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Ayings Bürgermeister blickt zurück:"Dieses Amt verändert einen"

Als Johann Eichler vor 24 Jahren Bürgermeister wurde, versuchten einige, den Neuling über den Tisch zu ziehen. Mit der Erfahrung wuchs auch sein Misstrauen - und doch hat er seine Entscheidung nie bereut.

Am Donnerstag, 30. April 2020, wird Johann Eichler zum letzten Mal als Bürgermeister der Gemeinde Aying aufwachen, um am Abend desselben Tages als einfacher Bürger zu Bett gehen. Wenn er dann die Augen schließt und seine Zeit als Rathauschef Revue passieren lässt, dann wird er wohl so schnell keinen Schlaf finden. Seit seinem Amtsantritt am 1. Mai 1996 werden es 24 Jahre, oder 288 Monate, oder 8735 Tage gewesen sein, dass Johann Eichler die Freuden des Amtes erfahren, die Probleme angenommen die Unbilden ertragen hat.

Nun also wird die Ära Eichler, mit fast einem Vierteljahrhundert die längste eines amtierenden Bürgermeisters im Landkreis München, zu Ende gehen. Geht das so einfach, auch im Kopf und im Herzen plötzlich kein Bürgermeister zu sein? "Ich muss wahrscheinlich wieder das Gehen lernen", sagt Johann Eichler, der gerne auch mal in Bildern spricht. Immerhin werde er nun nicht mehr von Termin zu Termin geschoben, sondern müsse die Schritte selbst setzen. Natürlich freut sich der Familienvater auf seinen neuen Lebensabschnitt zusammen mit seiner Frau Rita, so wie er sich auch damals gefreut hatte, als er als Kandidat der Parteiunabhängigen Wählergemeinschaft Helfendorf in der Stichwahl gegen Amtsinhaber Bernhard Katzmair (CSU) gewann - mit gerade einmal 39 Jahren, wie er selbst betont, weil seinerzeit sein junges Alter durchaus Thema im Ort gewesen sei und die Frage aufkam: "Kann so ein junger Spund Bürgermeister sein?"

Amtskette des Bürgermeisters von Aying, 2014

Johann Eichler war schon 18 Jahre Bürgermeister, als er 2014 die neue Amtskette bekam.

(Foto: Claus Schunk)

Er konnte es. Josef Bachmair von der Freien Wählergemeinschaft Aying sitzt wie Eichler seit 30 Jahren im Gemeinderat und begleitet dessen Werdegang als Rathauschef von Beginn an als zweiter Bürgermeister. Gefragt nach den hervorstechenden Eigenschaften Eichlers, sagt Bachmair, ohne lange zu überlegen: "Er ist eine ausgeglichene Persönlichkeit und hatte noch nie den Willen zu polarisieren."

Traditionelle Rivalität bricht im Wahljahr auf

Die Kunst des Vermittelns, die Fähigkeit, Sachthemen von Emotionen zu befreien und dabei von den Bürgerinnen und Bürgern als neutrale Instanz wahrgenommen zu werden, sind freilich Begabungen, die gerade in Aying angebracht sind, zählt die Gemeinde doch 19 Ortsteile seit der Gebietsreform 1978. Damals waren die bis dahin selbstständigen Gemeinden Peiß und Helfendorf Aying zugeschlagen worden, was die traditionelle Rivalität zwischen den Ortschaften eher befeuerte - und 1996 auch schmerzliche Auswirkungen auf die Familie Eichler hatte. Seine Kinder hätten im Wahljahr Probleme in ihren Schulen bekommen, sodass sie auf eine Münchner Realschule geschickt worden seien, erinnert er sich.

Denn was er als 39-jähriger Neuling anno 1996 wohl nicht auf dem Schirm hatte, war der zunehmende Einfluss des Amtes auf den Privatmann Johann Eichler, der mit dem erstmaligen Tragen der Amtskette nur noch in der Familie und bei der morgendlichen Stallarbeit Privatmann sein durfte. "Früher bin ich im Wirtshaus kaum bemerkt worden, heute kann der Weg zur Toilette sehr lang sein", sagt der Bürgermeister, der im Februar 63 Jahre alt wird. Als Bürgermeister sei man immer im Dienst, wenn man urlauben wolle, müsse man wegfahren, erklärt der im Ortsteil Kleinkarolinenfeld lebende Familienvater.

So lange wie Johann Eichler amtiert kein Bürgermeister.

(Foto: Claus Schunk)

Mit Haut und Haaren Bürgermeister sein zu müssen, im Rathaus wie auf der Straße oder beim Einkaufen, das empfindet Johann Eichler aber auch heute noch nicht als Belastung, über die er klagen müsste. Ganz im Gegenteil: An keinem einzigen Tag bisher habe er es bereut, Bürgermeister von Aying geworden zu sein, "im politischen Bereich ist das der schönste Beruf", sagt er. Und nur einmal habe er drüber nachgedacht, alles hinzuwerfen - das war 2013, nachdem sein Sohn Johann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. So schön der Beruf Bürgermeister aber auch sein mag, und auch wenn das Positive eindeutig überwiegt, wie er sagt: Das Amt habe er sich leichter vorgestellt, gibt er freimütig zu. Es hat ihn auch dazu gezwungen, seine erfrischend freundliche und sympathische Art des Aufeinanderzugehens im Dienst zu überdenken.

"Dieses Amt verändert einen, man wird misstrauischer", sagt Eichler. Natürlich sei er am Anfang etwas naiv gewesen und hätten manche dies zu ihren Gunsten ausnutzen wollen, etwa bei Bauanträgen. "Da versucht dann jemand, den Neuling über den Tisch zu ziehen. Man lernt nie aus, und das ist gut so", sagt Eichler. Je länger man im Amt sei, desto mehr Menschen müsse man auf die Füße treten, man tue nicht nur Gutes, weiß der Ayinger Rathauschef. Gelernt hat er auch aus seiner "größten politischen Niederlage" dem Scheitern der Dorferneuerung.

Das richtige Wachstumsmaß

Eigentlich, so sagt Johann Eichler, hätten er und der Gemeinderat bei der Entwicklungsplanung stets einen Spagat machen müssen: "Kein Wachstum bedeutet unter Umständen den Verlust wichtiger Infrastruktur wie Ärzte, Apotheken und Geschäfte, aber ein zu starkes Wachstum ist auch nichts, weil wir uns nicht städtisch entwickeln wollen." Seine Heimat, den Alpen zu Füßen gelegt und eingebettet zwischen sanften Moränenhügeln, soll keinen großen Schaden nehmen durch den Siedlungsdruck.

Das richtige Wachstumsmaß zu finden, wird bald Sache von Eichlers Nachfolgerin oder Nachfolger sein sowie die des neuen Ayinger Gemeinderats. Wer auch Platz auf dem Bürgermeistersessel nehmen darf, wird den Spruch kennen, wonach ein Bürgermeister so stark ist wie die Verwaltung. "Da haben wir in Aying eine Sonderstellung, worüber ich mich glücklich schätzen kann", sagt Eichler und zählt weitere Alleinstellungsmerkmale des Ayinger Gemeinderats auf, die seine Arbeit sehr erleichtert hätten.

Im Gemeinderat gibt es keine Fraktionsbindung, Mehrheitsentscheidungen werden akzeptiert, ein Nachtarock ist ausdrücklich nicht gewollt. "Das ist ein Stück Demokratie", sagt Eichler. Wenn es kein Parteigeplänkel gebe, dann könne auch die Verwaltung stark sein und müsse keine Angst haben, zwischen zwei Stühlen zu sitzen", beschreibt Eichler den Nutzen sachorientierter Arbeit. "Das ist unsere Stärke, die dürfen wir nicht verlieren", sagt der langjährige Bürgermeister, um dann in eine Terminologie zu wechseln, die ihm aus seinem Ingenieurstudium vertraut ist: Wenig Blindleistung, viel Wirkleistung - das soll unterm Strich herauskommen bei allem Bemühen des Rathausteams und der gewählten politischen Vertreter der Gemeinde.

Seine Milchwirtschaft hat der langjährige Nebenerwerbslandwirt 2016 an Tochter Veronika und Schwiegersohn Markus übergeben. Im Stall habe er seine besten Ideen gehabt, sagt er. Wenn er sich und dem Gemeinderat auf die Schulter klopfen sollte, dann würde er dies vor allem wegen der Fortschritte bei der Versorgung des Gemeindenachwuchs mit Schule, Kita und Krippen tun. Bleibt noch die Frage zu Wladimir Putins Besuch im Dezember 2006 in Aying und den Gesprächen mit dem Ayinger Bürgermeister. "Wir haben über bayerisches Bier und bayerische Brotzeiten gesprochen", verrät Johann Eichler.

© SZ vom 31.12.2019/belo
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