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Business-Etikette:"Jetzt nehmen wir alle mehr Rücksicht"

Kuschelkurs mit dem Kunden? Geschäftsbeziehungen brauchen Pflege

Clemens Graf von Hoyos hat sich mit seiner Ottobrunner Firma auf Business-Etikette spezialisiert.

(Foto: Rosa Lazi/dpa)

Etikette-Berater Clemens Graf von Hoyos aus Ottobrunn über Benimm in Corona-Zeiten

Interview von Claudia Wessel, Ottobrunn

Er ist erst 31 Jahre alt und schon seit zehn Jahren Fachmann in Sachen Benimm: Clemens Graf von Hoyos. "Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind", sagt er. Als er mit 21 Jahren noch in Weihenstephan Brauereiwesen studierte, wurde er Mitglied in einem Segelverein in Herrsching. Seine Mitsegler waren von seinem formvollendeten Auftreten so begeistert, dass sie ihn baten, bei ihnen einen Vortrag zu halten. Dieser kam gut an und ein Auftrag folgte dem nächsten. Sein Spezialgebiet ist inzwischen "Business-Etikette" und die Liste der Auftraggeber seiner Ottobrunner Firma kann sich sehen lassen. Die SZ sprach mit ihm über den Wandel von Benimm in Zeiten von Corona.

SZ: Sie sagen, es geht Ihnen nicht um die Einhaltung strikter Regeln, sondern um einen guten Umgang mit Menschen. Der ändert sich ja gerade extrem. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Clemens Graf von Hoyos: Was ich sofort geändert habe ist, dass ich keine Präsenzseminare mehr mache, sondern Webinare, bei denen ich live einen Vortrag via Zoom halte, aber mit interaktiven Elementen. Beim Umgang mit Menschen ändert sich der Grundsatz nicht: Jeder möchte gesehen, gehört und verstanden werden. Wertschätzung und Rücksichtnahme waren auch vorher schon von Bedeutung und bleiben es auch.

Welche Rolle spielte bislang das Händeschütteln bei der Business-Etikette?

Eine extrem große, darauf haben eigentlich alle Wert gelegt, und zwar auf ein angemessenes Händeschütteln, weder Schraubstock, noch toter Fisch. Auch unter Männern war es nicht höflich, sehr fest zuzudrücken, es sei denn, man wollte mit Alphagetue auffallen. Händeschütteln war schon immer ein Zeichen der Freundschaft, ein Beweis, dass man unbewaffnet kommt, in guter Absicht.

Glauben Sie, es kommt nach der Krise wieder?

Man kann Dinge nicht einfach abschaffen. Ich bin ziemlich sicher, dass das Händeschütteln erhalten bleibt. Natürlich mit der entsprechenden Hygiene.

Wodurch kann man es jetzt Knigge-gerecht ersetzen?

Meine bevorzugte Form ist die rechte Hand aufs Herz zu legen oder die Handflächen aneinander und eine Verbeugung anzudeuten, nur ein Kopfnicken, nicht wie stellenweise in Asien.

Wie werden die derzeitigen Abstandsregeln Ihrer Meinung nach das gute Benehmen ändern?

Sie haben es schon geändert und das freut mich. Denn jetzt nehmen wir alle mehr Rücksicht aufeinander. Man drängelt sich nicht mehr im Laden aneinander vorbei oder schiebt jemandem den Einkaufswagen in die Kniekehlen. Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer hat die Höflichkeit so beschrieben: Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. "Es mag zwar nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens." Auch in seiner Parabel "Die Stachelschweine" weist er darauf hin, dass unser Zusammenleben die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz erfordert. Wir leben ja in einer Gesellschaft, die sich sehr zu Distanzlosigkeit entwickelt hat. Man schreibt formlose E-Mails, das Du wird zu schnell verwendet. Wir haben in unserer Sprache die Unterscheidung zwischen Sie und Du, die sollte man auch verwenden. Auch in den sozialen Medien.

Denken Sie, dass die Menschen sich nach der Rückkehr von mehr Nähe sehnen? Oder passt die Distanz gerade im Geschäftsleben eigentlich sehr gut?

Man kann gutes Benehmen auch via Skype oder am Telefon üben. Aber spannend wird es doch erst dort, wo Menschen sich begegnen, aufeinander treffen. Auch aus meiner täglichen Arbeit weiß ich, dass sich ein Webinar nicht mit einem Präsenzseminar vergleichen lässt. Ich bin sicher: Der Mensch lechzt nach sozialer Interaktion.

© SZ vom 06.05.2020
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