb des Campus angefordert. "Wir sind eben Spezialisten und gut auf unsere Geräte trainiert", sagt der Leiter der Werkfeuerwehr, Jürgen Wettlaufer.

Der Chef ist neu - jedenfalls in dieser Position. Wettlaufer löste erst jüngst den langjährigen Leiter Kurt Franz ab. Der 43 Jahre alte Brandoberinspektor war bislang schon Stellvertreter, er setzte sich bei einem bundesweiten Auswahlverfahren durch. Zur Feuerwehr kam er nach einer kaufmännischen Ausbildung bei BMW. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und ich habe es bis heute nicht eine Minute bereut", sagt Wetttlaufer. In Garching arbeitet er seit 2001. Er und seine 60 Kollegen, darunter eine Frau, sind Beamte des Freistaats Bayern. Die Feuerwache liegt idyllisch im Grünen am Rand des Wissenschaftscampus. Warum so weit draußen? Das ist leicht zu erklären, sagt Wettlaufer. Es hängt mit dem FRM II und mit der Evakuierungslinie von 500 Metern rund um den Reaktor zusammen. Die Feuerwache liegt genau hinter dieser Linie, damit sie im Katastrophenfall frei agieren kann. Der Reaktor, sagt Wettlaufer, für den gibt es natürlich besondere Einsatzpläne mit einem eigenen Handbuch. Die Übungen dazu sind Teil der Schulungen und damit jeder weiß, wo er im Notfall anpacken muss, müssen sich die Beamten auch mit den Räumlichkeiten im Reaktor gut vertraut machen, "denn nur wer das Gebäude gut kennt, kann auch schnell vorankommen", sagt der neue Chef.

Dass es sich bei der Werkfeuerwehr der TU nicht um eine gewöhnliche Feuerwehr handelt, wird auch im dem Umkleideraum deutlich, in dem die Einsatzkleidung hängt. 60 Sekunden am Tag, 90 in der Nacht, so schnell sollen die Feuerwehrleute einsatzbereit sein nach der Alarmierung. Alles hat seinen festen Platz, im Notfall muss jeder Handgriff sitzen. Mit dabei ist immer das "Albedo-Dosimeter", falls die Einsatzkräfte mit Strahlenstoffen in Berührung kommen, was auf einem Wissenschaftscampus nicht ausgeschlossen werden kann. Deshalb gehört zur Standardausrüstung seine Leute auch immer die Strahlenschutzhaube.

Primär sind die Feuerwehrleute für den 4,5 Quadratkilometer großen Campus zwischen Isar und alter B 11 zuständig. Aber wenn sie zu Einsätzen außerhalb gerufen werden und eigene Aufgaben sie daran nicht hindern, unterstützen sie die Einsatzkräfte andernorts. Das Spektrum reicht von tödlichen Unfällen bis zu Einsätzen bei einem Silobrand in Augsburg, wo sie die Kollegen mit einem Löschmittel mit erstickender Wirkung unterstützten, wie sich Wettlaufer erinnert. Die TU-Werkfeuerwehr verfüge über zahlreiche Spezialgeräte, die Freiwillige Feuerwehren oft nicht hätten. Beim Silobrand konnten sie mit einem 1600 Kilogramm-Abrollbehälter vorfahren. Zum Vergleich: In einem normalen Wandfeuerlöscher befinden sich sechs Kilogramm CO₂.

Überdurchschnittlich oft rückt der Rettungsdienst der Werkfeuerwehr aus, 2017 waren es allein 905 Einsätze, darunter waren circa 700 außerhalb des Campus. Unter den Feuerwehrleuten verfügen 18 über eine Ausbildung als Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter, 34 sind Rettungssanitäter. Doch die Angehörigen der Werkfeuerwehr verfügen nicht nur über rettungsdienstliches Hintergrundwissen. Zahlreiche Berufe sind hier vertreten. Schreiner, Zimmerer, Chemielaboranten, und auch KFZ-Mechaniker. "Das macht uns im Einsatz unglaublich schlagkräftig", sagt Wettlaufer.

Die Zahl der Brände oder Unfälle auf dem Gelände sei stabil, berichtet der Kommandant. Er führt das auch auf den vorbeugenden Brandschutz zurück. "Wenn hier die Einsätze überhand nehmen, dann haben wir unsere Arbeit nicht gemacht." Wettlaufer hat vor der Leitungsposition den Bereich selbst betreut. Er fand es spannend und interessant, mit führenden Forschern an einem Tisch zu sitzen und bereits bei der Planung neuer Gebäude den Brandschutz einzubringen. Der Leiter der Werkfeuerwehr beschreibt sich dabei als jemand, der sich nicht am Schimpfen beteiligt, "sondern ich bin immer derjenige, der gefragt hat, wie können wir das lösen". Eine große Hilfe in der Praxis ist mittlerweile die Einzelerkennung der Brandmeldeanlagen. Wenn der Alarm eingeht, wissen die Feuerwehrleute sofort und exakt, wo der Einsatzort ist, also nicht nur, dass es beispielsweise im Physik-Department brennt, sondern im 3. Obergeschoss im Raum xy.

Vieles hat sich schon verbessert, einiges muss der neue Leiter noch angehen. So will er die Werkfeuerwehr zukunftsfähig aufstellen. Das Forschungsgelände wachse und damit auch die Aufgaben. Wettlaufer will die Werkfeuerwehr stärker als Dienstleister der TUM positionieren, der als Partner zu sehen ist. Und er will rechtzeitig Nachwuchsproblemen vorbauen. Die Werkfeuerwehr soll als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werden. Vor einiger Zeit gab es da Probleme und einige Kollegen kündigten. Doch inzwischen bekommen die Beamten des Freistaats Zulagen und Prämien, damit wurde die TUM-Feuerwehr wieder konkurrenzfähig, wie noch der alte Chef Kurt Franz in seinem Jahresbericht 2017 schreibt. Wettlaufer bestätigt, dass alle Planstellen besetzt sind. Das soll auch so bleiben, und das, obwohl durch den demografischen Wandel immer weniger junge Menschen ins Berufsleben drängen. Der neue Leiter setzt auf ein Konzept, das mehrgleisig fährt. Wichtiger Bestandteil ist die Ausbildung von IHK-Werkfeuerwehrleuten und Notfallsanitätern. Bliebe zuletzt noch eine Vision. Jürgen Wettlaufer wünschte sich eine Verknüpfung von Wissenschaft und Feuerwehr. Vielleicht gibt es ja eines Tages sogar einen Lehrstuhl für "Brandschutzforschung" mit dem Ziel, Einsatztaktiken zu optimieren oder auch neue Ansätze zu finden? Das wäre ganz in seinem Sinne.