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Ausstellung in Grünwald:Wenn Elstern das Herz bricht

"Bestiarium reloaded" heißt der Titel der Ausstellung der beiden Münchner Künstlerinnen, die ihre Tierwelt aus dem Mittelalter im Bürgerhaus ausstellen. Hier sind Ausschnitte zu sehen. Collage: Astrid und Ingrid Lang

Die Schwestern Astrid und Ingrid Lang erzählen mit ihren Bildern Geschichten von Tieren aus dem Mittelalter. Aber manche tauchen auch in der Moderne auf.

Von der Elster, dem Vogel mit dem schwarz-weißen Gefieder, über den die Menschen heute sagen, dass er diebisch sei, erzählten sie sich vor hunderten von Jahren eine andere, eine traurigere Geschichte: Die Menschen im Mittelalter hielten die Elster für ein wissbegieriges Tier, das sie belauscht und dadurch ihre Sprache lernt. Elstern, so glaubten sie, lieben die Wörter der Menschen so sehr, dass sie diese nachsprechen. Ist eines zu schwer, bricht das den Vögeln das Herz. Ihr Kummer ist so groß, dass sie daran sterben.

Im Mittelalter schrieben Mönche und Geistliche solche fabelhaften Tiergeschichten in den Schreibstuben ihrer Klöster auf, malten Bilder dazu und banden Bücher daraus. Es entstanden so genannte Bestiarien. Die Münchner Künstlerinnen Astrid Lang und Ingrid Lang malten die Illustrationen aus diesen Bestiarien nach und erschufen so neue Legenden. Bis Mittwoch, 12. Februar, ist ihre Ausstellung "Bestiarium reloaded" im Grünwalder Bürgerhaus zu sehen.

Der Titel kommt daher, weil die beiden Schwestern nicht nur zeigen, wie ein mittelalterlicher Künstler Elstern hätte malen können - in goldenen Rahmen und auf schnörkeligen Baumkronen sitzend - sondern, weil sie auch neue Interpretationen schaffen: Die Picae Novi, wie ihre Elstern heißen, sitzen schweigend auf einer Antenne auf einem Hausdach, während der Mond auf sie hinab scheint. Es gibt nichts zu erzählen - denn die Elstern entdeckten das Fernsehen.

Astrid (links) und Ingrid Lang haben sich die Inspiration für ihre Tierwelt aus dem Mittelalter geholt.

(Foto: Claus Schunk)

Diese neuen Interpretationen muss sich der Betrachter nicht erst zurechtlegen. Die Künstlerinnen liefern sie gleich auf kleinen Zetteln unter den Bildern mit und man spürt: Astrid Lang und Ingrid Lang sehen sich auch als Geschichtenerzählerinnen, die sich selbst und die Welt mit einem Augenzwinkern betrachten. "Ich bin mir sicher, dass die Menschen im Mittelalter auch nicht bierernst waren", sagt Astrid Lang. "Dafür sind manche Darstellungen einfach zu merkwürdig." Bestiarien sind eigentlich naturkundliche Werke aus dem Mittelalter - wenn auch nach heutigen Maßstäben keine besonders wissenschaftlichen fundierten.

Die zwei Frauen haben sagenhafte und tatsächliche Tiergestalten nachempfunden. Dafür war umfangreiche Recherche nötig.

(Foto: Claus Schunk)

Darin sind zwar heimische Tiere wie Füchse, Hähne, Hasen abgebildet, doch sie zeigen auch Wesen, die nach Fantasy-Roman klingen, von denen die Menschen aber wohl tatsächlich glaubten, dass sie existierten: Der Greif, eine Mischung aus Löwe und Vogel, in dessen Nest ein großer Smaragd liegt. Oder der Basilisk, der König der Schlangen, dessen Blick töten kann. Auch bei Darstellungen von exotischen Tieren aus fernen Ländern musste die Fantasie helfen - schließlich hatte sie kaum jemand in echt gesehen.

Den Wal etwa stellten sie sich so groß wie eine Insel vor. Kraniche vertrieben angeblich Kummer. Und von Löwen glaubten die Menschen, dass sie einzig vor weißen Hähnen Angst hätten - so sehr, dass sie sich vor ihnen auf den Boden warfen. Weil dem Löwen dann nichts passierte, tat er umgekehrt auch niemandem etwas an, der sich bereits ergeben hatte. "Das sollte dem Betrachter zeigen, dass man einem Besiegten kein Leid mehr zufügt", sagt Astrid Lang.

Es ging in diesen Bestarien also auch um die Darstellung von Moral. Mönche nutzen sie später immer mehr, um Grundsätze des christlichen Glaubens vermitteln. Bei ihren Predigten zeigten sie die Illustrationen, damit sich Analphabeten das Gehörte einprägten. Die Bestiarien, die Astrid Lang und Ingrid Lang als Vorlage dienten, stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Die Geschichten gehen sogar noch weiter zurück - bis zu Plinius dem Älteren, einem römischen Gelehrten, der um 50 nach Christus naturkundliches Wissen in Enzyklopädien zusammentrug.

Für ihre Kunstwerke recherchierten die Künstlerinnen in Datenbanken im Internet. Aber sie unternahmen auch Reisen nach Frankreich und England, um sich in Schaukästen unter Glasplatten die Illustrationen anzusehen. "In Frankreich war es im Mittelalter Mode ein Bestiarium zu besitzen. Jeder, der es sich leisten konnte, wollte eines", sagt Astrid Lang. Und obwohl man bei Mittelalter vielleicht an Pest und dunkle Kerker denkt, waren die Darstellungen alles andere als düster. Auch Astrid und Ingrid Langs Bilder sind alle farbenfroh und alle sind kleinformatig.

Denn die Schwestern wollen die Kunst in die Wohnzimmer der Menschen bringen. Und dafür dürften die Werke eben nicht zu groß und nicht zu teuer sein, sagen sie. Tatsächlich sind die Bilder eher Kaminsims- als Pinakotheken-tauglich: hübsch anzusehen, manche zwar gesellschaftskritisch, aber auf eine leicht verdauliche Weise. Da ist der Lupus Trabantus, auch Spekulantenwolf genannt, der mit seinem fauligen Atem alte Häuser zum Einsturz bringt. Und die Porcus Furiosus, die rasende Wildsau, die sich umso rabiater zu Tresen und Kassen drängelt, je mehr Menschen sich dort befinden.

Ihre Faszination für das Mittelalter entdeckten die beiden durch die Musik. Beide musizierten schon als Kinder gemeinsam, später gründeten sie eine Folkband. Und weil auch viele Folksongs Jahrhunderte alt sind, lag das Mittelalter nicht mehr fern. Seit mehr als zehn Jahren treten die Schwestern mit einer Mittelalterband auf - Astrid Lang spielt Dudelsack, Ingrid Lang die Trommel. Außerdem veranstalten sie Feste, wo sie mittelalterliche Tänze lehren. Die Bindung zueinander sei stark, sagt Astrid Lang. Und das helfe ihnen, wenn sie gemeinsam Kunst schaffen. In der Ausstellung wirken die Bilder von beiden auf den ersten Blick ähnlich. Ingrid Lang suchte sich jedoch die düstereren Themen heraus - sie malte Werwölfe und Irrlichter. Doch sie zeigt auch, dass sie etwas von den schönen Seiten des Lebens versteht. Ingrid Lang erschuf das "Gönn Dir", das gerne seinen Lieblingsgöttern Bacchus, Mammon und "Amerzon Prime" huldigt.

Die Ausstellung "Bestiarium reloaded" im Grünwalder Bürgerhaus ist noch bis Mittwoch, 12. Februar, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr. Der Eintritt ist frei.

© SZ vom 18.01.2020/wkr
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