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Güterzüge:Konkurrenz für die S-Bahn

Der Zugverkehr durch Haar wird mit Hilfe digitaler Technik zunehmen. Es bleibt dort bei den bestehenden vier Gleisen.

(Foto: Claus Schunk)

In Haar wächst die Sorge, dass der Ausbau der Strecke als Zubringer zum Brenner-Basistunnel nicht nur mehr Lärm mit sich bringt, sondern auch auf Kosten des Nahverkehrs gehen könnte.

Von Bernhard Lohr, Haar

Die Anrainer der Bahnstrecke München-Rosenheim im Osten der Landeshauptstadt müssen sich auf eine zügige Ertüchtigung der Strecke für mehr Güterverkehr einstellen. Das Bundesverkehrsministerium in Berlin hat auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion zwar eingeräumt, dass der sogenannte Nordzulauf zum Brenner-Basistunnel erst 2040 in Betrieb gehen wird, und damit zwei Jahre später als bisher angenommen. Unabhängig davon wird aber der technische Ausbau der Strecke über Trudering, Haar, Grafing bis 2030 vorangetrieben. Das digitale Zugleitsystem European Train Control System (ETCS) soll eine Verdichtung des Güterverkehrs schon bald erlauben.

Die Zeit drängt. Acht Jahre sind bei großen Verkehrsprojekten ein Wimpernschlag. Und gerade mal so viel Zeit bleibt den Menschen an der Bahntrasse im Münchner Osten, sich auf die Folgen von zwei großen Bahn-Infrastrukturprojekten einzustellen. Hoffnungen verbinden viele mit dem Jahr 2028, weil dann die zweite Stammstrecke erlauben soll, den Takt im S-Bahnverkehr zu erhöhen. Noch relativ wenig Beachtung findet dagegen, dass in demselben Jahr der Brenner-Basistunnel eröffnet wird. Haar, Grafing und Zorneding liegen dann am "transeuropäischen Korridor Skandinavien-Mittelmeer" (Scan-Med), über den Prognosen zufolge täglich bis zu 550 Züge verkehren könnten. In diesem Fall weckt die angestrebte Taktverdichtung freilich Befürchtungen in den Anrainer-Kommunen, durch die heute schon bis spätnachts Züge rauschen.

In Haar sieht die örtliche FDP die aktuelle Antwort aus dem Verkehrsministerium als warnenden Fingerzeig. Ortsvorsitzender Peter Siemsen fordert einerseits mehr Tempo beim Nordzulauf-Ausbau. Er pocht aber auch auf Nachbesserungen beim Lärmschutz und warnt wie Haars Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) davor, dass die erhofften Verbesserungen beim S-Bahnverkehr dem Zuwachs beim Güterverkehr geopfert werden. Siemsen: "Der schleppende Ausbau der deutschen Zulaufstrecke droht so zum Störfaktor des Regional- und transeuropäischen Schienengüterverkehrs zu werden."

Der Verkehrsexperte der Grünen im Bayerischen Landtag, Markus Büchler aus Oberschleißheim, hält die Verzögerungen beim Brenner-Nordzulauf geradezu für peinlich für die deutsche Verkehrspolitik. Büchler spricht beim Brenner-Tunnel von einem "Menschheitsprojekt". Da werde der längste Bahntunnel der Welt durch die Alpen getrieben - "und wir kriegen zwei Gleise nicht verlegt", sagt er mit Blick auf den geplanten, schleppenden Streckenneubau von Grafing bis ins Inntal. Büchler fordert konsequent den Ausbau der Bahnkapazitäten, sowohl für Güter- als auch für Personenzüge. Dass vielerorts, wo neue Gleise verlegt werden sollen, Bürgerinitiativen protestieren, hält Büchler für "unredlich". Jeder wolle den Verkehr auf die Schiene bringen. Aber nicht vor seiner Tür.

Im Abschnitt von Trudering über Haar und Grafing sind keine zusätzlichen Gleise geplant, dafür wird die Trasse mit digitaler Technik in einer ersten Stufe so ausgestattet, dass laut Deutscher Bahn die durch die Eröffnung des Brenner-Tunnels erwartete "Kapazitätszunahme" abgewickelt werden kann. Bis zum Jahr 2030 wird das zwischen München und der Grenze zu Österreich umgesetzt. Wie ein Bahnsprecher betont, bedeutet das aber keineswegs, dass mit Eröffnung des Brenner-Tunnels auf einen Schlag 200 Züge mehr Richtung München unterwegs sein würden. Die Erfahrung mit dem Gotthardtunnel zeige, dass der Verkehr nach und nach zunehmen werde. Der DB-Sprecher zeigt sich zudem überzeugt, dass die digitalisierte Bestandsstrecke in der Lage sein werde, den Verkehr in den nächsten 20 Jahren zu bewältigen.

Anders als die FDP in Haar findet Markus Büchler nicht, dass man sich an der Bahntrasse im Raum München zu große Sorgen wegen zusätzlicher Belastungen machen muss. Er erwartet Investitionen in Lärmschutz, auch weil das Verkehrsministerium den Sanierungswert, von dem an Maßnahmen ergriffen werden müssten, unlängst um drei Dezibel/A gesenkt habe. Es liege im Interesse auch der Haarer, den Autoverkehr von der Wasserburger Straße auf die Schiene zu bekommen, sagt er. Wünschenswert wäre, auch mehr Personenzüge aufs Gleis zu bekommen.

Bleibt die Frage, ob nur mit Hilfe von ETCS all die Züge auf die Gleise im Münchner Osten zu bringen sind. Haars FDP-Chef Siemsen warnt vor "negativen Auswirkungen" für die S-Bahn. Und Bürgermeister Bukowski will bei der Deutschen Bahn zu diesem Punkt "konkrete" Fragen stellen. Sollte die S-Bahn auf der Strecke bleiben, kündigt er Widerstand an: "Dann müssen wir uns auf die Hinterbeine stellen."

© SZ vom 09.10.2020/hilb

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