Bundestagswahl im Landkreis München:Hofreiters Heimspiel

Bundestagswahl im Landkreis München: Heimspiel kurz vor Schluss: Grünen-Fraktionsvorsitzender und Bundestagskandidat Anton Hofreiter ist zum Wahlkampfhöhepunkt seiner Partei nach Unterhaching gekommen.

Heimspiel kurz vor Schluss: Grünen-Fraktionsvorsitzender und Bundestagskandidat Anton Hofreiter ist zum Wahlkampfhöhepunkt seiner Partei nach Unterhaching gekommen.

(Foto: Claus Schunk)

Grünen-Kandidat Anton Hofreiter absolviert in Unterhaching seine zwei bislang einzigen Auftritte im Landkreis. Seine Anhänger nehmen dem Fraktionsvorsitzenden im Bundestag die Abstinenz nicht übel und feiern ihn. Nur die fallenden Umfragewerte machen der Partei Sorgen.

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Am Ende gab es Blumen für den Kandidaten. Aber nicht irgendwelche. Dass sie mit Inkalilien genau richtig liegen, wissen seine Parteifreunde. Der promovierte Biologe Anton Hofreiter kann so ziemlich alles über diese Pflanze erzählen. Und so setzte der Grünen-Politiker bei seinem Wahlkampfauftritt im Kubiz gut gelaunt zu einem kurzen botanischen Referat an. Gelächter im Saal. Unterhaching ist Heimspiel. Und doch fühlte es sich ein bisschen wie ein Gastauftritt an, denn wer so prominent ist wie Hofreiter als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag, hat wenig Zeit, zu Hause vorbeizuschauen.

Seine Grünen aus München-Land wissen das. Übel nimmt ihm das daher keiner. Im Gegenteil. Claudia Köhler, die Ortsvorsitzende und Landtagsabgeordnete, betonte vor diesem einzigen großen Auftritt des Direktkandidaten im Landkreis: "Danke, dass du immer kommst, wenn wir dich rufen." Oft haben sie das im Wahlkampf auch aus Rücksicht auf den übervollen Terminkalender ihres "Tonis" nicht getan. Vielmehr haben sie immer wieder verteidigt, dass ihr Kandidat durch ganz Deutschland tourte und in Fernseh-Talkshows über Klimawandel, erneuerbare Energien, Elektromobilität und CO₂-freie Stahlindustrie sprach, während die Konkurrenz Präsenz in heimischen Diskussionsrunden und an Infoständen zeigte.

Ein Spitzenpolitiker wie Hofreiter hat es nicht mehr unbedingt selbst in der Hand, ob er in Göttingen, Paderborn und Lindau auftritt oder doch lieber in die Turnhalle von Straßlach-Dingharting kommt. "Wo sind wir morgen?", fragte er noch am Ausgang des Kubiz an diesem Abend sein Wahlkampfteam und erfuhr: Es geht nach Schwaben. Aber am letzten Samstag vor der Wahl, da wird er noch einmal im Landkreis München an Infoständen mit den Wählern diskutieren. "Die Termine waren alle sehr lange ausgemacht", sagt er. Dass seine geringe Präsenz im eigenen Wahlkreis vor allem von der Konkurrenz immer wieder thematisiert wurde, nimmt er mit Schulterzucken hin. "Als Listenkandidat hat man eben mehr Zeit", sagt er.

An diesem Mittwoch war es aber er, der sich Zeit für seinen Wahlkreis genommen hatte. Denn auch bei einer Jugend-Veranstaltung der Gemeinde Unterhaching am frühen Abend, bei der im Stadion am Sportpark junge Leute Fragen an sieben Bundestagskandidaten verschiedener Parteien stellen durften, war Hofreiter dabei. Diesmal fehlten allerdings die Direktkandidaten der CSU, Florian Hahn, und der FDP, Axel Schmidt.

"Wovor haben Sie Angst?"

Es ging um Bildungspolitik, um kostenlose "Öffis", um Wahlrecht ab 16 - und dann wollte einer wissen: "Wovor haben Sie Angst?" Für Hofreiter eine klare Steilvorlage, den Dialog mit der Unterhachinger Jugend endlich auf sein zentrales Thema zu lenken: "Meine Sorge ist es, dass wir die Klimakrise doch nicht in den Griff bekommen", sagte er. "Der Zeitdruck ist schon krass. Wir Naturwissenschaftler wissen schon seit Anfang der Achtzigerjahre, dass der CO₂-Ausstoß unsere Lebensgrundlagen zerstört. Wir wissen so viel wie noch nie in der Geschichte der Menschheit, aber wir müssen die bürokratischen Fesseln wegnehmen."

Ganz ähnlich sagte er das eine Stunde später auf der Bühne im Kubiz noch einmal. Hofreiter kritisierte die Trägheit der Bundesregierung, mahnte an, Planungen zu beschleunigen und rief seinen Anhängern im Saal zu: "Wir müssen es anpacken und eine ganze Reihe von Gesetzen ändern." Immer mehr Leute würden erkennen, dass es darum gehe, die Lebensgrundlagen zu retten, "noch reicht die Zeit".

Die Zuschauer goutierten seine Rede, doch der Blick auf die aktuellen Umfragezahlen machten manchen Mitstreiter im Raum doch nachdenklich. "Ich sehe, dass unsere Zahlen immer schlechter werden. Ich bin seit 20 Jahren dabei und möchte endlich mal, dass wir gewinnen", sagte er. Volker Leib, einer der beiden Kreisvorsitzenden der Grünen, gab zu: "Ich weiß auch nicht, was ich mit den Umfragen anfangen soll", verwies aber auf Prognosen im Landkreis, nach denen CSU-Mann Hahn, der Grüne Hofreiter und SPD-Kandidat Korbinian Rüger im Ringen um das Direktmandat derzeit eng beieinander liegen. "Es ist alles drin", verbreitete er Optimismus.

Hofreiter selbst weiß auch, dass Menschen Angst vor Veränderung haben. "Aber wenn sie Angst vor politischer Veränderung haben, dann wird uns die schlimmere Veränderung überrollen", ist er überzeugt. Es gebe keinen Grund, dass wir uns in die Klimakrise stürzen, "wir haben als Gesellschaft diese Lösungen". Die Menschheit sei auf dem Weg in den Graben, "aber lasst uns das Ruder rumreißen", so Hofreiter. Und dann wurde er bei seinem Aufritt vor seinen Parteifreunden vom Ortsverband sehr persönlich: "Ich habe ein sechs Monate altes Baby. Und ich möchte nicht, dass es in einer Welt lebt, in der die Ökosysteme kollabieren."

© SZ vom 17.09.2021/belo
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