Bundestagswahl im Landkreis München:Knappes Rennen ums Direktmandat

Bundestagswahl im Landkreis München: Nur einer kann es werden: Florian Hahn, Korbinian Rüger und Anton Hofreiter (von links) liegen in der Wählergunst ganz nah beieinander. Fotomontage: Claus Schunk

Nur einer kann es werden: Florian Hahn, Korbinian Rüger und Anton Hofreiter (von links) liegen in der Wählergunst ganz nah beieinander. Fotomontage: Claus Schunk

Eine Woche vor der Bundestagswahl liegen laut einer Umfrage die Kandidaten von CSU, Grünen und SPD fast gleichauf. Damit können sich sowohl Florian Hahn als auch Anton Hofreiter und Korbinian Rüger Hoffnung auf das Direktmandat machen.

Von Martin Mühlfenzl

Ein Szenario: Punkt 18 Uhr schiebt sich der schwarze Balken nach oben - aber er bleibt stehen, viel zu früh, wie in den Gesichtern der versammelten CSU-Prominenz zu erkennen ist. Gerade einmal 20,5 Prozent gibt die erste Hochrechnung für die Union im Bund an diesem Bundestagswahlabend her. Es ist eine Zäsur, ein tiefer Einschnitt für Deutschlands letzte große Volkspartei - und es hängen Schicksale an diesem Wahlergebnis. Langjährige Abgeordnete, die sich noch vor kurzer Zeit keine Sorgen machen mussten, sind plötzlich ihr Mandat los.

Doch ob es nächsten Sonntag wirklich so kommt? Die aktuellen Umfragen sind nur Momentaufnahmen und sie sind volatil wie nie zuvor. Ein Vorausblick auf den Wahlabend im Landkreis München macht deutlich, dass vieles möglich ist. Genauer gesagt: drei Szenarien. Ein eher wahrscheinliches, ein überraschendes - und eines, das sich viele in ihren kühnsten Träumen nie hätten vorstellen können.

Das Unmögliche

Manche Bomben schlagen zwar hart ein, sind aber nicht wirklich zu hören. Vor wenigen Tagen veröffentlichte die Bild eine Umfrage, die den ganzen Wahnsinn dieses Wahlkampfes widerspiegelt. "Wer hätte das gedacht?", schrieb der SPD-Kreisvorsitzende Florian Schardt sichtlich überrascht auf seiner Facebook-Seite. Und weiter: "Rüger nur noch 3% vom Direktmandat entfernt." Das Umfrageinstitut Insa hatte Wähler im Landkreis München befragt, wem Sie bei der Wahl ihre Erststimme geben wollen - und das Ergebnis ist, vorsichtig ausgedrückt, eine Sensation: 24 Prozent würden sich demnach für den Platzhirschen Florian Hahn von der CSU entscheiden, 23 Prozent für Anton Hofreiter, den Fraktionschef der Grünen im Bundestag, und 21 Prozent für Korbinian Rüger.

Korbinian wer? Vor ein paar Wochen eine nicht ganz unberechtigte Frage.

Rüger ist nach dem überstürzten Rückzug der Bundestagsabgeordneten Bela Bach eigentlich ein Verlegenheitskandidat, der exakt eine Chance hat, nach Berlin zu kommen: Er muss das Direktmandat gewinnen, denn auf der SPD-Landesliste ist er nicht vertreten. Seine vermeintliche Stärke ist auch die Schwäche der Konkurrenz - nicht so sehr der Kandidaten, sondern der Parteien. Der momentane Absturz der Union und das Stagnieren der Grünen im Umfragetief. Hofreiter und Hahn werden sich bei den Erststimmen annähern, Rüger wird aufholen. Wenn sich der Insa-Trend fortsetzt, könnten wenige hundert Stimmen entscheiden, wer München-Land künftig in Berlin vertritt.

Eines ist aber schon jetzt sicher: Gewinnt Rüger oder Hofreiter das Direktmandat, ist die Karriere Hahns als Bundestagsabgeordneter vorüber. Denn über die CSU-Landesliste wird aufgrund der hohen Zahl an Direktmandaten in Bayern kein Christsozialer in den Bundestag einziehen.

Die Überraschung

Bleibt der schwarze Balken tatsächlich bei nur etwas mehr als 20 Prozent stehen, wird es für Florian Hahn ohnehin brenzlig - und in der Parteizentrale der Grünen am Platz vor dem Neuen Tor Berlin dürfte Jubel ausbrechen. Dort wird sich Anton Hofreiter am Wahlabend aufhalten - und dennoch wird er mit Argusaugen auch die Ergebnisse aus seinem Heimatlandkreis im Blick behalten. In seinem Wohnort Unterhaching wurde schon bei der Kommunalwahl im Frühjahr 2020 deutlich, welches Potenzial die Grünen haben, die mit mehr als 28 Prozent seitdem stärkste Kraft im Gemeinderat sind.

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Hofreiter ist an Hahn dran, wie nah, ist angesichts der Unwägbarkeiten vor der Wahl schwer zu sagen. Das Portal Election.de räumt Hofreiter derzeit eine zehnprozentige Chance ein, das Direktmandat zu holen. Während des ersten Hypes um die Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock war Hofreiter das Mandat sogar zugeschlagen worden, doch dann stolperte die Kandidatin durch den Wahlkampf und Hofreiters Chancen schwanden.

Dennoch besteht die Chance, dass er direkt nach Berlin fährt. Dafür wird er sein Erststimmenergebnis auf mehr als 20 Prozent schrauben müssen, was durchaus wahrscheinlich ist. Dann hängt alles davon ab, wie hoch die Verluste von Hahn ausfallen. Der wird auch in der Parteizentrale die Ergebnisse aus dem Landkreis betrachten - und möglicherweise zittern.

Das Erwartbare

Man kann Florian Hahn nicht vorwerfen, er würde nicht kämpfen. Der CSU-Kandidat ist präsent im Wahlkampf wie kaum ein anderer, plakatiert selbst, zeigt sich bei Veranstaltungen. Bisher haben die Wähler dies stets goutiert. Und Hahn hat zwei Vorteile: Bei seinen bisherigen drei Kandidaturen lag der Putzbrunner mit seinem persönlichen Erststimmenergebnis immer über dem Zweitstimmenergebnis der Partei - stets deutlich mit etwa sechs, sieben Prozent. 2017 stürzte die CSU im Landkreis bei den Zweitstimmen von 46,9 Prozent auf nur noch 37,3 Prozent ab; Hahn aber kam immerhin noch auf 43,5 Prozent der Erststimmen, wenn auch nach 52,5 Prozent im Jahr 2017. Die Ergebnisse spiegeln den Trend und das Niveau im Freistaat wider. Hahns zweiter Vorteil liegt in der heterogenen Struktur des Landkreises, der zwar immer urbaner wird, aber in weiten Teilen noch ländlich geprägt ist. Genau dort dürfte er reüssieren, während sich Grüne und SPD in den größeren Orten gegenseitig Stimmen wegnehmen.

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