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Ausstellung in Unterhaching:Viecher, Frauen, Landschaften

Gabriele Rothweiler, Elke Jordan Gregor Netzer und Eva Leopoldi präsentieren im Kubiz ihre Werke

Vegetarier? Nein, sagt Gregor Netzer, er esse schon Fleisch. Aber eben nur sehr wenig. Und wenn, dann ganz bewusst. Diese Information mag aus dem Munde eines Kulturschaffenden irritieren, noch dazu, wenn es eigentlich um eine Ausstellung im Kubiz in Unterhaching geht. Sie ist aber durchaus von Bedeutung. Der Künstler aus Landsberg am Lech sagt nämlich: "Mir geht es um einen respektvollen Umgang mit dem Essen."

Der Mensch gehe fahrlässig und verschwenderisch mit Lebensmitteln um, nicht nur mit den Tieren, sondern auch mit dem Obst und dem Gemüse, das er verzehre. Ihre künstlerische Darstellungsform findet diese Forderung nach Respekt bei Netzer in Grafitdrucken von Tieren - vornehmlich von Fischen, aber auch mit Hasen und Wildschweinen hat er gearbeitet. "Landschaft, starke Frauen und Viecher" so heißt die aktuelle Ausstellung im Kubiz, auf der Netzers Bilder gemeinsam mit den Werken der Künstlerinnen Gabriele Rothweiler, Eva Leopoldi und Elke Jordan zu sehen sind. Die Künstler kennen sich und haben schon teils gemeinsam ausgestellt. "Aber noch nie in dieser Kombination", sagen die Vier an diesem Märzmorgen in den Fluren des Kubiz. Dort, wo ihre Malereien und Fotografien in den kommenden Wochen nicht nur Farbe und Licht, sondern auch die Weite von Landschaften und weiblichen Pioniergeist verströmen werden. Und, im Fall von Gabriele Rothweiler, die brisante Paarung von internationalem Großstadtflair und fein dosierter Erotik. Die Fotografin vom Ammersee kombiniert in einem aufwendigen Prozess Fotografien von Städten mit Aktaufnahmen von Frauen. Oft arbeitet Rothweiler mit Aktmodels zusammen, deren makellose Rundungen sich nach vielen Arbeitsstunden an die Silhouetten von Venedig, Paris, Hamburg, Berlin oder München schmiegen.

Es liegt im Wesen von Gemeinschaftsausstellungen, dass dort für gewöhnlich unterschiedliche Stile zusammenkommen. Und will man im Fall von Netzer, Leopoldi, Jordan und Rothweiler partout eine Gemeinsamkeit herauslösen, dann ist das wohl jenes Quäntchen Verrücktheit, das Kunst überhaupt erst interessant macht. Dass die Vernissage abgesagt wurde, weil sich ein Schüler des Lise-Meitner-Gymnasiums mit dem Coronavirus angesteckt hatte, tragen die Künstler mit Fassung. Dann esse sie die Cocktailtomaten, die für die Vernissage gedacht waren, eben selbst, sagt Eva Leopoldi, eine große Frau mit kurz geschnittenem Pony, die gerne lacht.

In Gregor Netzers Nekrographien ("Hase") entfaltet sich originell der Respekt, den wir vor Lebensmittel haben sollten.

(Foto: Claus Schunk)

Humor, der ist bei Leopoldi auch dann spürbar, wenn sie etwa antike Osterhasenfiguren aus Holz zu einem einsamen Hühnerei in eine Eierschachtel setzt, das Arrangement fotografiert, bearbeitet und mit dem Titel "Das letzte Ei" versieht - eine Anspielung auf die Zahl der Eizellen, die im Laufe eines Frauenlebens immer weniger werden. Vor allem aber inspirieren Leopoldi die Lebenswege von interessanten Frauen wie jener von Thea Rasche. Sie kann dann gar nicht anders, als zu recherchieren, will immer mehr wissen über die Geschichte der 1899 geborenen Kunstfliegerin, die von den US-Amerikanern nur "The flying Fräulein" genannt wurde. Ein weiterer Charakter ist dem Bestseller "Zusammen ist man weniger allein" der französischen Schriftstellerin Anna Gavalda entnommen. Ein wenig ermattet und mit deutlichen Bezügen an die schmalen Gesichter und langen Nasen eines Amedeo Modigliani ausgestattet, liegt Camille auf dem Sofa - so hat Leopoldi die Protagonistin des Romans auf Seide gemalt. Doch wer sich die App des Wiener Start-ups Artivive aufs Smartphone geladen hat, der wird noch einen grünen Staubsauger durchs Bild tuckern sehen. Die Wirklichkeit wird quasi um eine weitere Ebene erweitert - eine technische Finesse namens "augmented reality", durch die Medien und Kunst seit einigen Jahren Ergänzungen erfahren.

Auch Elke Jordan will den Betrachter mit ihren großformatigen Bildern bereichern, allerdings benötigt dieser dafür nichts als Fantasie und die Fähigkeit, in ihre Szenerien einzutauchen, die sich schon mal auf Leinwänden von 1,40 auf zwei Meter erstrecken. Über einem ihrer Bilder liegt ein warmer Schleier aus Sepia, gerne arbeitet Jordan auch mit Eitempera. Doch ob die Künstlerin aus Grafrath am Horizont Heidegras oder ein Reisfeld hat wachsen lassen, das bleibt dem Betrachter letztlich selbst überlassen. Jordan fertigt zwar Skizzen und Fotografien von einer Landschaft an, doch wenn sie schließlich in ihrem Atelier steht, benötigt sie nichts als die Erinnerung - und ein in eben dieser Landschaft entnommenes Tütchen mit Sand oder Erde, das sie gerne als "Strukturmaterial" in ihren Bilder einarbeitet. Markantes lässt sie ganz bewusst weg, Kirchtürme, Tiere, Häuser - da ist nichts, was irgendwie als Anhaltspunkt dienen könnte.

Elke Jordans Landschaften haben etwas Traumwandlerisches, die Fantasie Anregendes wie in "Horizonte".

(Foto: Claus Schunk)

Und Netzer? Nun, dessen erfrischende Bereitschaft, die Grenzen des konventionellen Geschmacks zu dehnen, hat viel mit seiner eigenen Geschichte zu tun. Als 17-Jähriger bereitete er als Koch in einem umbrischen Landgasthof zahllose Fischgerichte zu. Hin und weg von deren Schönheit, habe er irgendwann begonnen, die Fische zu zeichnen, erzählt Netzer, der sich für seine Grafitdrucke später den Namen "Nekrographien" ausdenken soll. Die Tiere sind nämlich schon tot, wenn der Künstler sie auf das langfaserige Papier legt, um dieses anschließend großzügig mit Grafit zu bestreuen. An den Stellen, wo zuvor etwa ein Steinbutt oder ein Saibling lagen, bleibt das dunkel glänzende Mineral haften - fertig ist das Kunstwerk. Netzer selbst ist es, der auf das berühmte "Schweißtuch der Veronika" verweist, auf dem sich das Gesicht Christi auf Weise eingeprägt haben soll, nachdem besagte Veronika ihm ihr Tuch zum Abwischen des Schweißes gereicht hatte. Dass sich auch der Besucher in Unterhaching den Kopf darüber zerbricht, wer hier denn nun als Künstler am Werk war - der Fisch, der Hase oder Netzer? - ist also offenbar gewollt. Ein ästhetischer Anblick sind dessen Bilder mit den zarten Konturen der Flossen und den winzigen, schwarz schimmernden Schuppen in jedem Fall. Und glaubt man den Frauen, die mit ihm ausstellen, kocht der Künstler aus Landsberg bis heute ganz vorzüglichen Fisch.

Nachdem die Vernissage ausfallen musste, ist die Finissage nun auf den 24. April terminiert. Die Ausstellung im Kubiz kann montags bis freitags von 9 bis 22 Uhr sowie samstags von 9 bis 18 Uhr besucht werden.

© SZ vom 10.03.2020

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