Die alten Römer hatten es ja mit dem Aberglauben. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Mär hält, schon in der Antike sei Blei gegossen worden, um einen flüchtigen Blick in die Zukunft zu werfen. Man stelle sich Gaius Iulius Caesar an Silvester vor, den Löffel über einer Flamme haltend, bis das Blei geschmolzen ist. Eine schnelle Handbewegung, ein Zischen und im Wasser taucht auf - ein Dolch. Ein Vorbote der Iden des März?
Dass der Brauch so lange überdauert hat, liegt sicher in der Faszination des Ungewissen; dem Reiz, einen kleinen Blick in die eigene Zukunft zu erhaschen. Daran kann selbst die Europäische Union nichts ändern, die von diesem Jahr an den Vertrieb von Sets mit bleihaltigen Rohlingen verboten hat.
Vor ziemlich genau einem Jahr hat die Süddeutsche Zeitung vier bekannte Politiker aus dem Landkreis nach Ismaning zum Bleigießen geladen, kurz vor der letzten Sitzung des Kreistags im Jahr 2017: Den CSU-Landtagsabgeordneten Ernst Weidenbusch und die Direktkandidaten für die Landtagswahl Annette Ganssmüller-Maluche (SPD), Markus Büchler (Grüne) sowie Tobias Thalhammer (FDP).Moment, Tobias Thalhammer von der FDP, der Direktkandidat?
Da war doch was. Richtig, heute gehört Thalhammer der CSU an, seine Kandidatur und auch das FDP-Parteibuch hat er ja etwa vier Monate nach dem politischen Bleigießen an den Nagel gehängt. Das war in Ismaning noch nicht im Gespräch und auch nicht aus Tobias Thalhammers Bleiklumpen herauszulesen. Also, ein Blick zurück auf die Ergebnisse der etwas abgewandelten Kaffeesatzleserei, was die Kandidaten sich erhofft haben - und vor allem was daraus geworden ist.
Ein göttlicher Fingerzeig für die SPD-Frau
Ladies first, heißt es in Ismaning - und Annette Ganssmüller-Maluche beginnt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten verflüssigt sich das Blei über der Kerze langsam und die SPD-Kreisrätin stellt fest: "Da bleibt ja gar nichts mehr übrig." Ernst Weidenbusch konstatiert: "Das ist wie mit Euren Prozenten." Der Landtagsabgeordnete von der CSU, etwa ein Hellseher? Ganssmüller-Maluche übergeht den Kommentar, das Blei zischt im Wasser und heraus kommt eine kleine Säule, spitz zulaufend. Nach etwas Rätselraten interpretiert Ganssmüller-Maluche das Gegossene als einen "göttlichen Fingerzeig für mich".
Zu diesem Zeitpunkt kann die Direktkandidatin natürlich noch nicht wissen, wie gut oder schlecht es die Götter im Jahr 2018 mit ihr meinen werden. Alles war ja darauf ausgerichtet, dass sie es in den Landtag schaffen würde - und sie selbst verließ sich auch nicht auf den Segen eines oder mehrerer Götter, sondern legte einen Wahlkampf hin, der auch manch politischem Gegner Respekt abnötigte. Am Ende aber wurde Ganssmüller-Maluche vom Sog des SPD-Debakels bei der Landtagswahl am 14. Oktober mitgerissen. Die Genossin erreichte im Stimmkreis München-Land Nord nur 11,3 Prozent der Erststimmen. Was sagte noch Ernst Weidenbusch über das Ergebnis ihres Bleigieß-Versuchs: "Ein Heißluftballon."
Bei Markus Büchler läuft der Schmelzvorgang etwas reibungsloser - begleitet von seinem Bleigießer-Fachwissen: "Das ist Zinn, kein Blei." Beim Abtropfen bleibt dann die Masse zunächst am Löffel hängen, dann ein Zischen und heraus kommt ein eigentümliches Gebilde, flach und breit. Weidenbusch: "Wie nicht anders zu erwarten, hat der Grüne das Set zerstört. Nicht regierungsfähig." Büchler selbst ist sich nicht ganz sicher, was er da gegossen hat: Ein massives, stabiles, solides Ergebnis, auf das sich aufbauen lässt, vermutet er zunächst. Dann: Ein Schatten - oder ein Adler.
Nun ja, zumindest Weidenbusch hatte in Teilen recht. Als regierungsfähig erachtete die CSU die Grünen nach der Landtagswahl tatsächlich nicht. Aber mit den kräftigen Flügelschlägen eines Adlers flogen die Grünen gewissermaßen ins Maximilianeum - und mit ihnen auch Markus Büchler als frisch gewählter Abgeordneter für den Landkreis München. Die Auguren meinten es gut mit den Grünen, die gerade dabei sind, sich ein ziemlich stabiles Gebilde als zweitstärkste Kraft in Bayern aufzubauen.
Wenig überraschend verkündet Ernst Weidenbusch sehr schnell und selbstbewusst sein Ergebnis nach dem Schmelzvorgang und dem Eintauchen des Bleis ins Wasser. "Das ist der bayerische Löwe mit dem Zepter", sagt er - und Tobias Thalhammer kontert: "Eher als Bettvorleger. Und Zepter passt doch, das heißt herrschsüchtig." Büchlers Einwand, das sei eher eine Golftasche und deute auf mehr Freizeit hin, wischt Weidenbusch beiseite: "Ich neige nicht zur Sorge." Und doch haben sich in der CSU nahezu alle in diesem denkwürdigen Jahr berechtigte Sorgen gemacht. 37,2 Prozent erreicht die Partei bei der Landtagswahl, die absolute Mehrheit ist futsch. Ernst Weidenbusch musste ein wenig zittern, er kommt im Stimmkreis Nord auf etwas mehr als 30 Prozent - kein Ergebnis, um allzu selbstbewusst zu brüllen. Doch der bayerische Löwe kann weiter regieren, wenn auch nur mit Hilfe der Freien Wähler in einer Koalition.
Der Landtag, Sehnsuchtsort vieler Politiker, ist am Tag des Bleigießens für Tobias Thalhammer noch in Sichtweite. Er entscheidet sich für einen Rohling in Form einer Uhr ("Weil unsere Stunde jetzt schlägt.") - und gießt das geschmolzene Blei ins Wasser. Heraus kommen lauter kleine Bröckerl. "Toby, ganz ehrlich, das sieht eher aus wie die Reste der bayerischen FDP", sagt Weidenbusch. Was Thalhammer in dem Kleinkunstwerk erkennt? "Die Vielfalt, die wahre bayerische Leitkultur, nicht wie ihr von der CSU sie meint", kontert er.
Mittlerweile gehört Thalhammer dieser "herrschsüchtigen" Partei an. Thalhammers landespolitische Ambitionen aber endeten mit dem Übertritt zur CSU; und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihm bei der FDP als Kandidat Helmut Markwort nachfolgte, der 82-jährige Publizist und Focus-Gründer, der - mit Verlaub - nicht als Zukunft seiner Partei gilt, deren Zeit nun gekommen sein könnte. Thalhammer dagegen pflegt weiter mit Erfolg seine Karriere als Schlagersänger. Die "Zersplitterung", die ihm Markus Büchler angesichts seines kleinen Trümmerhaufens prophezeit hat, hat er selbst mit gestaltet. So enden Politikerträume - und manche werden Realität. Ein Zischen - und doch weiß keiner so recht, was da nun kommt.
