Süddeutsche Zeitung

Bundestagswahl im Landkreis München:Bewährungsprobe bestanden

Florian Hahn holt sich zum Wahlkampfabschluss Markus Söder virtuell ins Ottobrunner Wolf-Ferrari-Haus. Der CSU-Chef verteilt generös Noten und gibt sich ansonsten siegesgewiss

Von Stefan Galler, Ottobrunn

Zum Wahlkampfendspurt hatte der Sicherheitsexperte Florian Hahn ein besonders schweres Geschütz aufgefahren: Er holte den CSU-Parteivorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in eine Veranstaltung am Montagabend im Wolf-Ferrari-Haus in Ottobrunn. Allerdings nicht live, sondern virtuell zugeschaltet über eine riesige, drei mal fünf Meter große Leinwand. Es hatte etwas Sinnbildliches, dass der Chef der Christsozialen wie Big Brother von oben über die etwa 70 CSU-Anhänger blickte. Söder quittierte es mit Humor: "Wenn ich gewusst hätte, dass ich im Kinoformat zu sehen bin, hätte ich meine Falten mehr geglättet."

Dass es eine lockere, gut einstündige Veranstaltung wurde, lag auch am bestens aufgelegten Ministerpräsidenten, der trotz mäßiger Umfragewerte der Union eine knappe Woche vor der Bundestagswahl seinen Optimismus kundtat: "Mein Tipp: Es wird knapp, aber die Union landet noch vor der SPD." Und dann hatte Söder auch noch gute Nachrichten für die versammelten Hahn-Sympathisanten: Dieser sei einige Stunden zuvor als stellvertretender CSU-Generalsekretär im Amt bestätigt worden, schließlich handle es sich bei dem 47-Jährigen um einen "engagierten Streiter", dessen Expertise gehört werde.

Und weil ein Generalsekretär - und das gilt auch für einen stellvertretenden - auch mal für die unangenehmen Aufgaben herhalten muss, leitete Söder eine Frage von einem Zuhörer aus dem Internet an Hahn weiter. Der wollte wissen, wie die CSU zum umstrittenen CDU-Mann Hans-Georg Maaßen stehe, der immer wieder mit rechtspopulistischen Äußerungen auffällt. "Wir als CSU stehen für eine klare Abgrenzung zur AfD", antwortete Hahn. Diese sei "eine knallharte rechte Truppe, die sich außerhalb unseres Demokratieverständnisses" bewege. Deshalb habe er "wenig Verständnis für diejenigen, die sich nicht abgrenzen wie etwa Hans-Georg Maaßen." Vom Chef gab's dafür Zuspruch: "Ist genehmigt, du bleibst im Amt, erste Bewährungsprobe bestanden."

Die Laune war prächtig, selbst als die Verbindung zum Vorsitzenden zwischenzeitlich abbrach, übrigens nur Sekunden nachdem er Bayern als "digitales Zentrum" bezeichnet hatte. Doch auch von dem kurzen Blackout ließen sich weder Hahn noch Söder aus der Ruhe bringen. "Das war wahrscheinlich ein Hacker von links", sagte Söder und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Das Thema Digitalisierung und Modernisierung hatte der CSU-Boss allerdings weiterhin auf dem Schirm, alleine schon weil er nicht müde wurde, die technologischen Vorzüge des Landkreises München mit der neuen Fakultät für Luft- und Raumfahrt zu loben. Söder betonte auch, dass Unionskanzlerkandidat Armin Laschet bekanntlich ein Digitalministerium schaffen wolle, deshalb sei die Union digital, während die linken Parteien eben weiterhin "analog" blieben. Und Hahn führte in diesem Zusammenhang noch aus, dass der Glasfaserausbau im Landkreis voranschreite, und erwähnte die 4,7 Millionen Euro Förderung aus dem Bundesverkehrsministerium für den Anschluss in Kirchheim, Feldkirchen und Aschheim. Die Modernisierung sei auch dringend nötig, das habe er vergangenen Winter erlebt, als er in seiner Funktion als Bundeswehr-Reservist bei der Pandemie-Nachverfolgung mithalf und Faxe aus Testlaboren ins System einpflegen musste, so Hahn weiter.

Den für die Digitalisierung verantwortlichen Bundesminister, seinen CSU-Parteikollegen Andreas Scheuer, nahm Söder gegen einen Angriff eines kritischen Zuhörers in Schutz: "Der Andi Scheuer macht mehr für Bayern, als wir denken", sagte er und schaltete sogleich wieder auf Attacke gegen den politischen Gegner um: "Wenn Anton Hofreiter Verkehrsminister wird, dann stehen viele bayerische Projekte in Frage." Das gelte auch für die zweite S-Bahn-Stammstrecke.

Wenig zimperlich teilte der Ministerpräsident in Sachen weiterhin stagnierender Digitalisierung an Schulen aus, was als klare Kritik an Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verstanden werden kann: "Ich höre immer nur: Wir sind dran. Das kann für den Chef einer Verwaltung so verstanden werden: Es passiert auf absehbare Zeit nichts."

Es waren nicht nur harte politische Themen, die zur Sprache kamen. FC-Bayern-Fan Hahn ließ es sich nicht nehmen, den Parteichef aus Franken auf dessen Liebe zum 1. FC Nürnberg anzusprechen. Und Söder nahm den Steilpass perfekt an, räumte ein, "bei der Erziehung versagt" zu haben, weil aus seinen Söhnen fanatische Bayern-Anhänger geworden seien. Er ließ aber auch durchblicken, dass ihm ein von der Mannschaft unterschriebenes Bayerntrikot schon das ein oder andere Mal als "diplomatischer Türöffner" gedient habe.

Und dann schilderte Söder schließlich noch, wie er gedenkt, den Wahlsonntag zu verbringen: Morgens wählen gehen, dann zu Innenminister Herrmanns Geburtstagsfeier und schließlich am Abend an der Elefantenrunde der Parteivorsitzenden in Berlin teilnehmen. Standing Ovations am Schluss im Saal, doch da war Big Brother schon weg - der nächste Termin wartete.

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SZ vom 22.09.2021
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