Kulturprogramm:"Wir sind ja Gestalter und keine Einkäufer"

Lesezeit: 3 min

Kulturprogramm: Hingucker: Judith Rosmair gastiert mit dem Stück "Endlose Aussicht" in Unterföhring.

Hingucker: Judith Rosmair gastiert mit dem Stück "Endlose Aussicht" in Unterföhring.

(Foto: Veranstalter)

Die Corona-Pandemie wirkt laut Barbara Schulte-Rief im Kulturleben bis heute nach. Ihr Programm in Unterföhring besticht vor allem mit den Theaterproduktionen.

Von Udo Watter, Unterföhring

Auch wenn der Eskapismus allgemein einen eher zwiespältigen Ruf genießt, so ist doch die eskapistische Note, die fast jeder kulturellen Rezeption innewohnt, Teil ihres Zaubers. Aus dem Alltag in andere Ebenen zu fliehen, der schnöden Normalität für ein paar Stunden zu entkommen - sei es in Form von vergnüglicher Ablenkung oder als aufwühlend-existenzielle Reise im Kopfkino - das lässt Herz und Hirn gleichsam freier schweben.

"Ein Buch ist wie ein Raum, in dem man hineinverschwindet. Und das gleiche gilt auch für Theater, hoffe ich." So drückte es die Unterföhringer Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief aus, die - wen wundert's - Lesen zu ihren Leidenschaften zählt. Theater ist aber als kulturelles Kollektiv-Erlebnis natürlich viel stärker vom Ambiente abhängig, und da waren die Vorstellungen der vergangenen Spielzeiten im Unterföhringer Bürgerhaus mitunter ein wenig traurig - wenn etwa nur eine Handvoll Zuschauer im Saal war, weil gerade 2-G-plus inklusive Maskenpflicht galt und fast jeder lieber zu Hause blieb.

Das soll in der kommenden Spielzeit so nicht mehr passieren. Traditionell ist der Bereich "Theater/Schauspiel" in Unterföhring ja durchaus ambitioniert. Gleich zu Beginn der Saison steht mutmaßlich ein Highlight an: "Name: Sophie Scholl" am 6. Oktober - eine mit dem Heidelberger Theaterpreis "Puck" ausgezeichnete Produktion von TIM ("Theater ist mehr"), Regisseurin ist die Unterföhringerin Anschi Prott. Worum geht's? In parallelen Handlungssträngen wird das Leben der historischen Sophie Scholl und einer Jurastudentin gleichen Namens im Heute miteinander verwoben. Im Fokus steht die Frage: Schweigen oder die Wahrheit sagen?

Der Abo-Verkauf läuft bereits

Zudem zählen zum Abo-Angebot "Schauspiel" drei weitere Produktionen: "Endlose Aussicht" mit der großartigen Judith Rosmair als Teil einer scheinbar ewigen Kreuzfahrt Ende November, "Dinge, die ich sicher weiß" - eine mit dem Inthega-Preis (Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen) prämierte Inszenierung des Ernst Deutsch Theaters Hamburg, in der es um die kleinen und großen Probleme einer Mittelschichtsfamilie geht. Und zuletzt "#Freundschaft" - eine mutmaßlich packende One-Woman-Vorstellung mit Gilla Cremer. Es sind allesamt Stücke, die das Publikum nicht nur zu unterhalten, sondern auch existenziell anzuregen versuchen. "Das sind alles wichtige Themen, die da behandelt werden", so Schulte-Rief.

Kulturprogramm: Die Unterföhringer Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief sieht das Bürgerhaus auf einem guten Weg.

Die Unterföhringer Kulturamtsleiterin Barbara Schulte-Rief sieht das Bürgerhaus auf einem guten Weg.

(Foto: Robert Haas)

Generell freilich sieht sie im Moment in der deutschen föderalen Kulturlandschaft ein gewisses Problem, den Programmen auch einen Überbau zu verleihen, quasi als Nachspiel und Folgeerscheinung der Pandemie. So sagt Schulte-Rief, die als Vorsitzende der Inthega-Ländergruppe Bayern über den Tellerrand hinaus blickt und deutschlandweit gut vernetzt ist: ",Was im Moment ein wenig flöten geht, sind programmatische Dinge. Die tiefergehende Auseinandersetzung geht im Chaos der Verschiebungen verloren." Im Kontext von Nachholterminen, Vertragserfüllungen und neuen Produktionen geht es stark zu in der Veranstaltungsbranche. Schulte-Rief sieht das auch mit einem Seufzer: "Eigentlich sind wir ja Gestalter und keine Einkäufer."

Die Sorgen vieler anderer Bürgerhäuser wegen dürftiger Resonanz haben sie und ihr Team allerdings weniger: "Bei uns ist der Zuspruch total in Ordnung. Die Abonnenten sind bei der Stange geblieben." Übrigens: Der Abo-Verkauf in Unterföhring hat Mitte Juni begonnen und auch Einzeltickets sind im Vorverkauf im Bürgerhaus zu erwerben.

Weitere Abo-Sparten sind "Kabarett" (unter anderem mit Matthias Ningel und Franziska Wanninger), "Kleinkunst" (mit Ulan & Bator oder Tuija Komi & Quartett) sowie "Musik": Unter den vier angebotenen Veranstaltungen ist das Weihnachtsoratorium von Bach mit den Arcis-Vocalisten sowie die "tanzwütige Steppshow" der Danceperados of Ireland.

Kulturprogramm: Die Gewinner des Unterföhringer Kulturpreises: Compagnie Nik.

Die Gewinner des Unterföhringer Kulturpreises: Compagnie Nik.

(Foto: Veranstalter)

Auch der neu gestaltete Unterföhringer Kulturpreis - früher ein Mohr, jetzt eine Isarwelle (entworfen von der Ismaninger Steinbildhauerin Margit Festl) - wird wieder verliehen, am Tag der Deutschen Einheit (3. Oktober): Gewinner ist die "Compagnie Nik", die Kindertheater mit Finesse macht. Schulte-Rief spricht von "politischem , zeitgenössischem Kindertheater, das man auf verschiedenen Ebenen wahrnehmen kann".

"Bei uns ist das alles sehr solide."

Die generelle Stimmung unter den Kulturveranstaltern schätzt sie als "nicht so sehr optimistisch" ein, aber für Unterföhring selbst ist der Blick positiver: "Bei uns ist das alles sehr solide." Der Vorverkauf für das bald anstehende, hochkarätig besetzte "Internationale Jazz Weekend" (14. bis 17. Juli) etwa läuft ebenfalls gut. Die Freude, neben den Künstlern demnächst und im Herbst auch wieder zahlreiche Besucher in Präsenz zu sehen, ist groß - und die Hoffnung, dass viele davon auch wieder in eine träumerische Ebene hineinverschwinden können, auf welcher der Alltag keine Rolle spielt.

Weitere Informationen zum Kulturprogramm sind unter www.unterfoehring.de zu finden.

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