Bildungspolitik:Adverbiale pauken in den Ferien

Bildungspolitik: In der Aschheimer St. Emmeram-Realschule will Lehrerin Stefanie Schwepper (rechts) mit ihren Schülern Defizite aufholen, die durch die Pandemie entstanden sind. Minster Michael Piazolo schaut interessiert dabei zu.

In der Aschheimer St. Emmeram-Realschule will Lehrerin Stefanie Schwepper (rechts) mit ihren Schülern Defizite aufholen, die durch die Pandemie entstanden sind. Minster Michael Piazolo schaut interessiert dabei zu.

(Foto: Claus Schunk)

Kultusminister Michael Piazolo macht sich bei einem Besuch in der St.-Emmeram-Realschule in Aschheim ein Bild von der Sommerschule. Die Schüler interessiert dabei vor allem, wie es im Herbst weitergehen soll

Von Jessica Helbig, Aschheim

"Wir fliegen nach Nordamerika", schreibt Stefanie Schwepper in schönster Lehrerinnen-Schreibschrift an die Tafel. Die Schülerinnen und Schüler, die vor ihr sitzen, pinseln den Satz ins Heft. Anhand dieses Beispiels wollen sie gleich Lokaladverbiale bilden. Adverbiale. Was selbst Germanistikstudierende zum Gähnen bringt, lernen die Kinder, die in die fünfte und sechste Klasse der St.-Emmeram-Realschule in Aschheim gehen, freiwillig - und zwar mitten in den Sommerferien.

Sie nehmen an der "Sommerschule" teil, die derzeit an vielen Schulen in ganz Bayern stattfindet. Das vom bayerischen Kultusministerium initiierte Konzept umfasst jeweils eine Woche zu Ferienbeginn und eine zum Ferienende und ist ein Baustein des Förderprogramms "Gemeinsam Brücken bauen". Mit diesem sollen pandemiebedingte Nachteile für Schüler ausgeglichen werden, die diese durch Distanzunterricht und Homeschooling erlitten haben.

Am Donnerstagvormittag schaut den Sommerschülern der St.-Emmeram-Realschule dabei der Kultusminister persönlich über die Schulter. Michael Piazolo (Freie Wähler) ist gekommen, um sich ein Bild von der Ausgestaltung der zusätzlichen Lernwoche zu machen und mit den Schülern und Lehrern ins Gespräch zu kommen.

"Das hätte ich mir gewünscht, so sauber an die Tafel schreiben zu können", kommentiert Piazolo, während er Stefanie Schwepper beim Anschreiben zuschaut. Ob er damit auf seine frühere Dozententätigkeit anspielt oder gar seine eigene Schulzeit, bleibt an dieser Stelle zwar offen. Aber zumindest Letztere wird zu einem späteren Zeitpunkt des Schulbesuchs noch einmal Thema werden.

Doch zunächst schaut sich der Kultusminister gut gelaunt und sichtlich interessiert die an diesem Tag angebotenen Kurse an. Erste-Hilfe-Grundlagen, Bewerbungstraining, ein Umweltprojekt - die Auswahl für die Schüler ist groß. Insgesamt 48 Kurse hat die Schule dank des engagierten Einsatzes der Lehrkräfte für den gesamten Projekt-Zeitraum auf die Beine gestellt. Dass das kein leichtes Unterfangen war, macht Schulleiterin Gabriele Frohberg-Hintzen in ihrer Begrüßungsrede deutlich. "Ich möchte an dieser Stelle nicht verhehlen, dass es ein großes Problem dargestellt hat, Personen von außerhalb für dieses Programm zu finden", sagt sie und stellt außerdem klar, dass trotz dieses großen Angebots gerade die Schüler nicht erreicht werden konnten, deren Nachholbedarf besonders groß ist.

Der Minister seinerseits betont, dass die Sommerschule nur ein Teil des Förderprogrammes sei, mit dem die pandemiebedingten Nachteile abgefedert werden sollten, "nicht mehr und nicht weniger". Der größere Teil werde im nächsten Schuljahr anstehen. Dann solle es klassenspezifische und auf Kleingruppen zugeschnittene Angebote geben, um die Lernrückstände und psychosozialen Defizite auszugleichen. Dafür stelle der Bund 150 Millionen Euro und der Freistaat weitere 50 Millionen bereit, um zusätzliches Personal rekrutieren zu können - pensionierte Lehrkräfte etwa, Lehramtsstudierende oder Referendare.

Gerade die Schüler beschäftigt die Frage, was sie im kommenden Schuljahr erwartet, sehr. "Können Sie uns vielleicht schon einen Hinweis geben, wie das nächste Schuljahr ablaufen wird?", möchte etwa der 13-jährige Julius von Piazolo in einer Fragerunde mit dem Minister wissen. Die zwei Jahre ältere Isabella interessiert, ob es dann Luftfilter in den Klassenzimmern geben wird. Im letzten Winter habe ihre Klasse wegen des ständigen Lüftens viel gefroren.

"Ich find's ja interessant, dass ihr in den Ferien schon an die Schule denkt", antwortet der Minister, kommt dann aber doch darauf zu sprechen, dass es möglichst viel Präsenzunterricht geben soll. Und Luftfilter? Da unterstütze die Regierung mit viel Geld, aber die Kommunen machen halt nicht alle mit.

Angenehmer für Piazolo dürften die Nachfragen zu seiner Person gewesen sein. Wie er eigentlich Minister geworden sei, wollte ein Schüler wissen. Und ein anderer fragte, welches die schlechteste Note gewesen sei, die er in der Schule bekommen hätte. "Die schlechteste, die es gibt", antwortet der Minister. Ein Beispiel sollten sie sich in diesem Fall an ihm nicht nehmen.

© SZ vom 06.08.2021
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