Ausstellung im Kallmann-Museum:Permanente Grenzüberschreitung

Gruppen-Ausstellung im Kallmann-Museum

Ein Toast auf die Raumfreiheit:Alice Musiol vor ihrer Installationaus altem Brot.

(Foto: Florian Peljak)

Die neue internationale Gruppen-Ausstellung im Ismaninger Kallmann-Museum untersucht Trennlinien zwischen öffentlichen und privaten Sphären

Von Udo Watter, Ismaning

Für viele ist das Glück dort zuhause, wo sie daheim sind. In den eigenen vier Wänden. Im Kreise der Familie. Geborgenheit. My Home is my Castle. Bei Alice Musiol heißt es eher: "My Home is my Toastbrot". Die 1971 geborene Künstlerin präsentiert im Ismaninger Kallmann-Museum eine Installation, die humorvolle Assoziationen, aber auch Beklemmung auslöst: 196 Häuser stehen da in serieller Anordnung auf einer Platte, präzise aufgereiht im Quadrat: Es sind kleine Häuser, mit Nadeln zusammengesteckt aus jeweils sieben getrockneten Toastscheiben, die Fenster mit einem Cutter ausgeschnitten.

"Meine Arbeit hat immer auch ökonomischen Charakter", sagt Musiol, und in der Tat halten sich die materiellen Kosten der Arbeit, die Teil der Ausstellung "Entgrenzungen - von öffentlichen und privaten Sphären" ist, in Grenzen. Die Inspirationen, zu denen sie anregt, sind dagegen vielfältig: der Gegensatz zwischen dem privaten Traum vom Eigenheim und dystopieverdächtiger Gleichförmigkeit, ein Suburbia-Albtraum aus Discounter-Toast (eine Packung kostet 79 Cent), und die von Musiol selbst aufgeworfene Frage "Wie viel Nährwert hat so ein Brot überhaupt noch?". Auf die Idee, Toastscheiben zu Häusern zusammenzustecken, war sie ursprünglich gekommen, als sie in ihrem Atelier eine abgelaufene Packung fand - und daraus Kunst machte (die schon preisgekrönt wurde). "Die Arbeit passt in viele Konzepte" sagt Rasmus Kleine, der Museumsleiter, der mit seinem Kollegen Luca Daberto die Ausstellung kuratiert hat, welche die Werke von zwölf weiteren Künstlerinnen und Künstlern zeigt.

In einem Überwachungsstaat wie der DDR wird das Private quasi aufgehoben

Generell geht es darum, wo die Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Räumen verlaufen. Ein aus der Aktualität geborenes Thema. "Für uns stellte sich die Frage, wie kann man kuratorisch auf die Corona-Zeit reagieren?", erklärt Kleine. Aber nicht in dem Sinne, die Pandemie als medizinisches Phänomen zu thematisieren, sondern eben, wie sich Räume verändert haben. Stichwort Home-Office, Homeschooling, Lockdown, Überwachung - berühmt wurde etwa die bayerische Polizei, als sie im Frühjahr 2020 das Verweilen und Lesen auf Parkbänken untersagte. Und privater Raum wurde als Büro andersrum öffentlicher. "Man hat fremde Menschen via Zoom-Konferenz in das eigene Wohnzimmer gelassen", so Kleine.

Die Überwachung des öffentlichen Raums steht in Ismaning besonders im Fokus: Zu sehen sind etwa Arbeiten von Michael Wolf, der Google Street View durchstöbert und verpixelte Porträts und unvorhergesehene Ereignisse abfotografiert hat. Die Bilder erwecken die Frage, inwieweit private Ereignisse durch die Ausweitung der fotografisch-digitalen Erfassung des öffentlichen Raums überhaupt noch privat bleiben können. Man sieht eine Frau hinter einem Auto pinkeln oder einen blöd gestürzten Fahrradfahrer. Der ausgestreckte Mittelfinger auf Bildern zeigt, was so mache Menschen von der permanenten Überwachung halten.

Eine ganz andere, aber ebenso eindrückliche Art, sich dem öffentliche Raum zu nähern, gelang Gabriele Stötzer in den späten Achtzigern: Die Künstlerin hat damals in der DDR Menschen aufgefordert, bewegungsmäßig die Sau raus zulassen. In ihrem Film "Veitstanz/Feixtanz" sieht der Betrachter Menschen dabei zu, wie sie auf Hügeln, in Hinterhöfen oder in Straßen ekstatische Bewegungen machen, auch Nacktheit demonstrieren und somit dem repressiven System feixend ins Gesicht lachen. Simon Menners Fotografien aus den Stasi-Archiven zeigen, dass in einem Überwachungsstaat wie der DDR das Private quasi aufgehoben wird - alles wird erfasst, auch triviale Handlungen, wie das Einschmeißen eines Briefes, können verdächtig werden.

Fotos von leeren Straßen und verschlossenen Häusern wirken hochaktuell

Im Video "Mass" von Clemens von Wedemeyer wiederum sind historische Bilder von Massenaufläufen aneinanderfügt und überblendet, bis die Masse sich in einem Rauschen auflöst. Wie kann sich Öffentlichkeit im Bild zeigen? Wieweit löst sich das Individuum dabei auf? Es geht ja auch um die Freiheit des öffentlichen Zusammenkommens vieler Individuen. Solche, auch an Elias Canettis "Masse und Macht" angelehnte Fragen stellt dieser Film. Im Gegensatz zur Auflösung des Individuums in der Masse, der ja ebenso beglückende wie gefährliche Aspekte innewohnen, steht in Ismaning Melanie Manchots Arbeit "Kiss": hier sind es sehr private, zwischenmenschliche Handlungen wie Schmusen, aber auch Streitereien, die öffentlich vollzogen und beobachtbar werden, ein spannungsreiches Feld, in dem auch Exhibitionismus und unfreiwilliges Eindringen in unbetretene Sphären thematisch einfließen.

Gruppen-Ausstellung im Kallmann-Museum

Zilla Leuteneggers poetische Rauminstallation eines Schlafzimmers.

(Foto: Florian Peljak)

Dass das Private politisch sein kann, untersucht durch Straßenfotografien, Werbebilder und historische Referenzbilder Marianne Wex. Oder anders gesagt: Ihre Arbeit demonstriert eindrucks- und auch humorvoll, wie gesellschaftliche Machtverhältnisse sich in der (privaten) Körpersprache entfalten. Die breitbeinige Präsenz des männlichen Politikers versus mädchenhafte Positur einer jungen Frau oder fast verschwindende Haltung einer älteren Frau. In den Arbeiten steckt auch die Zuversicht, dass gesellschaftlichen Konstruktionsprozesse des privaten und öffentlichen Auftretens veränderbar sind.

Zu sehen sind in Ismaning noch etliche weitere Aspekte des öffentlich-privaten Themenfeldes: Peter Braunholz' Serie "Topophilia" zeigt leere Straßen und verschlossene Häuser. Vor Corona entstanden, hat sie dennoch einen visuellen paradigmatischen Charakter für die pandemiegeprägte Zeit, als draußen alles leer war und man sich ins Private zurückzog. Sich dieses Private zu erhalten und leisten zu können, ist mitunter ein Kampf, den Ina Wudtke in ihrer Papierarbeit "Entmietung" zeigt, die ein echter Blickfänger ist. Ja, private Rückzugs- und Erholungsräume sind immer wieder gefährdet - dabei sind sie doch oft so heimelig, wie in Zilla Leuteneggers raffinierter Rauminstallation. Im Privaten droht mitunter freilich auch die Einsamkeit, der Mensch ist ja doch stark ein Wesen der Öffentlichkeit, die zu nutzen auch eine Errungenschaft der (demokratischen) Moderne ist. Die Grenzen freilich sind, gerade im Zuge der Digitalisierung, fließend.

Gruppen-Ausstellung im Kallmann-Museum

Ina Wudtkes sehenswerte Papierarbeit "Entmietung".

(Foto: Florian Peljak)

Die Ausstellung "Entgrenzungen - von öffentlichen und privaten Sphären" im Kallmann-Museum, Ismaning, dauert bis 28. November. Geöffnet ist sie dienstags bis samstags von 14.30 bis 17 Uhr, sonntags von 13 bis 17 Uhr.

© SZ vom 05.08.2021
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