Das rostrote Skulpturenduo blickt von der Grünanlage des Wort & Bild Verlags über die Straße bis zum Baierbrunner Rathaus, wo an diesem Tag eine besondere Ausstellung eröffnet wird. Lothar Fischers Plastik „Großes gesockeltes Paar“ – zwei rund 2,80 Meter hohe, aus Eisen gegossene Figuren, die trotz ihrer archaischen Formensprache eine eigenwillige Zartheit ausstrahlen – gehört zu den Werken, die den öffentlichen Raum in der Ortsmitte visuell veredeln.
In der Nachbarschaft von Skulpturen anderer bedeutender Bildhauer wie Eduardo Chillida, Bernar Venet oder Magdalena Abakanowicz, die das Verlagsareal flankieren, ist sie freilich insofern noch herausragend, als ihr Schöpfer auch lange in Baierbrunn lebte. Der 2004 verstorbene Lothar Fischer gilt als einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer nach dem Zweiten Weltkrieg und war, unter anderem mit dem lange im benachbarten Pullach lebenden Helmut Sturm, Mitbegründer der avantgardistischen Künstlergruppe „SPUR“.
Mit dem Renommee und der Wirkung Fischers und Sturms können sich die 24 Künstlerinnen und Künstler, die jetzt ihre Arbeiten im Rathaus in der Ausstellung zum Jubiläum „1250 Jahre Baierbrunn“ zeigen, zwar nicht vergleichen. Aber in gewisser Weise knüpfen sie an die lange Tradition von im Isartal wirkenden und wohnenden Künstlern an – wie etwa den Malern Bernhard Pankok, Ferdinand Coppenrath oder Hans Jürgen Kallmann sowie dem zum Jahreswechsel verstorbenen Bildhauer Hubertus von Pilgrim oder auch der Schriftstellerin Gertrud von le Fort. Hinzu kommt noch der Wort & Bild-Verlagsgründer und Kunstsammler Rolf Becker (1920 bis 2014).
Die Jugendstilvilla, in der Lothar Fischer lebte, wird heute noch von seiner Witwe Christel bewohnt, früher diente das Haus einmal als Erholungsheim für Künstlerinnen. „Das ist hier eine kunstfruchtbare Gegend“, drückt es der frühere Bürgermeister Wolfgang Jirschik aus, der mit der Ausstellungsleiterin Monika Limmer die Werkschau organisiert. Oder wie es im dazu publizierten Katalog heißt: „Baierbrunn verfügt über eine lange Tradition als Wohn- und Wirkungsort für Kunstschaffende.“

Freilich geht es, wie der aktuelle Bürgermeister Patrick Ott (ÜWG) in seiner Rede zur Vernissage betonte, nicht nur darum, im Jubiläumsjahr stolz auf die Vergangenheit zurückzublicken, sondern zu zeigen, „was heute in Baierbrunn lebt, wächst und entsteht.“ Man darf sagen: Künstlerisch ist das eine ganze Menge und vor allem vielfältig. Allein die Tatsache, dass das gar nicht mal so kleine Rathaus mit Bildern, Fotoarbeiten, Collagen und Skulpturen dicht behängt und dekoriert ist und zudem mit einem Raum aufwartet, in dem Stimmen aus dem Off die Frage „Was ist für mich Kunst?“ divers beantworten, ist bemerkenswert.
Natürlich sind nicht alle Exponate von gleich hoher Qualität, und manche Sujets nicht übermäßig originell. Aber Monika Limmer, die unter anderem selbst eine entzückende, detailverliebte Collage „Baierbrunner Gschichten“ zeigt, darf dennoch mit Recht behaupten: „Alle Werke sind besonders. Und manche sind noch besonderer.“ Ein Blickfang sind etwa die Fotoarbeiten von Andreas Osterholt, die Motive aus Baierbrunn einfangen: mal sehr atmosphärisch, mal magischer Realismus, der wie gemalt wirkt.

Die Kohlezeichnung „Glück“ von Helmut Berger wartet mit einem hingetupften Schweinchen auf, das durch Wiesen –oder Wolken – hüpft. Vor allem im skulpturalen Bereich sind spannende Exponate zu sehen, etwa von Barbara Stahuber und Annette Rinner, aber auch Katrin Klaibers Pappmaschee-Figur „Lebensfreude“ ist ein echter Hingucker. Kunsthandwerkliches, oft mit humorvollem Touch, wird ebenfalls präsentiert, überdies Gemälde mit Baierbrunner Motiven oder Mixed-Media-Kompositionen.
Dass bei der Vernissage nicht nur Getränke und Häppchen gereicht werden, sondern auch Klavier- und Harfenklänge die Räume erfüllen, zeugt zudem vom kreativen Potenzial in der 3500-Einwohner-Gemeinde, die 776 erstmals urkundlich erwähnt wurde. An diesem Samstag, 13. Juni, wird es freilich noch kreativer, wenn bei der „Nacht der Kunst“ (Beginn 18 Uhr) im Rathaus unter anderem Impro-Theater gezeigt, konzertiert, gelesen und gefeiert wird.

