Big Wings:Getrennte Lager

Big Wings: Unüberbrückbar sind die Standpunkte in der Diskussion um die geplante Erweiterung des Chemiewerks an der Isar.

Unüberbrückbar sind die Standpunkte in der Diskussion um die geplante Erweiterung des Chemiewerks an der Isar.

(Foto: Claus Schunk)

Bei der Informationsveranstaltung in Pullach zu den Plänen von United Initiators prallen die Fronten von Gegnern und Befürwortern der Chemiewerk-Erweiterung unversöhnlich aufeinander

Von Tatjana Tiefenthal, Pullach

Die Debatte um die Erweiterung des Pullacher Chemiewerks von United Initiators (UI) ist am Mittwochabend in die nächste Runde gegangen. Nachdem der Gemeinderat am Tag zuvor ein Bürgerbegehren von Gegnern für unzulässig erklärt hatte, erhitzte diese Entscheidung die Gemüter in einer Informationsveranstaltung der Gemeinde im Bürgerhaus weiter. Der Aufruf des Moderators, Diffamierungen zu unterlassen und widerlegte Behauptungen "in der Schublade zu belassen", wurde dabei nicht immer beherzigt. Nachdem etwa Walter-Viktor Adolf, der die Bürgerinitiative auf dem Podium vertrat, mit wütenden und lauten Worten mehr Redezeit als die für jeden vereinbarten fünf Minuten einforderte, stellte ihm der Moderator frei, die Diskussion zu verlassen.

Ein wichtiger Punkt der Debatte war, ob UI für seine Pläne mehr Baurecht genehmigt wird. Stadtplanerin Bettina Gerlach, die im Auftrag der Gemeinde an dem neuen Bebauungsplan arbeitet, bestritt das: "Die Bauräume des alten Bebauungsplans wurden im neuen Plan lediglich verschoben." Es lägen oft Missverständnisse vor, da der alte Bebauungsplan nicht ausgeschöpft worden sei, sprich nicht alle bereits bebaubaren Flächen von dem Unternehmen auch genutzt werden. Letztendlich würde durch "Big Wings", so der Name des Projekts, aber mehr Fläche bebaut als momentan. Bürgermeisterin Susanne Tausendfreund (Grüne) sagte dazu: "1995 habe ich mich gegen den ersten Bebauungsplan ausgesprochen. Heute muss ich respektieren, dass es ihn gibt." Dagegen meinte Christian Boeck von der Bürgerinitiative: "Nach sieben Jahren ist es durchaus möglich, eine Baugenehmigung wieder zurückzunehmen."

Befürchtungen von Bürgern vor mehr Lkw-Verkehr zerstreute UI-Geschäftsführer Andreas Rutsch: Momentan würden fertige Produkte in externe Lager gebracht und später wieder zurück nach Pullach. Durch die Erweiterung der Lager würden dagegen Verkehr, Abgase und Lärm verringert. "Es wird nachts sowie am Wochenende keinen Lkw-Verkehr geben." Dafür gab es Zuspruch von der Agenda 21. "Wir finden die Zusammenführung von Lagerstätten vernünftig", sagte deren Vertreter Peter Kloeber. "Wir wollen aber eine Ausweitung der Produktion verhindern, vor allem wegen der Emissionen." Bernhard Rückerl, der Leiter der Umweltabteilung im Pullacher Rathaus, wies auf das Klimaschutzkonzept hin, welches der Bebauungsplan beinhalte. Dies sei einer der Vorteile, die ein neuer Bebauungsplans biete. So sei eine Stromversorgung aus erneuerbaren Energien vorgesehen. Zu Fragen nach einer Produktionssteigerung erklärte Rutsch, dass eine Expansion um 2,5 Prozent geplant sei. Diese sei jedoch vor Jahren genehmigt. "Bereits jetzt darf mehr produziert werden, als wir es momentan tun." Ohne Gewinn und Wachstum sei ein Unternehmen nicht lebensfähig.

Mehrere Pullacher erkundigten sich, ob die geplante Abholzung des waldähnlichen Gebiets auf dem Industriegelände der UI nicht zu verhindern sei. Laut Gemeinde handelt es sich bei dem Gelände bereits seit dem ersten Bebauungsplan um eine Industriefläche. Ein Wald existiere auf dem Papier gar nicht. "Seit 1995 hätte UI jederzeit die Bäume fällen und dort bauen können", so Bauabteilungsleiter Jürgen Weiß. Der neue Bebauungsplan sehe jedoch eine Ausgleichsfläche vor. Wo momentan noch die Werkswohnungen stehen, werde ein Waldgebiet in gleicher Größe angelegt. Für die Wohnungen ist unabhängig davon eine Verlegung außerhalb des Werksgeländes vorgesehen. Kloeber von der Agenda 21 beharrte dagegen: "Es muss einen anderen Standort für die geplante Lagerhalle geben. Das Waldstück sollte auch wieder als Wald definiert werden." Stadtplanerin Gerlach entgegnete, das Gelände sei westlich und südlich von Wald umgeben, ein anderer Standort komme daher nicht infrage.

Zum Schluss der dreistündigen Veranstaltung äußersten mehrere Pullacher Sicherheitsbedenken. Sie erinnerten an den Brand 2002 und warnten, die Gefahr steige, wenn die gelagerte Produktmenge größer werde. Seitens der Werkleitung hieß es dazu, die Sicherheitskonzepte seien in den vergangenen 20 Jahren deutlich weiterentwickelt worden. "Die Lager sind in verschiedene, abgetrennte Blöcke eingeteilt. Durch die einzelnen Blöcke ist eine Brandausbreitung nicht möglich." Demnach würde das Sicherheitsrisiko durch die Expansion nicht steigen. Kathrin Vogel von der Bürgerinitiative war anderer Ansicht: "Wenn mehr da ist, das explodieren kann, ist die Gefahr immer größer."

Nachdem die Fragerunde von einigen Interessenvertretern weniger für Fragen als vielmehr für Statements genutzt wurde, meinte eine Pullacherin, die erst zum Ende zu Wort kam, enttäuscht: "Ich bin heute hier, um mich zu informieren und Fragen zu stellen, aber dazu kommt es durch die verbalen Anfeindungen kaum."

© SZ vom 30.07.2021
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