Bildungssystem Nachhilfe in Kommunikation

Engagierte und kritische Filmemacher: Alexander Spöri, Julian Heiß, Lukas Faltenbacher und Luca Zug (von links).

(Foto: Claus Schunk)

Fünf Schüler des Unterhachinger Lise-Meitner-Gymnasiums drehen einen Film über die bayerische Bildungspolitik und geraten dabei mit dem Kultusministerium in Clinch. Am Ende lernen beide Seiten dazu

Von Christina Hertel, Unterhaching

Zunächst hört es sich harmlos an: Fünf Jugendliche wollen einen Film drehen. Doch mit dem Thema, das sie gewählt haben, betreten sie vermintes Gelände: Schließlich geht es um die bayerische Bildungspolitik. Die Folge ist reichlich Ärger mit dem Kultusministerium. Wenn der Streifen an diesem Sonntag im Mathäser-Kino in München läuft, ist die Erleichterung der jungen Filmemacher vermutlich groß. Denn dass er so überhaupt gezeigt werden kann, war in den vergangen Wochen nicht immer klar.

Alexander Spöri, Colin Maidment, Luca Zug, Julian Heiß und Lukas Faltenbacher sind 15 Jahre alt. Sie sind Schüler des Unterhachinger Lise-Meitner-Gymnasiums und haben sich bereits mit zwei politischen Filmen einen Namen gemacht: zur NSA-Affäre und zum Olympia-Attentat 1972. Dieses Mal wollten sie einen Film machen, der sie unmittelbar betrifft. Weil sie nirgends mehr Zeit verbringen als in der Schule und weil es nichts gibt, was sie mehr aufregt, lag das Thema nahe: das bayerische Bildungssystem. So heißt der Film auch. Das Ziel der Gymnasiasten: zeigen, was falsch läuft, und wie es besser gehen könnte.

Der Ärger begann mit dem Trailer auf einer Videoplattform im Internet. In diesem kam der Sprecher des Kultusministeriums nicht sonderlich gut weg. Für mehrere Sekunden war Ludwig Unger darin schweigend und ziemlich ratlos zu sehen, nachdem die Schüler ihn gefragt hatten, was der Begriff "Vertretung ohne Lehrer" bedeute. Schließlich antwortete er, dieser werde im Kultusministerium nicht verwendet. Für einen Pressesprecher ein insgesamt nicht besonders vorteilhafter Auftritt. Und damit ging der Ärger los. Denn vor dem Interview war vereinbart worden, dass der Pressesprecher seine Zitate vor einer Veröffentlichung zu sehen bekommt. Daran hatten sich die Schüler nicht gehalten. Außerdem hatten sie im Ministerium den Eindruck erweckt, ihr Interview sei Teil eines Schulprojekts. Dabei drehten die fünf Jugendlichen auf eigene Faust. Weil er von einem Projekt ausgegangen sei, das von Lehrern betreut werde, sei er in das Gespräch mit einer ganz anderen Haltung hineingegangen, sagt Unger. In dieser Annahme habe die Pressestelle den Schülern auch bei der Suche nach Gesprächspartnern geholfen. Diesen gegenüber habe er eine Verantwortung: "Wenn Menschen bloßgestellt werden, kann ihre Würde verletzt werden." Auf Intervention Ungers und nach einigen Telefonaten, E-Mails und Gesprächen mit Schulleitung, Schülern und deren Eltern wurde der Trailer gelöscht.

Alexander Spöri, der als Produzent fungiert, räumt das Versäumnis der jungen Filmemacher ein. "Wir haben uns journalistisch noch nicht ausgekannt", sagt der 15-Jährige. "Der Trailer sollte möglichst reißerisch werden." Und der Film möglichst kritisch. Deshalb sei es schwierig, alles absegnen zu lassen. Er sehe aber ein, dass man sich falsch verhalten habe.

"Ich habe den Film in keiner Weise zensiert", sagt Unger zu der Löschung. Aber er habe darauf hingewiesen, dass Teilaussagen nicht einfach aus dem Zusammenhang gerissen werden dürften. "Um den Inhalt ging es mir nie. Da habe ich nicht reingeredet." Er stehe auch zu seiner Aussage in dem Interview, wonach der Begriff "Vertretung ohne Lehrer" so im Kultusministerium nicht verwendet werde. Dafür habe er in dem Gespräch deutlich gemacht, welche Möglichkeiten das Ministerium nutze, um drohendem Unterrichtsausfall zu begegnen und diesen zu verhindern. Gezeigt wurde im Trailer aber nur, wie er nicht weiß, was er sagen soll.

"Herr Unger hat den Film schon indirekt beeinflusst", sagt dagegen Spöri. Nicht weil er bestimmte Passagen rausgeschnitten haben wollte - der schweigende Pressesprecher wird immer noch zu sehen sein - "sondern, weil er bestimmte Aussagen im Film drin haben wollte: entweder durch sein eigenes Zitat oder durch Sprechertext". Außerdem habe Unger den Schülern mit einer Unterlassungsklage gedroht. "Natürlich war die Unruhe in unserem Team dann groß."

Unger sagt dazu: "Ich habe darauf hingewiesen, dass Persönlichkeitsrechte beachtet werden müssen und dass das, was wir vereinbart haben, eine Rechtsgrundlage hat." Er wollte auch, dass die Schüler ihm jemanden nennen, der medienrechtlich verantwortlich ist. Von da an wurden sie von einem freien Journalisten unterstützt, der früher selbst das Unterhachinger Lise-Meitner-Gymnasium besucht hat. Auch dort war die Aufregung groß. Direktorin Brigitte Grams-Loibl lud Spöri und seine Eltern zum persönlichen Gespräch vor.

Die stellvertretende Landrätin Annette Ganssmüller-Maluche von der SPD kann die Aufregung und vor allem die Reaktion des Ministeriumssprechers nicht nachvollziehen. Sie hatte die Jugendlichen vor zwei Wochen zu einer Diskussionsveranstaltung ihrer Partei über das bayerische Bildungssystem in Kirchheim eingeladen und steht seitdem regelmäßig mit ihnen in Kontakt. "Ich empfinde die ganze Aufregung, die Herr Unger verbreitet hat, fast als kindisch. Sein Verhalten war nicht souverän." Die Fehler der Schüler rechtfertigten die Reaktion nicht. "Wenn sich Schüler so engagieren, sollte das unterstützt und keine Angst verbreitet werden", findet die SPD-Politikerin. Es sei wichtig, Probleme wie den Stundenausfall anzusprechen.

Das sieht auch Claudia Köhler so, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Unterhachinger Gemeinderat, deren Sohn ebenfalls das Lise-Meitner-Gymnasium besucht. "Wenn sich schon Schüler beschweren, dass zu viel Unterricht ausfällt, läuft doch wirklich etwas falsch." Sie habe vor ein paar Jahren eine Strichliste geführt und die Stunden addiert, in denen es keine Vertretung durch einen Lehrer gab. Ihr Ergebnis: Während der Gymnasialzeit fiel ein Jahr Unterricht komplett aus. Die Mutter glaubt deshalb, dass das Kultusministerium mit seiner Reaktion vom Inhalt des Films ablenken wollte. "Anstatt zuzugeben, dass mehr Lehrer gebraucht werden, wird dann auf so etwas herumgeritten."

Was hat es nun mit dem Begriff "Vertretung ohne Lehrer" auf sich? Dieser stand laut Karin Sixt, der Vorsitzenden des Elternbeirats, tatsächlich bis April auf dem Vertretungsplan, wenn Unterricht ersatzlos ausfiel. Inzwischen wurde der Ausdruck durch "eigenverantwortliches Arbeiten" ersetzt. "Es ist aber genau das Gleiche", sagt Sixt. "Leider ist es keine Seltenheit, dass von sieben Stunden am Tag drei auf diese Weise nicht stattfinden."

Der Film "Das (Bildungs)system" läuft am Sonntag im Mathäser-Filmpalast in München. Beginn ist um 12 Uhr. Karten sind unter www.moviejam.de/fuer-bildungssystem-premiere-reservieren erhältlich.