bedeckt München 16°
vgwortpixel

Brunner-Prozess in München:Jenseits des Juristischen

Das sind die Fakten. Die Jugendkammer des Landgerichts München I wird sie zu bewerten haben, wobei sich abzeichnet, dass zumindest für den Angeklagten Sebastian L. der Vorwurf des Mordes nicht zu halten sein wird. Ein Tötungsvorsatz, auch in Form der billigenden Inkaufnahme, ist ihm nicht nachzuweisen. Anders liegt der Fall bei Markus S. - wer einen Menschen mit dem beschuhten Fuß mit voller Wucht gegen den Kopf tritt, der muss damit rechnen, dass dieser stirbt. Dass die Verletzung für einen Gesunden tatsächlich nicht lebensbedrohend gewesen wäre, ändert daran nichts.

Ob die Tat als Mord oder als Totschlag zu werten ist, bleibt offen. Das Gericht wird abwägen müssen, ob die beiden Täter aus Verärgerung über Brunners Eingreifen schon entschlossen waren, ihn zu attackieren, oder ob ihr Angriff eine Kurzschlussreaktion auf die zweifellos vorangegangene Provokation durch Brunners ersten Schlag war. Da S., der zur Tatzeit schon 18 Jahre alt war, mit einiger Sicherheit nach Jugendrecht zu verurteilen sein wird, kommt dieser Frage keine allzu große Bedeutung für das Strafmaß zu.

Jenseits dieser dürren juristischen Bewertung bleibt diesem Fall aber etwas Verstörendes, etwas, das auch durch die durchweg sachliche und gründliche Aufklärungsarbeit des Gerichts im Ungewissen verharrt. Dominik Brunner wurde von Zeugen, die ihn lange und gut kannten, als ein durch und durch rationaler, unaufgeregter, abwägender, in schwierigen Situationen gelassener und vermittelnder Mensch geschildert, einer, dem sehr viel an Ordnung, Anstand und Zuverlässigkeit lag. Keiner der Zeugen hat ihn je körperlich aggressiv erlebt. Was ihn bewogen hat, in der ohnehin angespannten Situation am Sollner Bahnsteig mit einem Faustschlag Öl ins Feuer zu gießen, statt mit seinen Schützlingen zusammen mit den anderen Fahrgästen zum Ausgang zu gehen und auf die Polizei zu warten, bleibt ein Rätsel.

Markus S., der Haupttäter, ist sicherlich in vielem das Gegenteil Brunners: Sein Leben war in größtmöglicher Unordnung, ohne feste Strukturen, ohne zuverlässige Bindungen, es bestand vor allem aus Langeweile, Alkohol und Marihuana. Aber durch brutale körperliche Gewalt war er bis zu diesem Tag nicht aufgefallen. Einmal war er in eine Schlägerei mit ein paar Türken verwickelt, das Verfahren gegen ihn wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Zeugen schilderten ihn als eher schüchtern und still, einen Ausbund an Unauffälligkeit. Insofern ist auch für ihn diese Explosion von Gewalt ein bisher nicht erklärtes Ereignis - vielleicht kann der Jugendpsychiater, der am Mittwoch zu Wort kommen soll, etwas zur Erhellung beitragen. (München)

Solln - ein Jahr danach

Die Tat, die das Land erschütterte