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Bestatter als Berufung:Der allerletzte Dienst

Neubiberg, Friedhof, Jürgen Schußmann, Bestatter von Trauerhilfe Denk, Allerheiligen

"Meist weiß man von uns kaum etwas, wenn man nicht gerade einen Trauerfall hat. Vielleicht redet die Gesellschaft zu wenig über den Tod", sagt Jürgen Schußmann.

(Foto: Angelika Bardehle)

Jürgen Schußmann ist ein Spätberufener, der sich bewusst für die Arbeit als Bestatter entschieden hat. Er versteht sich als Berater, dem die Wünsche des Toten eben so wichtig sind wie die der Hinterbliebenen.

Mozart, Bach oder Blaskapelle? Vielleicht hatte der Verstorbene ja ein Lieblingsstück, mit dem sich die Hinterbliebenen von ihm würdevoll verabschieden möchten. Die Musik ist zwar nur ein kleines Detail einer Beerdigung, gleichwohl findet Jürgen Schußmann, Bestatter bei der Münchner Trauerhilfe Denk, die 15 Filialen im gesamten Landkreis betreibt, ist auch dieses wichtig.

Selbst wenn moderne Töne statt Trauermarsch Außenstehende eventuell irritieren könnten. Er weiß: Bei einer Trauerfeier gilt es in jeder Hinsicht den passenden Ton und die richtige, individuelle Wahl zu treffen. Ob das nun die Blumen sind, die Gestaltung des Sargs, die treffenden Worte und eben auch die Musik. Es gehe darum, eine Verbindung zwischen dem Verstorbenen und den Angehörigen herzustellen, das sei ein wichtiger Aspekt für die Feierlichkeit. Schußmann sagt: "Am Friedhof muss alles passen. Bei Beerdigungen kann man nicht nachbessern."

Der Beruf des Bestatters ist wesentlich vielfältiger, als viele sich das vorstellen, und für Schußmann ist er "ein großartiger Beruf". Das mag befremdlich klingen, weil er schließlich mit Tod und Trauer, mit Schicksalen und Verlust zu tun hat. Dinge, die die meisten lieber verdrängen. "Der Umgang mit dem Tod ist für viele ein Problem", weiß Schußmann. Er ist es gewohnt, dass die Menschen außerhalb seines beruflichen Umfelds erst einmal irritiert reagieren, wenn sie erfahren, womit er sein Geld verdient. Wer hat schon mit Bestattungsfachkräften zu tun, wenn es nicht sein muss. "Meist weiß man von uns kaum etwas, wenn man nicht gerade einen Trauerfall hat", sagt er, "vielleicht redet die Gesellschaft zu wenig über den Tod."

Fingerspitzengefühl ist gefragt

So denken wohl viele beim Job des Bestatters an Totengräber, an den Aushub von Gräbern und Fahrten mit dem Leichenwagen "Doch unser Beruf ist sehr anspruchsvoll, er hat viel mit Beratung und Organisation zu tun", sagt Schußmann, "und das in einem Bereich, in dem man sehr viel Fingerspitzengefühl braucht."

Oberhaching, Friedhof, Grabpflege, Allerheiligen,

Jedes Grab ist anders, jede Trauer individuell. Ein Bestatter braucht viel Fingerspitzengefühl in seiner Arbeit

(Foto: Angelika Bardehle)

Der 55-Jährige ist ein "Quereinsteiger", wie er sagt. Mit einer kaufmännischen Ausbildung hat er lange in der Verwaltung gearbeitet, seit 23 Jahren bei der Trauerhilfe Denk. Die Schreibtischarbeit hat ihm aber irgendwann nicht mehr ausgereicht. "Ich habe überlegt, was kann ich Gutes für die Menschen tun", sagt er. Nach und nach habe er Beratungsgespräche mit den Angehörigen übernommen und gemerkt, "welch großartigen Dienst an der Gesellschaft" die Aufgabe eines Bestatters darstelle. Um aber als "geprüfter Bestatter" zu arbeiten, hat er im Alter von 50 eine zehnmonatige Fortbildung absolviert. So wie beim dreijährigen Ausbildungsberuf "Bestattungsfachkraft" stehen Themen wie Waren- und Materialkunde, Aufbahrung und Dekoration, hygienische Totenversorgung und Trauerpsychologie auf dem Stundenplan. Für diese Schulungen gibt es in Münnerstadt bei Bad Kissingen den deutschlandweit einzigen Lehrfriedhof.

Ganz jung seien die wenigsten, die sich dort ausbilden ließen, sagt Schußmann, eher Mitte zwanzig bis Ende vierzig, schätzt er. "Es kommt natürlich auf die Person an, aber man muss schon gereift sein", findet er. Natürlich spiele auch das kaufmännische Know-How und das handwerkliche Wissen eine Rolle. Das Bestattungswesen ist schließlich ein Geschäft. Wichtig aber sei vor allem das Einfühlungsvermögen. "Man muss in die Menschen hineinhören können, sensibel sein", sagt er. Das sei sicher mit ein Grund, warum der Frauenanteil in dieser Branche doch recht hoch sei, meint er.

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"Meist weiß man von uns kaum etwas, wenn man nicht gerade einen Trauerfall hat. Vielleicht redet die Gesellschaft zu wenig über den Tod", sagt Jürgen Schußmann.

(Foto: Angelika Bardehle)

Zur Trauerbegleitung gehört auch die Pflege des Verstorbenen. "Für die Trauernden ist es wichtig, ihn noch einmal sehen zu können. Und dieses letzte Bild ist entscheidend", so Schußmann. Man versuche als Bestatter die Wünsche - soweit rechtlich möglich - zu erfüllen. Wenn jemand länger Zeit zum Abschiednehmen brauche, könne man da großzügiger sein. Auch bei den Grabbeigaben versuche er auf die Vorstellungen der Angehörigen einzugehen. "Oft werden Bilder von Kindern oder Enkeln mitgegeben", berichtet er, "und das sollte auch möglich sein. Zugenommen hätten in den vergangenen Jahren die Naturbestattungen. Immer mehr Menschen wünschten eine Grabstätte unter Bäumen, am liebsten dort, wo auch Vögel zwitscherten.

Gutes Allgemeinwissen gefragt

Insgesamt seien die Beratungen in den vergangenen Jahren zunehmend aufwendiger geworden, "die Menschen sind schwieriger als früher", hat Schußmann festgestellt. Es säßen nicht nur mehr Angehörige mit am Tisch, sondern sie erwarteten auch tiefgründigere Erklärungen. "Ein Bestatter muss ein sehr gutes Allgemeinwissen haben und den Menschen Möglichkeiten aufzeigen." Aber er findet, dieser Dienst am Menschen lohnt sich, "es kommt Dankbarkeit zurück, und das ist das Schönste."

Wenn man wie Schußmann täglich mit dem Tod zu tun hat, weiß man aber auch, dass man die vielen Schicksale nicht zu nah an sich heranlassen darf. "Man muss durchlässig sein und trösten, wenn man mit den Menschen spricht, aber man muss sich auch einen kleinen Schutzwall aufbauen, das ist wichtig", sagt er. Man müsse immer selbst die Gesprächsführung inne haben und stets einen klaren Kopf bewahren.

Natürlich sei das in manchen Fällen nicht immer einfach, räumt er ein, dazu sei sein Beruf zu nahe am Menschen. "Manche Schicksale lassen einen nicht los, die gehen einem dann nachts noch durch den Kopf."