Sie heißen Hansi, Toni und Luis. Und verglichen mit anderen Rindviechern, die nach etwa zweieinhalb Jahren auf dem Teller landen, sind sie richtig alte Ochsen. Der Hansi etwa oder auch der Wuschel haben bereits vier oder fünf Jahre auf dem Buckel. Und sie haben eine Mission, die sie bisher vor dem Schlachthaus rettet: Sie sind so etwas wie Rennochsen, beherrschen den organisierten Schweinsgalopp über die Wiese vom Start bis ins Ziel. Manchmal zumindest.
Wie unterhaltsam viele Leute solche Ochsenrennen finden, verdeutlichen die Zuschauerzahlen: Etwa am Samstag in Aying, wo dieser tierische Wettlauf mittlerweile traditionell zur Bräu-Kirta gehört und rund 4500 Besucher auf das Gelände zwischen Brauerei und Awo-Altenwohnheim am nördlichen Rad des Dorfes lockte. Dass nicht jeder es gutheißt, dass der Ochs zum Rennpferd wird und Tierschützer das Reiten auf dem Rind als Tierquälerei ansehen, hatte sich in den vergangenen Jahren auch in Aying gezeigt.
Die Tierschutz-Organisation Peta hatte 2023 mit scharfen Worten das Verbot der Veranstaltung gefordert und das Veterinäramt eingeschaltet. Im vergangenen Jahr waren Aktivistinnen von „Animal Rebellion“ mit Plakaten auf die Rennbahn gestürmt, auf diesen standen Botschaften wie: „Tiere sind keine Entertainer“ oder „Ochsen einfach mal in Ruhe lassen“. Erboste Zuschauer attackierten die Tierschützer daraufhin körperlich. Im Starnberger Ortsteil Hadorf hatte in diesem Mai Peta erfolglos versucht, die Veranstalter eines Ochsenrennens von ihrem Vorhaben abzubringen und angeboten, im Falle eines Verzichts vegane Würste für das Frühstück zu spendieren.
In Aying hatten sich die Organisatoren des örtlichen Burschenvereins daher darauf eingestellt, dass möglicherweise erneut Tierschützer auf der Rennbahn auftauchen könnten, sobald Rinder die gut hundert Meter bis zur Ziellinie mit Jockeys und Treibern mehr oder weniger zügig zurücklegen. „Bis jetzt haben wir noch nichts mitbekommen, dass es wieder Proteste geben könnten“, sagte Vorstand Anian Maierhofer nach den „Vorläufen“ am Rande der zweifach mit Zäunen abgesicherten Strecke. Allerdings kündigten die Aktivisten ihre Aktionen ja auch nicht an, gab er zu bedenken. Es blieb dann bis nach dem Finale und der Siegerehrung dabei: keine Demonstration, keine Plakate, keine Tumulte.

Allerdings waren diesmal auch nur sechs Ochsen am Start – oder vielmehr fünf Ochsen und erstmals mit Gretel auch eine Kuh. Die hielt allerdings eher wenig vom Wettrennen mit den „Jungs“ und machte es sich lieber im Startbereich bequem. Im vergangenen Jahr konkurrierten noch 13 Rindviecher um den Sieg auf der Bräuwiese. Die Halbierung des Teilnehmerfeldes hatte nach Aussagen des Ayinger Burschenvereins allerdings allein damit zu tun, dass eine große Gruppe aus Münsing diesmal nicht anreiste. Einer ihrer Jockeys feierte zeitgleich Hochzeit. Münsing gilt als Mekka des Ochsenrennens. Zu den bayernweit bekannten Veranstaltungen kommen meist mehr als 10 000 Zuschauer.

Unter den Ochsenreitern hat sich mittlerweile eine richtige Community gebildet. Man kennt sich, man weiß, wer wo schon mal gewonnen hat und wer als Favorit gehandelt wird, etwa Theresa Wachinger mit ihrem Ochsen Wuschel. Die junge Frau aus Jettingen-Scheppach bei Günzburg machte mit dem großen Braunen im Finale von Aying schließlich auch das Rennen. Sie sind ein eingespieltes Duo, „seit Wuschel ganz klein war“, sagt die Landwirtin. Als Kalb sei er sehr krank gewesen. Wachinger hat sich um ihn gekümmert, ihn aufgepäppelt, ist mit ihm spazieren gegangen, inzwischen sogar „ausreiten und baden“, berichtet sie. Man dürfe sich das aber nicht so vorstellen wie mit Pferden. Die Strecke sei höchstens einen Kilometer lang und am Badesee gehe er nur mit den Beinen ins Wasser. Wuschel wäre längst geschlachtet worden, wenn sie vor drei Jahren nicht ihren Schwiegervater überredet hätte, dass sie mit dem Ochsen an einem Rennen teilnehmen darf. „Er hat damals gesagt: Wenn du gewinnst, darfst du ihn behalten.“ Theresa Wachinger und Wuschel haben gewonnen.


Eine Tierschutz-Organisation habe ihr damals Tierquälerei vorgeworfen und ein Foto von der Siegerehrung gepostet, auf dem sie fröhlich lacht. Theresa Wachinger fand das unfair. „Ich habe mich auf dem Bild so sehr gefreut, weil ich gerade das Leben meines Ochsen gewonnen hatte“, sagt sie. Tierschutz liege auch ihr am Herzen, betont die junge Frau. Sie wisse, dass in der Tierhaltung nicht alles rosig sei. Doch den Aktivisten wirft sie vor, „in ihrer Bubble zu leben“ und „von der Realität weit entfernt“ zu sein. Diese Leute würden jegliche Nutzung von Tieren ablehnen, „aber ich kann auch meinen Hund nicht einfach allein losziehen lassen, das überlebt der nicht“. Sie würde sich viel mehr wünschen, ernsthaft mit den Aktivisten ins Gespräch zu kommen, aber die seien für die Argumente anderer nicht zugänglich, hat sie festgestellt. „Dass die sich aber nachts auf Bauernhöfe schleichen, das geht gar nicht.“
Die Karriere vom Schlachtvieh zum Renntier hat auch Hansi geschafft, der „Lokalmatador“, wie er in Aying angekündigt wurde. Er lebt dort auf einem Bauernhof. Sein Reiter ist Matthias Bachmair. Man kennt dieses Gespann im Dorf. Denn regelmäßig gehen die beiden hier zusammen spazieren, schauen bei der Burschenhütte vorbei und am Brauereigasthof. Der tonnenschwere Ochs ist fast schon so etwas wie eine Attraktion im Ort. Und Bachmair hatte nach einem bravourösen „Vorlauf“ im Finale auf einen Sieg gehofft, um dessen Attraktivität noch zu steigern. Auch, weil derzeit noch nicht entschieden sei, ob er den Stellplatz für Hansi behalten könne oder der Ochse möglicherweise dann doch geschlachtet würde.
Hansi war das offenbar nicht so klar. Im Finale ließ er sich richtig viel Zeit und wurde Vierter. Da half auch der Futtereimer nicht, ihn zu beschleunigen. Der Bräu von Aying, Franz Inselkammer, der wie immer unter den Zuschauern war, ist aber überzeugt: „Da finden wir schon eine Lösung.“

