Als Naturjuwel vor den Toren Münchens zu gelten, mag ja ganz hübsch klingen, aber die Konsequenz daraus birgt auch eine besondere Gefährdung. Wird das Isartal vielleicht sogar zu Tode geliebt? Nun, ganz so dramatisch ist es wohl nicht, aber die reizvolle Flusslandschaft bedarf als Naherholungsgebiet der Millionenstadt eines speziellen Schutzes. Schließlich leben hier seltene Vögel, Pflanzen und Fische wie der Eisvogel, die Tamariske und der Huchen.
Der 1902 gegründete Isartalverein, die älteste Naturschutzorganisation Bayerns, sieht den Erhalt dieses sensiblen Flora- und Fauna-Raums, als seine primäre Aufgabe an. Dabei geht es um den Spagat zwischen Erholung und Naturschutz, das „gedeihliche Miteinander von Mensch und Natur“ aber auch „von Fußgängern und Radfahrern“, wie es Vorsitzender Martin Kiechl ausdrückt.
Ein Dauerthema ist dabei seit Jahren der Versuch, Mountainbiker auf festgelegte, verträgliche Routen zu lenken. Und hier konnte Kiechl auf der jüngsten Jahreshauptversammlung im Münchner Künstlerhaus einen gewissen Fortschritt verkünden. Unter der Trägerschaft des Deutschen Alpenvereins (DAV), Sektion München, sollen 27 Kilometer Rad-Strecken rechts und links der Isar zwischen Großhesselohe und der Dürnsteiner Brücke in Schäftlarn realisiert werden – und gleichzeitig die, immer wieder großen Ärger verursachenden und für die Natur schädlichen „wilden Trails“ zurückgebaut werden.
Der DAV versucht seit rund zehn Monaten auf Grundlage der Grobplanung mit den betroffenen Grundstückseigentümern vertraglich zu regeln, dass Radfahrer dort fahren dürfen. „Von uns sind einige Grundstücke in diesem Konzept enthalten, die mit unterschiedlichen Weglängen betroffen sind“, erklärt Kiechl. „Ich habe mehrfach unsere zustimmende, aber kritische Haltung zu dieser Thematik erläutert.“ Den Gestattungsvertrag mit dem DAV hat er vor Kurzem unterschrieben.

Generell sei man beim DAV guter Dinge, so Kiechl, obgleich es mit manchen privaten Eigentümern möglicherweise zu keiner Einigung komme. „Dann muss man bei der Feinplanung der Strecke drum herumplanen“, sagt Kiechl, der in Baierbrunn wohnt und selbst auch gern mal aufs Mountainbike steigt. Ende November und im Dezember sind weitere Sitzungen mit dem DAV anberaumt. Derzeit werden die Trails von der Fachfirma „Bikeplan“ final geplant, 2026 sollen sie realisiert werden.
„Es müssen dann auch die vielen wilden Trails zurückgebaut oder geschlossen werden, denn nur so sind die Fördermittel, die vom Umweltministerium kommen, zu rechtfertigen“, erklärt Kiechl. Bei einer Besichtigung eines im vergangenen Jahr angelegten Trailparks im Würmtal konnten er und andere Vereinsmitglieder sich im August davon überzeugen, dass dort „tatsächlich gesperrte, ehemals wilde Trails nicht mehr benutzt oder befahren werden.“ Eine Entwicklung, die Hoffnung macht.
Ein anderes Dauerproblem der jüngeren Zeit scheint inzwischen gelöst: Das Betretungsverbot des Klettergartens am Isarhangwald unterhalb des Baierbrunner Ortsteils Buchenhain, der nach einem Felssturz Ende Mai 2023 komplett gesperrt ist, wird nun offenbar beachtet. Das Ärgernis, dass die von der Gemeinde aufgestellten Hinweisschilder und Absperrungen immer wieder ignoriert, beschädigt und entfernt wurden, dürfte passé sein, seit dort vor zwei Monaten neu installierte, koppelartige Holzabsperrungen den Zugang zu dem wertvollen, aber fragilen Geotop markieren.

Der Klettergarten, der als Trainingsort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alpinhistorische Bedeutung hatte und jahrzehntelang für viele Kletterer und Boulderer aus dem Münchner Raum Anziehungspunkt war, liegt auf einem Grundstück, das dem Isartalverein gehört. „Wichtig ist, dass die Warnung und die Gefährdung sichtbar ist. Es geht um die rechtliche Situation“, sagt Kiechl.
Der Verein selbst hat auch alte Schilder mit Hinweisen auf den Klettergarten ausgetauscht. Kiechl äußert freilich auch Verständnis, dass viele Kletterer und Spaziergänger nostalgische Verlustempfindungen wegen der endgültigen Sperrung haben – und mutmaßlich wird es auch immer wieder welche geben, die dort weiter kraxeln, auf eigene Gefahr.
Ja, Gefahren lauern überall in der Natur. Es kann sogar gefährlich sein, auf einer Bank im Wald zu sitzen. Wer das lächerlich findet, der sollte an Ödön von Horváth denken, der von einem herabstürzenden Ast in einem Pariser Park tödlich getroffen wurde. Für den Isartalverein, zu dessen Hauptzielen es gehört, naturschutzfachlich wertvolle Grundstücke entlang der Isar zu erwerben – heuer waren es wieder vier, darunter eines in der Pupplinger Au – und der dort auch gern Bänke aufstellt, ist das ein durchaus brisantes Thema.
Wenn ein Ast beim Wandern auf einen Menschen fällt, gilt das als waldtypische Gefahr. Wenn einen aber derselbe Ast trifft, während man auf einer Bank sitzt oder in deren Umgebung weilt, kann gemäß Bundeswaldgesetz der Waldeigentümer dafür haftbar gemacht werden. Infolgedessen werden in Deutschland mancherorts Bänke und Hütten vorsorglich abgebaut. Der Isartalverein, der rund 160 Sitzbänke instand hält, beauftragt immer wieder Baumschneider, um Äste im Umkreis der Sitzgelegenheiten zu entfernen.
Der Verein unterstützt die Online-Petition „Rettet die Waldbänke“
Noch bis Mitte November gibt es eine Online-Unterschriftensammlung, die unter dem Motto „Rettet die Waldbänke“ organisiert wird. „Wir sind leider erst kürzlich durch einen Fernsehbericht darauf aufmerksam gemacht worden“, sagt Kiechl, „das Ziel ist, das Bundeswaldgesetz dahin gehend zu ändern, dass Bänke, Schutzhütten, Infotafeln und Hinweisschilder als waldtypische Gefahr eingestuft werden.“ Das würde bedeuten, dass die „Verkehrssicherungspflicht“ für den Verein entfiele und er wegen eines Astes nicht mehr verklagt werden könnte. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Ablauf, aber Kiechl hofft, dass die Organisatoren der Petition auf einen grünen Zweig kommen.

