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Verkehr:Stillstand an der Giesinger Autobahn

Nur ein kurzes Stück Lärmschutzwand an der Brücke über die Isartalstraße gibt es an der Giesinger Autobahn bei Unterhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Das Tempolimit abgelehnt, die Kosten für eine Lärmschutzwand unklar und die Schallpegel offiziell zu niedrig: Politik, Fachleute und Bürgerinitiative drehen sich im Kreis

Von Iris Hilberth, Unterhaching

Lärmschutz ist teuer. Wie teuer und ob sogar zu teuer, ist manchmal gar nicht so einfach zu sagen. In Unterhaching geht es seit Jahren um eine neue Wand entlang der Giesinger Autobahn. Es ist eine schier endlose Geschichte um Gutachten, Gegengutachten, Anträge und Kostenschätzungen. Die alte Wand war marode und wurde abgerissen, die Anwohner sind genervt und fürchten um ihre Gesundheit. Bund und Land wollen nicht zahlen, und die Gemeinde hat auch nicht mal eben ein paar Millionen Euro übrig. Wie viele eigentlich genau?

Das von der Verwaltung beauftragte Ingenieurbüro Mayr beziffert die Kosten auf 5,2 Millionen Euro, die von der Lärmschutzinitiative um Catia Hilgart angefragte Firma Rau sprach erst von 1,8 Millionen, dann von 2,3 und inzwischen von 3,5 Millionen Euro. Wir müssen reden, meinten daher CSU, Grüne und FDP und beantragten, Vertreter beider Büros gleichzeitig in den Bauausschuss zu bitten, damit sie ihre Kalkulationen erläutern. Nach dem Aufeinandertreffen von Ingenieur Robert Müller und Lärmschutzwandanbieter Erwin Königsberger am Dienstagabend bei der Sitzung im Kubiz mussten die Gemeinderatsmitglieder allerdings feststellen: "Jetzt sind wir auch nicht schlauer." So formulierte sowohl der CSU-Fraktionsvorsitzende Korbinian Rausch als auch dessen FDP-Kollege Bernard Maidment die nach wie vor herrschende Ratlosigkeit. "Wir wollten eigentlich mehr Klarheit. Die kann ich so nicht sehen", stellte Franz Felzmann (CSU) fest. Irgendwie wusste nach zwei Stunden Diskussion immer noch keiner, wem man denn nun glauben soll.

Nur ein kurzes Stück Lärmschutzwand an der Brücke über die Isartalstraße gibt es an der Giesinger Autobahn bei Unterhaching.

(Foto: Claus Schunk)

Ist es Herr Königsberger, der angibt, schon jede Menge solcher begrünter Lärmschutzwände gebaut zu haben? Und der sich sicher ist, dass der bestehende Wall auf jeden Fall fest genug ist, um ein vier Meter hohes Bauwerk zu tragen, das er übrigens ohne Fundament errichten würde. Der das Material der Baustraße zur Wandverfüllung hernehmen will und die Verkehrssicherung der Autobahn während einer dreimonatigen Bauzeit mit nur 50 000 Euro einkalkulierte. "Ich bleibe bei meinen Kosten", sagte er und untermauerte seine Glaubwürdigkeit mit der Aussage: "Ich baue die Wand jeden Tag. Das Ingenieurbüro hat die Wand nie gebaut."

Oder hat doch Herr Müller von der Firma Mayr recht, der den Wall als instabil einstuft, sich auf ein Bodengutachten der Gemeinde beruft und von einer erheblichen Ausbesserung spricht? Der versicherte, dass die für die Baustelle veränderte Verkehrsführung auf der Autobahn in die Hunderttausende geht, und der sich gar nicht sicher war, ob eine Lärmschutzwand überhaupt von der Autobahnseite aus errichtet werden kann. Zuerst habe es von der Autobahndirektion eine Absage gegeben, dann habe sie die Möglichkeit "nicht komplett" ausgeschlossen. Für die Pflege des Bauwerks jedenfalls, so Müller, sei eine rückwärtige Erschließung notwendig. Auch er blieb bei seiner Gesamtsumme.

Dezibel

Laut einer Berechnung auf der Grundlage der Verkehrszählung aus dem Jahr 2015 müssen die Unterhachinger nahe der Autobahn A 995 einen Lärmpegel von 58 Dezibel aushalten. Zu leise, um ein Recht auf Lärmschutz zu haben, zu laut, um das dauerhaft zu ertragen. Im Vergleich: Regen, Kühlschrank, leises Gespräche liegen bei etwa 55 Dezibel, Nähmaschine und Fernseher in Zimmerlautstärke bei 65. Würde man auf dem bestehenden Wall eine vier Meter hohe Wand errichten, so könnte man eine Reduzierung von bis zu fünf Dezibel für die direkt hinter dem Bauwerk liegenden Häuser erreichen. Das wäre schon deutlich wahrnehmbar. Ein Dezibel Unterschied bemerkt der Mensch nur, wenn er den direkten Vergleich hat. Bei zwei bis drei Dezibel kann er feststellen, dass sich ein bisschen etwas getan hat. hilb

Die Situation ist so festgefahren wie zuvor. Klar ist seit vergangener Woche dagegen, dass es ein durchgängiges Tempolimit auf der A 995, wie es die Gemeinde will, nicht geben wird. Das hat der Verkehrsausschuss im Landtag mehrheitlich bestätigt. Und weil es eben nicht laut genug ist, damit Land oder Bund die Kasse öffnen, bleibt die Wand eine freiwillige Leistung der Gemeinde. Konkret geht es nur um zwei Dezibel, die man in Unterhaching unter dem Grenzwert liegt. Statt 58 wären 60 notwendig. Das klingt nach wenig, ist aber laut Thorsten Otto vom Büro Müller BBM, das das Schallschutzgutachten für die Gemeinde erstellt hat, eine Menge und auch nicht erstrebenswert. Denn Dezibel ist keine lineare Maßeinheit. So bewirkt eine Verdoppelung des Verkehrs drei Dezibel.

Was also tun? Im Moment, so machte Bürgermeister Wolfgang Panzer (SPD) deutlich, kann er gar nichts tun. Einen Bebauungsplan hat der Gemeinderat vor zwei Jahren eben wegen der hohen Kosten abgelehnt, "weil die Zahlen nicht gefallen haben", sagte er im Ausschuss. Er sagt aber auch: "Ich bin hundert Prozent dabei: Wir müssen was machen." Der einzige Weg zur Lärmschutzwand führt über einen neuen Antrag, einen Bebauungsplan aufzustellen. Dann könne man auf Basis der vorliegenden Kostenschätzung des Ingenieurbüros europaweit ausschreiben und schauen, welche Angebote gemacht werden. "Ich warte auf Anträge, wie wir weitermachen sollen", sagte Panzer im Ausschuss.

© SZ vom 09.07.2020/lb

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