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Brunnthal:Modedesigner entwerfen Arbeitskleidung

Sajna Weber und Thorsten Bulander kannten sich vom Studium und gingen dann je eigene Wege. Doch sie verloren sich nie aus den Augen und gründeten schließlich die Firma "Saat".

(Foto: Claus Schunk)

Sajna Weber und Thorsten Bulander kreieren unter dem Label "Saat" Kleidung für die Berufswelt. In Brunnthal ist ihr Projekt groß geworden.

Von Franziska Gerlach, Brunnthal

Wer sich schon immer gefragt hat, weshalb in Operationssälen ausgerechnet grüne Kittel getragen werden, hier kommt die Antwort: "Grün liegt im Farbkreis gegenüber von Rot", sagt Sajna Weber und holt kurz Luft, denn das ist noch nicht alles, was es darüber zu wissen gibt. Das Grün frischt den Blick des Chirurgen gewissermaßen auf, wenn dieser nach einer Weile über der blutigen Wunde zu ermüden drohe. Die Designerin, die an der Akademie für Mode & Design (AMD) in München studiert hat, steht in den Räumen ihrer Firma in Brunnthal vor einer Kleiderstange und hält eine Kombination aus Trägerkleid und femininer Bubikragenbluse hoch, die man eher in einer Boutique für skandinavisches Design vermuten würden denn im Gesundheitswesen.

Sajna Weber und Thorsten Bulander kannten sich vom Studium und gingen dann je eigene Wege. Doch sie verloren sich nie aus den Augen und gründeten schließlich die Firma "Saat".

(Foto: Claus Schunk)

"Corporate Wear" sagen Weber und ihr Geschäftspartner Thorsten Bulander, an der Modefachschule in Sigmaringen zum Designer ausgebildet, zu ihren Entwürfen, die unter dem Label "Saat" für die Mitarbeiter von Arztpraxen, Hotels, Bars und Messen entstehen: Es sind maßgeschneiderte Chinohosen statt altbackene Uniformen für Hotels; Hemden mit frischen Mustern statt bodenlanger Schürzen für Bars; und flaschengrüne Oberteile mit elastischem Rundhalsausschnitt statt der unförmigen V-Ausschnitt-Hemden, die einem auf Klinikfluren oft begegnen.

Die beiden haben eine Nische im bodenständigen Markt der Arbeitskleidung besetzt, die sich die Designer auch deshalb erschließen konnten, weil sie ihre Arbeitsstätte vor drei Jahren zufällig nach Brunnthal in den Ortsteil Faistenhaar verlegt haben, in ein Haus mit einem Balkon von jener Sorte, von dem im Sommer üppig die Geranien hängen.

Heute bieten die Geschäftspartner nicht nur ihre eigenen Kollektionen an, sie entwickeln auch Designkonzepte für andere Unternehmen und beraten.

(Foto: Claus Schunk)

Aber die Mode, diese unberechenbare Branche, erweist sich eben oft als eine Verkettung von Zufällen. Und offenbar war es auch ganz im Sinne des Zufalls, dass sich Weber und Bulander 2009 bei dem deutschen Textilunternehmen "s. Oliver" kennen lernen - und Gemeinsamkeiten finden: Sie hätten eine ähnliche Auffassung von Stil und Ästhetik, erzählen sie am massiven Holztisch ihres "Show Rooms" in Brunnthal, ähnliche Werte und Vorstellungen, wenn es um Materialien und Produktionsweisen geht. Heute bieten die Geschäftspartner nicht nur ihre eigenen Kollektionen an, sie entwickeln auch Designkonzepte für andere Unternehmen und beraten. Da sitzen also zwei, die entgegen dem Trend nicht mit dem Wort "Nachhaltigkeit" um sich werfen, weil sie es für selbstverständlich halten, aus Stoff- und Lederresten noch pfiffige Fliegen zu fertigen oder Laptop-Taschen. Und die über sechs Jahre hinweg Kontakt hielten, so überzeugt waren sie voneinander, auch wenn jeder zunächst seines eigenen Weges ging: Weber arbeitete etwa für "Marc O'Polo". Bulander, der Jeans sein "Steckenpferd" nennt und dessen Lebenslauf Stationen wie Hugo Boss aufweist, half unter anderem beim Aufbau eines neu gegründeten Labels in Manchester.

2015 gründeten sie dann "Saat" - das ist Hindi und bedeutet "gemeinsam", aber auch Säen eines Samens klingt in dem Namen an, unter dem zunächst Taschen aus pflanzlich gegerbtem Leder und Hosen aus handgewebtem, japanischem Jeansstoff entstanden. Die Idee mit der "Corporate Wear" aber sollte erst später dazukommen, auf einer Messe, als ein Geschäftsmann aus Australien sie darauf ansprach, ob sie das wohl auch machten - Kleidung für den ansprechenden Auftritt einer Firma?

Angesprochen von einem Geschäftsmann, entdeckten sie das Gebiet der "Corporate Wear".

(Foto: Claus Schunk)

Aus der Zusammenarbeit mit dem Australier wurde zwar nichts, dafür konnten Bulander und Weber eine Hotelkette davon überzeugen, die Mitarbeiter ihrer Filialen nach ihren Entwürfen einzukleiden, und zwar immer anders. "25 Hours The Royal Bavarian" lautet der Name des Hauses, das das Hamburger Unternehmen am Münchner Hauptbahnhof betreibt, da ist es nur konsequent, auch die Kollektion mit diesem Titel zu überschreiben: Abgesehen von den markanten Knöpfen ist das Ensemble aus einer auf Taille geschnittenen Weste zu einer Bluse mit dezentem Stehkragen allerdings nicht allzu trachtig geraten; vielmehr ist der dazugehörige Rock aus Denim von Webers Schuluniform inspiriert, die aus Südindien stammt. Da Kleidung in einem Hotel nicht nur gut aussehen, sondern auch funktionieren muss, befragten sie außerdem die Mitarbeiter nach den Anforderungen ihres Alltags: Hosen beulen schließlich aus, wenn man darin ständig auf die Knie geht, auf Dauer knittern Blusen beim Aufschütteln von Betten - also entschieden sich die Designer für Stoffe, die einer speziellen Webtechnik wegen die Form halten. Auch als sie etwas später Kleidung für den medizinischen Bereich entwarfen, recherchierten sie erst einmal: Zwar wurden ursprünglich auch Operationssäle in Weiß gehalten, der Farbe der Reinheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber änderte sich die Farbe der Wäsche dort zu blau und insbesondere grün, weil dieses als Komplementärfarbe von Rot nicht nur den Augen des Chirurgen Erholung biete, wie die Designer herausfanden. Sie unterbindet obendrein den Effekt "grüner Geister", die auf weißen Laken und Kleidung als sogenanntes Nachbild erscheinen, wenn man zuvor lange auf Rotes geblickt hat. Außerdem: Gerate Blut auf grünen oder blauen Stoff, werde es braun oder schwarz - für den Patienten weit weniger alarmierend als karminrote Flecken.

Überhaupt dürften Ärmel nicht zu lang sein, sonst störten sie bei der Untersuchung, sagt Weber. Sie hängt einen marineblauen Kurzmantel an die Stange zurück, der auf der Straße problemlos als Trenchcoat durchgehen würde. Er ist mit geräumigen Taschen ausgestattet, damit ein Arzt vom Notizblock bis zum Stethoskop alles unterbringt, was er so braucht. Bulander und Weber wiederum benötigten vor allem Platz, als sie vor drei Jahren aus dem Münchner Stadtteil Haidhausen in die Gemeinde Brunnthal zogen, die sie damals nur dem Namen nach kannten und heute wegen ihrer guten Autobahnanbindung loben. Und Platz sollten sie bekommen: Ihre Fläche verzehnfachte sich von 47 auf gut 500 Quadratmeter, auf denen es sich gut arbeiten ließ. Sie richteten ein Nähatelier und ein Fotostudio ein, im Keller ein Lager und im Erdgeschoss gleich zwei Räume, in denen sie Kollektionen präsentieren können. Da ist es natürlich schade, dass sie im Juni ausziehen müssen aus dem großen Brunnthaler Haus, die Suche nach einer geeigneten Immobilie im Umkreis läuft. Es ist die Suche nach dem nächsten Ort, an dem sie "Saat" wachsen und gedeihen lassen können.

© SZ vom 20.02.2021
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