Die Regeln für Maibaumdiebe sind klar: Haben sie es mit ihrem Diebesgut bis hinter die Ortsgrenze geschafft, gehört er ihnen und muss von den Bestohlenen mit Bier und Brotzeit ausgelöst werden. Schließlich wird er am 1. Mai aufgestellt, und alles ist gut. Dachte man bislang. Nun aber soll der Baierbrunner Bürgermeister Patrick Ott (ÜWG) Jahre danach bei der Maibaumversteigerung am vergangenen Samstag einen derart schweren Fauxpas begangen haben, dass Hans-Peter Hecker, einst Gemeinderat der inzwischen aufgelösten BIG, in einem geharnischten Schreiben an die Mitglieder des Gemeinderats diese zum Handeln aufruft.
Was hat der Rathauschef falsch gemacht, dass Hecker ihm unterstellt, die "Traditionen unserer Gemeinde" mit Füßen getreten zu haben? Der in Schäftlarn wohnende Patrick Ott hat sich an der Versteigerung erfolgreich beteiligt und ein Stück des alten Maibaums von der Baierbrunner Maimusi gegen Bezahlung zu sich nach Hause liefern lassen. Der Schäftlarner Ott habe damit als Bürgermeister von Baierbrunn eine dubiose Grenzüberschreitung begangen und es entstehe ein "Gschmäckle", ereifert sich Hecker und stellt in seinem Brandbrief zwei mögliche Regelverstöße zur Wahl, die er beide als unzumutbar bezeichnet: "Fall 1: Hat er das gute Stück als Privatmann ersteigert, kann niemand juristisch gegen einen Transport nach Schäftlarn vorgehen. Moralisch jedoch sehr verwerflich. Einen Transport von der Maimusi zu verlangen, ist unmöglich vor dem Hintergrund der Vergangenheit. Die Maimusi verliert ihr Gesicht den Schäftlarnern gegenüber."
Der Maimusi drohe der Gesichtsverlust, sagt der Gemeinderat Hans-Peter Hecker
Zur Vergangenheit, muss man wissen, gehört der Coup der Baierbrunner Maimusi, einst den Schäftlarner Maibaum gestohlen zu haben. Warum es deshalb verwerflich sein soll, ein Stück des Baierbrunner Maibaums in einem Schäftlarner Garten aufzustellen, lässt Hecker offen, legt aber einen "Fall 2" nach: "Hat er das gute Stück als Bürgermeister ersteigert mit Steuergeldern von Baierbrunn, dann muss das vor dem Rathaus stehen." Bei einem Transport nach Schäftlarn verlöre gar die gesamte Gemeinde ihr Gesicht gegenüber der Gemeinde Schäftlarn. Hier habe der Gemeinderat die Möglichkeit einzuschreiten, rät der Ex-Gemeinderat.

Was Hans-Peter Hecker offenbar nicht wusste: Es gibt auch einen Fall 3, von dem der gescholtene Bürgermeister berichtet: "Ich habe zwei Bäume ersteigert, einen für mich, einen für die Gemeinde", sagt Patrick Ott. Er habe vor der Versteigerung auch gefragt, ob sein privates Maibaumstück nach Schäftlarn geliefert werden könnte, was bejaht worden sei. Im Hintergrund habe er aber Hecker meckern gehört, und so habe er sich an den ehemaligen Gemeinderat Franz Ketterl (CSU) gewandt, der sich als Mitglied des Trachtenvereins mit Traditionen auskenne. Nein, er habe nichts falsch gemacht, habe ihm Ketterl mitgeteilt, wohin die ersteigerten Maibaumstücke gebracht würden, sei wurscht.
Ketterl bringt auch eigene Erfahrungen mit grenzüberschreitenden Transporten von Maibaumteilen mit. Vor sieben Jahren hatte er eines in Hohenschäftlarn ersteigert, aus nostalgischen Gründen. Vor 40 Jahren sei er mit von der Partie gewesen, als die Baierbrunner den Hohenschäftlarnern den Maibaum geklaut haben. Jetzt wolle er erneut ein Stückchen von den Nachbarn mitnehmen, nur dieses Mal nicht als Diebesgut, sondern ganz offiziell und bezahlt, sagte er damals.
Das gut einen Meter lange Maibaumstück, das Ott für die Gemeinde ersteigert hat, steht inzwischen im Rathausfoyer und dient als Säule für den Wanderpokal, den Baierbrunn zuletzt für die höchste Wahlbeteiligung bekommen hat.

