Süddeutsche Zeitung

Berufsmesse:Keine Angst vor dem Wiedereinstig

In Zeiten des Fachkräftemangels stellen sich Arbeitgeber auf Frauen mit Kindern ein. Das Jobcenter hilft bei Bewerbungen

Die Frau ist Mitte 30, hat zwei kleine Kinder, zwei und vier Jahre alt, von ihrem Mann hat sie sich getrennt, sie will zurück in ihren Job. "Sie ist gut qualifiziert, hatte vor der Elternzeit in der Logistikbranche gearbeitet, aber auf ihre Bewerbungen bekam sie nur Absagen", erinnert sich Marion Gebhardt, die im Jobcenter des Landratsamts München für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt zuständig ist. Solche Fälle landen häufig bei ihr.

Bei der jungen Mutter war es nur eine Kleinigkeit, die letztlich doch zum Erfolg führte. In ihrem Lebenslauf hatte sie stehen: Alleinerziehend, zwei Kinder - für viele Arbeitgeber noch immer ein K.o.-Kriterium. "Sie hat das dann mit "gut betreut" ergänzt, und schon klappte es mit den Bewerbungsgesprächen", sagt Gebhardt. Letztlich konnte die Kauffrau sich von drei Angeboten eines auswählen. "Sie bekam die Chance, dem zukünftigen Arbeitgeber zu erläutern, dass sie Kitaplätze, eine Oma und eine gute Freundin für die Betreuung ihrer Kinder hat."

Oft aber ist der Wiedereinstieg für Frauen nach der Kinderpause oder nach einer längeren Arbeitslosigkeit aus anderen Gründen nicht so einfach zu bewerkstelligen. Tatsächlich ist die Kinderbetreuung häufig der Knackpunkt bei einer erfolgreichen Bewerbung. "Obwohl wir eigentlich Vollbeschäftigung haben, ist es schwierig für Personen, die lange aus dem Beruf raus waren, wieder Fuß zu fassen", sagt Bernhard Sexl, Leiter des Jobcenters. Für genau diese Frauen, die wieder im Beruf durchstarten oder wieder einsteigen würden, aber nicht genau wissen, wie sie das am besten angehen, hat das Jobcenter gemeinsam mit der Arbeitsagentur München am Donnerstagvormittag im Landratsamt eine "Karrieremesse" veranstaltet.

"Wir wollen Impulse und Anstöße geben", sagt Sexl, der erfreut darüber war, dass das Angebot an Vorträgen und Infoständen gut angenommen wurde. Die Kinderbetreuung war ebenso ein Thema wie die Online-Bewerbung und der Umgang mit Lampenfieber bei Vorstellungsgesprächen. Das Problem sei oft, dass die Frauen zu lange draußen waren und den Anschluss verpasst haben. "Die Welt dreht sich weiter und die Digitalisierung geht unglaublich schnell", sagt Sexl. In der Beratung dieser Frauen geht es daher meist um ein Coaching, um eine Fortbildung im IT-Bereich. "Wir unterstützen häufig mit Computerkursen", sagt Nicola Sunder-Plassmann, die bei der Agentur für Arbeit in München in der Vermittlung tätig ist. Nicht nur Mütter nach der Kinderpause sondern auch ältere Arbeitssuchende zählen zu ihren Kundinnen. Sunder-Plassmann berichtet von einer Frau, Ende 50, die nach 25 Jahren im selben Betrieb der Versicherungsbranche plötzlich arbeitslos war: "Sie hatte keine Ahnung von Computern und bekam zunächst eine einwöchige Schulung." Die Frau habe schließlich einen solchen Spaß am Umgang mit dem Rechner entwickelt, dass sie anschließend einen Kurs belegte und eine Anstellung in der Branche suchte.

Aufgrund des Fachkräftemangels seien die Firmen mittlerweile offener, auch Frauen mit Kindern einzustellen, bestätigen Gebhardt und ihre Kollegin aus der Münchner Arbeitsagentur, Marion Feigt. Zwar würden viele Stellen noch immer in Vollzeit angeboten, aber Sunder-Plassmann berichtet, dass es bei Aldi inzwischen Mütterschichten gebe und Lidl eine Ausbildung in Teilzeit ermögliche. "Der Einzelhandel sucht händeringend nach Kräften, doch meist ist die Tätigkeit mit Einsätzen am Abend oder am Samstag nicht mit den Kinderbetreuungszeiten vereinbar", sagt sie. Bei der "Karrieremesse" im Landratsamt bot Sunder-Plassmann eine Überprüfung der Bewerbungsmappe an. Ihre Schlagworte sind Struktur und Übersichtlichkeit. "Chronologie ist wichtig", sagt sie, man müsse sich darüber bewusst sein, dass der Personaler den Lebenslauf in der Regel 43 Sekunden lang anschaue.

Um auch die Frauen zu erreichen, die Arbeit suchen, aber sich noch nicht an den Jobcenter gewandt haben, die "stille Reserve", wie Gebhardt sagt, bietet das Landratsamt inzwischen auch Beratung in den Gemeinden an. Den ersten Infotag hat Gebhardt in Garching bereits veranstaltet, im kommenden Jahr sollen andernorts in Zusammenarbeit mit den Rathäuser weitere folgen.

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Quelle:
SZ vom 08.11.2019
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