Die launigste Rede beim Festakt hielt vermutlich Landrat Christoph Göbel (CSU), aber den größten Einzel-Lacher erzielte seine Parteikollegin Ilse Aigner. Als die Präsidentin des Bayerischen Landtags in ihrem Grußwort als Schirmherrin zum Jubiläumsjahr des nun 1250 Jahre alten Baierbrunns fast erstaunt erwähnte, die kleine Gemeinde südlich von München habe gleich zwei S-Bahn-Stationen, quittierte das Publikum dies mit zwiespältiger Heiterkeit. Denn so vorteilhaft die gute Verkehrsanbindung im Netz des MVV theoretisch ist, so sehr ist die praktische Performance der S7 auch immer wieder Quell des Ärgers.
Zwei S-Bahn-Stationen für eine Kommune mit rund 3500 Einwohnern ist aber in der Tat nicht schlecht – wobei der etwas größere, nördliche Nachbar Pullach sogar drei S-Bahnhöfe aufweist. Freilich kann der Ort, der 776 erstmals in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Schäftlarn als „Paierbrunnen“ erwähnt wurde und damit zu den ältesten Siedlungen im Landkreis München zählt, noch mit ganz anderen Zahlen und Statistiken aufwarten: Hier ist der Sitz des Wort & Bild Verlag, dessen Apotheken Umschau das wohl auflagenstärkste Magazin Deutschlands, wenn nicht gar Europas ist.
Einen Namen gemacht hat sich die Isartalgemeinde auch durch ihre herausragend hohe Wahlbeteiligung: 2021 bei der Bundestagswahl war man mit 90,8 Prozent die Nummer eins im Land, wofür es den Preis der Initiative „Demokratieverliebt“ gab. Für seinen hohen Standard bei der Torbeteiligung, meist als Vollstrecker, ist hingegen ein anderer Bürger („Citizen Kane“) bekannt: Harry Kane, zweimal in Folge bester Torschütze der Bundesliga. Was noch? Mit seinem Gewerbesteuer-Hebesatz von gerade mal 230 Punkten unterbietet Baierbrunn seit 2025 alle oberbayerischen Gemeinden.
Dass nicht die Größe entscheidend ist respektive die Einwohnerzahl, sondern der Geist eines Ortes, auch seine Lage, Geschichte und Vernetzung, zeigte sich zum Auftakt des Jubiläumsjahres. „Ich bin überwältigt“, erklärte Bürgermeister Patrick Ott (ÜWG) angesichts der prominenten Gäste, der Qualität der Reden sowie der musikalischen Flankierung durch Stipendiaten der Akademie des BR-Symphonieorchesters. Neben Aigner und Göbel, der die These vertrat, dass Horst Seehofer gemäß zwar das Land Bayern, aber seiner Meinung nach eigentlich ganz besonders der Landkreis München „die Vorstufe zum Paradies“ sei und Baierbrunn hierbei eine wichtige Bedeutung spiele, waren weitere Würdenträger präsent: die frühere Staatsministerin Kerstin Schreyer (CSU), zahlreiche Bürgermeisterinnen und Rathauschefs der Nachbargemeinden, von Pullach bis Icking, der Abt des Klosters Schäftlarn und als Hausherr Wort-&Bild-Verlag-Geschäftsführer Andreas Arntzen.

Schauplatz der vom BR-Journalisten Tilmann Schöberl moderierten Veranstaltung war der stilvolle Irenen-Saal in einem Verlagsgebäude, entstanden nach Ideen des 2014 verstorbenen Verlagsgründers und Kunstmäzens Rolf Becker, dem Baierbrunn zudem etliche bedeutende Skulpturen im Ortsbild verdankt.
Ja, die Kunst und Baierbrunn – das ist auch eines von vielen (Unter-)Kapiteln der Festschrift, die der dreiköpfige Festausschuss – Wolfgang Jirschik, Christine Kammermeier und Heinrich Müller – herausgegeben hat. Jirschik, der wie Kammermeier zu den Vorgängern von Bürgermeister Ott zählt, ist als Gemeindearchivar besonders vertraut mit der lokalen Geschichte: „Mit der Eröffnung der Isartalbahn im Jahr 1891 wurde Baierbrunn ein beliebter Ausflugsort für Ausflügler aus München. Künstler und Poeten entdeckten das Dorf mit seiner reizvollen Umgebung und der noch ursprünglichen Natur.“
Die Herkunft des Ortsnamens gibt Rätsel auf
Das galt für das gesamte Isartal, das von der Erschließung durch die Bahn profitierte und attraktiver wurde. Dass Baierbrunn indes auch mal Wintersportort war – mit Sprungschanzen und gut besuchten Wettbewerben – ist eine der hübschen historischen Erkenntnisse, die in der Schrift zu finden sind. Man erfährt von Jirschik auch, dass zu Zeiten des philhellenischen Königs Ludwig I. die Baierbrunner dessen Dekret widerstanden, aus dem i ein griechisches y zu machen. Ob die Herkunft des Namens auf einen Herrn namens „Peigiri“ alias Baier zurückgeht, auf „Beuren“, auf „Bai“ in der Bedeutung von „Schlucht“ oder „Peigiri“ so viel wie Wildschweinjäger meinen könnte, basierend auf Baier = Eber, bleibt Jirschik zufolge offen.

Als ein Ort, der im Zuge der Gebietsreform von 1972 dem Landkreis München (vorher Wolfratshausen) zugeschlagen wurde, ein dörflich geprägter Raum in Stadtnähe und doch fast Oberland, zwischen Forstenrieder Park und Isartal, idyllisch, aber auch durch die B11 verkehrsgeplagt, ist Baierbrunn eine charakteristische Gemeinde für das Münchner Umland und doch besonders. „Was sich nie geändert hat, ist der starke Zusammenhalt im Ort“, erklärt Bürgermeister Ott.

