Energiekrise:Brauer befürchten Durststrecke - weil ihnen das CO₂ fehlt

Lesezeit: 3 min

Energiekrise: Ohne Kohlendioxid kein Bier in der Flasche: Das Gas wird in der automatischen Anlage in Aying zum Abfüllen benötigt.

Ohne Kohlendioxid kein Bier in der Flasche: Das Gas wird in der automatischen Anlage in Aying zum Abfüllen benötigt.

(Foto: Claus Schunk)

Weil die Lieferung von Kohlendioxid stockt, das zum Abfüllen benötigt wird, droht mittelständischen Bierherstellern wie der Brauerei Aying der Produktionsstillstand. Brancheninsider bezeichnen die Lage als "dramatisch". Folgt nun die Bierkrise?

Von Michael Morosow

Hopfen und Malz, Hefe und Wasser - mehr braucht's nicht zum Bierbrauen, denkt der Laie. "Und Kohlendioxid", wird jeder Brauer hinzufügen. Gerade jene, die aktuell befürchten müssen, bald den Betrieb einstellen zu müssen, weil ihnen dieses für die Bierherstellung unverzichtbare Industriegas ausgeht und neue Lieferungen in den Sternen stehen. Die Energieknappheit hat die Brauereien wenige Tage vor dem "Ozapft is" auf dem Oktoberfest mit einem Schlag getroffen.

Der Markt für CO₂ ist gegenwärtig wie leergefegt. Die kleineren Betriebe im Landkreis München sind davon nur in Maßen betroffen, für die mittelständische Brauerei Aying aber ist die Lage bedrohlich. Wenn das Gas ausgehe, so Brauereidirektor Helmut Erdmann, dann gehe man zwar nicht insolvent, aber gebraut werden könne dann solange nicht, bis das Gas wieder in den Tank gefüllt werde. "Im Ernstfall gibt es keine Alternativen", sagt Erdmann. Bei der Aktienbrauerei Kaufbeuren ist dieser Ernstfall bereits eingetreten: Sie hat den Betrieb eingestellt und sogar ein Werk geschlossen.

Energiekrise: "Bedrohlich": Brauereidirektor Helmut Erdmann muss doch nicht etwa auf Leitungswasser umsteigen?

"Bedrohlich": Brauereidirektor Helmut Erdmann muss doch nicht etwa auf Leitungswasser umsteigen?

(Foto: Claus Schunk)

Das Kohlendioxid wird vor allem zum sogenannten Vorspannen bei der Flaschenbefüllung gebraucht, um den natürlichen Druck im Bier zu halten. Damit wird ein Aufschäumen verhindert und Einfluss auf die Alterung und den Geschmack des Bieres genommen. Das selbe Prinzip gilt bei der Befüllung von Tanks und Fässern: 25 Tonnen der Kohlensäure habe man noch, das reiche für drei bis vier Wochen, sagt Erdmann. Im Moment bleibt nur zu hoffen, dass sich die langjährige Treue der Brauerei zum Lieferanten auszahlt und die Ayinger nicht bald auf dem Trockenen sitzen.

Der Mangel an CO₂ hängt zusammen mit den hohen Energiepreisen, insbesondere beim Gas. Aus diesem Grund hat der Chemiekonzern BASF die Düngemittelproduktion auf Eis gelegt, bei der CO₂ als Nebenprodukt entsteht. Dieses wird nicht nur an Brauereien verkauft, sondern auch an Molkereien und Schlachtereien sowie die chemische Industrie. Der Nachschub stockt außerdem, weil die Düngemittelproduktion zuletzt nach und nach ins Ausland verlagert worden ist.

Die großen Münchner Brauereien können sich eigene Rückgewinnungsanlagen leisten

Das Pech der Brauerei Aying in der aktuellen Situation ist, dass sie zu groß ist, um sich das fehlende Gas in kleinen Gebinden zusammenkaufen zu können, aber wiederum zu klein ist, als dass sich eine Investition in eine CO₂-Rückgewinnungsanlage rentieren würde, die das beim Vergären des Bieres entstehende Gas auffängt. Eine solche Anlage rentiere sich erst bei einem Bierausstoß von jährlich 200 000 bis 300 000 Hektolitern. Die großen Münchner Brauereien hätten solche Anlagen und seien damit auch sorgenfrei, sagt Erdmann. Für die Ayinger Brauerei mit einem Ausstoß von weniger als 100 000 Hektolitern trage sich diese Anschaffung hingegen nicht. Vor dem gleichen Problem stehen andere mittelständische Brauereien wie Schweigerbräu in Markt Schwaben oder Wildbräu in Grafing.

Die momentane Situation, sagt Walter König vom Bayerischen Brauerbund, sei für die Brauereien ein "Wahnsinn". Niemand könne gerade sagen, wo er das Kohlendioxid schnell herbekommen solle. König fordert daher einen Krisengipfel mit der Bundesregierung und den Landesregierungen. Die CSU-Europaparlamentarierin Angelika Niebler aus Vaterstetten, an die sich die Brauer in ihrer Not gewandt haben, konstatiert: "Die Lage ist nicht nur ernst, sondern dramatisch." Sie setze sich für eine Vernetzung von Betrieben ein, weil nicht nur in der Düngemittelindustrie Kohlendioxid als Nebenprodukt ausgeschieden werde, sondern auch in anderen Branchen, etwa in Zementwerken.

Energiekrise: Verkehrte Welt: Vor anderthalb Jahren musste die Brauerei in Aying noch Bier wegkippen, weil wegen des Lockdowns der Absatz an die Gastronomie eingebrochen war.

Verkehrte Welt: Vor anderthalb Jahren musste die Brauerei in Aying noch Bier wegkippen, weil wegen des Lockdowns der Absatz an die Gastronomie eingebrochen war.

(Foto: Claus Schunk)

Für die vielen kleineren Brauereien im Landkreis München hält sich dagegen der Beschaffungsdruck in Grenzen. Die Brauereigenossenschaft Oberhaching etwa lässt von der Brauerei auf dem Gut Forsting in Pfaffing ihr Bier herstellen und wenn deren Braumeister Christian Straßer Recht behält, bekommt sie den Gerstensaft auch weiterhin geliefert. "Der Tank ist voll und reicht für einen Monat", versichert der Braumeister. Er habe bei seinem Zulieferer nachgefragt und erfahren, dass es wahrscheinlich auch in Zukunft kein Problem gebe. Entspannt gibt sich auch Robert Prinz vom Oberhachinger Stadlbräu. Sein Bier wird direkt an Ort und Stelle ausgeschenkt, dazu benötigt der kleine Betrieb maximal 55 Kilogramm CO₂ im Jahr, was Prinz zufolge bis dato kein Problem darstellt.

Für Michael Fauth vom Kirchheimer Zehmerbräu ist die Zeit noch zu früh, um einen Gasmangel beklagen zu können. Bis auf zwei Sude à 500 Liter für Dorf- und Richtfest sei noch kein Bier gebraut worden. Bei ihm gehe es erst im November los, sagt Fauth, dessen neu gegründete Brauerei 2024 die Landesgartenschau in Kirchheim beliefern wird. Bei etwa 130 000 Liter pro Jahr wird sich aber auch dann der CO₂-Bedarf in Grenzen halten.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusEnergieversorgung
:"Irgendwann fällt der Strom aus"

Die Feuerwehren im Landkreis München wollen im Fall von größeren Blackouts im Winter Anlaufstellen für die Bevölkerung schaffen. Auch die Polizei ist alarmiert und bereitet sich auf den Ausfall von Ampeln vor.

Lesen Sie mehr zum Thema