Bewegte Geschichte Fabrik, Kaserne, Männerwohnheim

Das Hans-Scherer-Haus des katholischen Männerfürsorgevereins bietet Menschen, die mit Obdachlosigkeit und Alkoholsucht kämpfen, stationäre Hilfe.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mittenheim ist vermutlich die älteste Siedlung in Schleißheim. Das dortige Kloster diente nach der Säkularisation verschiedenen Zwecken. In den nächsten Jahren soll um die historischen Gebäude ein neues Wohnviertel entstehen

Von Irmengard Gnau, Oberschleißheim

Heimat von Mönchen, landwirtschaftlicher Gutshof, Färberei, Stahlproduktionsstätte, Flieger-Unterkunft und schließlich Therapieheim - nur wenige Orte können wohl auf eine so vielfältige und bewegte Geschichte zurückschauen wie der Oberschleißheimer Gemeindeteil Mittenheim. Herzog Wilhelm V. von Bayern errichtete bereits um 1597 dort eine Klause, geweiht dem heiligen Franz von Assisi, und legte damit zumindest ideell den Grundstein für die spätere Nutzung. Zwar dauerte es mehr als hundert Jahre, bis Kurfürst Max Emanuel Anfang des 18. Jahrhunderts schließlich dort ein Kloster für die Franziskaner errichten ließ, doch dafür hat der dreiflüglige Bau bis heute die Zeit gut überdauert. Und so einiges gesehen.

Nach der Säkularisation, im Zuge derer die Franziskanermönche 1802 aus dem Kloster vertrieben wurden, hatten das Gebäude und die dazu gehörige weite Fläche zwischen Ober- und Unterschleißheim 14 verschiedene Eigentümer, weiß Otto Bürger. "Jeder von ihnen hat mit allen erdenklichen Mitteln sein Glück probiert", sagt der ehrenamtliche und begeisterte Ortschronist von Oberschleißheim. Wie unterschiedlich die Besitzer und ihre Ansätze waren, davon berichtet Bürger Interessierten bei einer ortsgeschichtlichen Führung über das Gelände am kommenden Samstag. Ein Kaufmann aus Düsseldorf wollte, so heißt es, in den einstigen Klostergebäuden eine Textilfabrik einrichten, später versuchte sich gar ein Stahlfabrikant daran. Auch als Flüchtlingsunterkunft und landwirtschaftliches Gutszentrum dienten die Gebäude einmal. Von 1914 bis 1919 wurden sie zur Kaserne für die bayerische Fliegertruppe des nahen Flugplatzes. Erst im Jahr 1846 übrigens, wie Bürger erzählt, erhielt der Flecken den Namen Mittenheim.

Heute heißt das einstige Franziskanerkloster Hans-Scherer-Haus und bietet Menschen, die mit Obdachlosigkeit und Alkoholsucht kämpfen, stationäre Hilfe an. Der katholische Männerfürsorgeverein München hat Mittenheim 1953 übernommen und betreibt dort seit 63 Jahren sein Therapiezentrum mit Garten, einer Möbel- und einer Fahrradwerkstatt. 1996 kam ein weiteres Gebäude, das St.-Benno-Haus, dazu. Für das weitläufige Gelände hat der Fürsorgeverein zuletzt seine Pläne vorgestellt: Unweit des Klosters soll ein neues Wohnviertel entstehen, 615 Mietwohnungen für mehr als 1400 Menschen sind geplant. "Insofern verbindet Mittenheim damals, heute und morgen", sagt Otto Bürger.

Manche vermuten sogar, dass Mittenheim eigentlich der Ursprung von Oberschleißheim und Unterschleißheim ist. Schleißheim wird den historischen Erkenntnissen zufolge erstmals im Jahr 785 schriftlich erwähnt, in einer Urkunde, die aufführt, dass der Eigentümer Rihpald von Sliuuesheim seinen Besitz dem Bistum Freising schenkte. Sliuuesheim wird als für Schleißheim stehend gedeutet. Da nahe Mittenheim mehrere Weiher gelegen waren, schließt mancher nun darauf, dass es wahrscheinlich sei, dass dort bereits um jenes Jahr 785 Fischer gelebt haben konnten, die damit die ersten Schleißheimer wären. Auch von einem geheimen Tunnel, der das Kloster mit der einstigen Ignatius-Klause an der heutigen Bergl-Wirtschaft verbinden soll, erzählt man sich in Schleißheim. Diese und weitere Geheimnisse will Ortschronist Bürger bei seiner Führung wenn nicht lüften, so doch zumindest erhellen.

Am Samstag, 8. Dezember, führt der Oberschleißheimer Ortschronist Otto Bürger Interessierte durch das ehemalige Franziskanerkloster Mittenheim. Organisiert wird die Veranstaltung vom Kulturverein "Freunde von Schleißheim". Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Franziskus-Kirche neben dem Kloster. Die Teilnahme kostet drei Euro pro Person, für Mitglieder des Kulturvereins ist sie kostenlos.