Autorenlesung:Flügel im Herzen

Autorenlesung: Klettert auch mit verkürztem Bein und Prothese auf steile Felsen: Heilpraktikerin und Autorin Christina Wechsel hoch über Kapstadt.

Klettert auch mit verkürztem Bein und Prothese auf steile Felsen: Heilpraktikerin und Autorin Christina Wechsel hoch über Kapstadt.

(Foto: Andrea Mühleck)

Christina Wechsel, die nach einem Unfall ihren linken Unterschenkel verloren hat, stellt in Neubiberg ein Buch vor, das Lebensmut spenden soll

Von Angela Boschert, Neubiberg

"Wer Flügel hat, braucht keine Beine", hat Christina Wechsel ihr kürzlich erschienenes Buch betitelt. Die heute 40-Jährige verlor nach einem Unfall in Australien ihren linken Unterschenkel. Sie hat sich ins Leben zurückgekämpft, ihr "kleines Bein" schätzen gelernt, und motiviert heute andere Betroffene in vielerlei Hinsicht: als Keynote Speakerin, die Grundsatzreferate hält, in ihrer Naturheilpraxis, als Betreuerin für Jugendcamps und als Beraterin im Krankenhaus. Denn "wenn wir unserem Herzen folgen, werden unsere Möglichkeiten grenzenlos", sagt sie. Warum es sich lohnt, nach einem Schicksalsschlag weiterzuleben, erzählt ihr Buch, das sie diesen Mittwoch in Neubiberg vorstellt.

Bei der Lesung will sie auch antworten "auf alle Fragen, die man ohne Berührungsängste stellen darf". Sie weiß, wie man als Prothesenträgerin angestarrt wird, wie unangenehm man sich fühlt. "Ich habe zehn Jahre gebraucht, um zu einer unverkleideten Prothese zu stehen. Ich zeige nicht sie, wenn ich sie trage, sondern ich zeige mich, wie ich bin." Zudem glotzten die Menschen weniger bei einer Prothese, der man ansieht, was sie ist und wozu sie dient. "Es kostet mich weniger Kraft als der Versuch, das Amputiert-Sein zu verstecken", sagt Wechsel in ernstem, aber unaufdringlichem Ton. Die Umgebung merke, wenn etwas nicht authentisch ist.

Wechsel, 1981 in Montreal geboren, setzte im Jahr 2007 ihren Traum von einer Weltreise um, deren Höhepunkt der Besuch des Uluru oder Ayers Rock werden sollte. Sorgfältig vorbereitet starteten sie und drei Freunde im Süden des Outbacks, um zu dem Heiligen Berg der Aborigines zu gelangen. Erreicht hat Wechsel den Uluru bis heute nicht. Damals beendete ein Unfall das Vorhaben. Ihr Auto überschlug sich mehrfach, Wechsels Freund Ronny überlebte den Unfall nicht, sie selbst kämpfte wochenlang um ihr Leben. Wegen einer Sepsis lautete die Frage, Bein oder Leben? Sie wurde mit der Amputation des linken Unterschenkels beantwortet. Ihr stark zerstörtes Knie blieb erhalten. Das zu wagen, hatte ihr Vater den australischen Chefarzt überzeugen können. Die Fragen, warum ist das mir passiert und werde ich je wieder meinen geliebten Sport ausüben können, trieben sie um und an.

Heute kann sie mit ihrem "kleinen Bein", wie sie ihren Stumpf nennt, sogar Klettern, Paragleiten, Tauchen und Ski fahren und ist oft in den Bergen und auf Reisen. Der Begriff "kleines Bein" machte im Krankenhaus schnell die Runde, weil er ausdrückt, dass dort noch etwas ist: ein kleines, kürzeres Bein, das laufen will und kann. Der fehlende Unterschenkel ruft sich mit heftigsten Phantomschmerzen immer wieder in Erinnerung. Doch plötzlich ist der Moment da und ihr Herz springt vor Glück: Mit einer Probeprothese steht sie, am Barren aufgestützt, wieder auf zwei eigenen Beinen.

Sie übt und kann bald wieder gehen. Der Weg dorthin war schmerzhaft, ein Todeswunsch kam, aber ihr Vater, ihr Bruder und viele Freunde halfen ihr durch die Monate der Genesung, als der Kampf gegen den Schmerztiger, der in ihrem zerschundenen Körper wütete, sie trotz hoher Morphiumgaben in den Wahnsinn zu treiben drohte. Mal war es ein Bild, mal ein Händehalten, immer das Gefühl, nicht allein zu sein. Wechsel, die immer sportlich war, schildert geradeheraus, packend und authentisch solche Ereignisse sowie ihr Leben davor und danach. Da ist die Feder der Co-Autorin Julia Heyne, ihrer engen Freundin und Journalistin, zu spüren, die Wechsel motivierte, mit ihrem Buch andere Betroffene zu unterstützen.

Wechsels Suche nach Alternativen zu dem Schmerzmittel Morphium, wovon sie nicht abhängig werden will, führten sie schließlich zur ganzheitlichen Naturmedizin, die sie als Ergänzung zur Schulmedizin achtet. Sie ließ sich zur Heilpraktikerin ausbilden und widmet sich heute in ihrer Münchner Praxis der Frauenheilkunde und dem Kinderwunsch, aber natürlich auch Amputierten, die sie stützt und motiviert. Sie weiß, dass der Heilungsprozess viel schneller verläuft, wenn man jemanden an seiner Seite hat, der die Situation kennt und macht als Peer, also Expertin aus persönlicher Erfahrung, betroffenen Menschen in den Unfall- und Rehakliniken in Murnau Mut, indem sie ihnen "einen realistischen, authentischen Blick auf das Leben mit Prothese vermittelt".

Peer-Consulting wird in München in den Krankenhäusern Neuperlach und Rechts der Isar angeboten. In Kürze wird Christina Wechsel nach Kapstadt zu einem Sabbatical aufbrechen, gemeinsam mit ihrem Mann Ecki, den sie beim ersten Oktoberfestbesuch als Amputierte kennengelernt hat.

"Wer Flügel hat, braucht keine Beine". Autorenlesung mit Christina Wechsel, Mittwoch, 30.9., Aula der Grundschule Neubiberg, 19.30 Uhr, Abendkasse 14, ermäßigt 12 Euro, bis 18 Jahre gratis.

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