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Ausbildungsstart:Schulabgänger dürfen wählerisch sein

Berufsschüler

Auch für den Beruf des Kfz-Mechatronikers gibt es offene Ausbildungsplätze.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Im Landkreis München kommen auf 500 Bewerber 1100 offene Lehrstellen. Gesucht werden nicht nur künftige Metzger, sondern auch angehende Kaufleute und Mechatroniker.

Metzger will kaum einer mehr werden. Auch nicht Fleischereifachverkäufer oder Lagerlogistiker. Das Malerhandwerk meldet ebenfalls mehr Lehrstellen als Bewerber, und wer Kfz-Mechatroniker als Berufswunsch angibt, hat auch gute Aussichten, unterzukommen. Vor allem aber sucht der Einzelhandel händeringend nach Nachwuchs. Laut der jüngsten Statistik der Bundesagentur für Arbeit waren im Landkreis München Ende Juni noch 1126 Lehrstellen unbesetzt. Demgegenüber standen 512 Schulabgänger, die noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern rechnet damit, dass heuer zum Ausbildungsbeginn am 9. September erneut eine Vielzahl an Lehrstellen im Landkreis nicht besetzt werden kann.

Vor allem im kaufmännischen Bereich klafft noch eine große Lücke. Für Juni meldete die Agentur für Arbeit noch 131 Stellen im Einzelhandel, 68 im Verkauf und 64 im Groß- und Einzelhandel. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Bewerber für diese Berufe um fast neun Prozent zurückgegangen, die Anzahl der gemeldeten Stellen aber um 18,3 Prozent angestiegen. Vor allem für die Hotellerie haben sich heuer viel weniger junge Leute beworben als 2018. 19 Stellen sind hier noch unbesetzt. Das Fleischereihandwerk meldet ebenfalls noch 33 freie Ausbildungsplätze, die Autobranche 35 Lehrstellen für KfZ-Mechatroniker. "Mit über 2300 gemeldeten Ausbildungsplätzen im Landkreis München ist das Angebot wieder sehr groß", sagt Christoph Leicher, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses für den Landkreis München.

Aber nicht alle Firmen jammern, dass sie keine Azubis bekommen. "Heuer sieht es ganz gut aus", heißt es aus der Personalabteilung der Firma Bäko in Taufkirchen. Bei dem Unternehmen werden Großhandelhandelskaufleute ausgebildet. Auch Edeka Simmel, der im Landkreis mit Filialen in Unterhaching und Pullach vertreten ist, hat die meisten der 40 Ausbildungsplätze bereits vergeben können. "Fünf bis sechs Lehrlinge suchen wir noch", sagt Nadja Pelzer, die im Unternehmen für die Azubis zuständig ist. Schwierig sei es vor allem, jemanden für die Fleischerei zu finden. Erst diese Woche habe sie mit einer Mitarbeiterin der Agentur für Arbeit darüber gesprochen: "Die sagte mir auch, das sei ein aussterbender Beruf."

Wie sehr heutzutage die Firmen selbst um den Nachwuchs werben müssen, berichtet Marcus Seyock vom Volkswagen-Händler Mahag, der eine Filiale in Ottobrunn betreibt. Man müsse schon auf die jungen Leute zugehen, sie auf Jobmessen ansprechen oder besser noch direkt in den Schulen über den Beruf informieren. "Vieles läuft auch über Betriebsführungen und ein Praktikum, damit die Leute sehen, was wir machen und was wir bieten." Viele hätten noch romantische Vorstellungen vom Automechaniker, der an seinen Wagen herumschraube. "Das ist heutzutage ein hochtechnologischer Beruf, der viel mit IT zu tun hat und mehr Kenntnisse in Elektrotechnik und Mathe erfordert. Inzwischen würden sich auch immer mehr Frauen dafür interessieren. "Es hat sich ausgezahlt, dass ich schon immer selbst aktiv geworden bin, denn so können wir unser Lehrstellen besetzen" sagt Seyock.

Er gibt aber zu, dass die Zahl der Bewerber zurückgegangen ist. "Es ist eben auch anstrengend, den ganzen Tag in der Halle zu stehen, und bei großen SUVs Reifen zu wechseln, von denen einer allein 35 Kilo wiegt", sagt Seyock. Und da merke er schon, dass die jetzige Generation nicht mehr unbedingt dazu bereit sei. So erklärt er sich auch, dass trotz so vieler offener Stellen immer noch 512 Schulabgänger keine passende gefunden haben.

Vor allem im Bereich Kultur und Gestaltung - dazu zählen etwa Werbung und Marketing, Raumausstattung oder Tontechnik - gibt es oft mehr Bewerber als Stellen. Auch bei Berufen, die die Agentur für Arbeit unter "Gesundheit" listet, passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen. Obwohl die Anzahl der Ausbildungsplätze für "Körperpflege" um 150 Prozent aufgestockt wurde, gingen zehn Bewerber leer aus. Zu denjenigen, die noch keine Lehrstelle gefunden haben, zählen vor allem auch Jugendliche mit dem Berufswunsch Koch, Tischler und Rechtsanwaltsfachangestellter.

IHK-Vorsitzender Leicher empfiehlt: "Wer bis jetzt noch keinen Erfolg mit einer Bewerbung hatte, muss jetzt weiter dranbleiben. Es ist noch nicht zu spät, um auch nach dem 9. September mit einer Ausbildung durchzustarten", betont Leicher. Eine Berufsausbildung biete nicht nur jungen Menschen hervorragende berufliche Perspektiven. "Wir leben in einer Zeit voller Veränderungen und Umbrüche, die von uns zunehmend die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen einfordert", sagt Leicher. Beruflich neu anzufangen, sei also keine Frage des Alters. Auch habe das Umdenken in der Gesellschaft hin zu mehr Wertschätzung gegenüber der beruflichen Ausbildung bereits begonnen. Der Großteil der Bewerber (956) ist zwar unter 20 Jahre, doch 51 waren dieses Jahr auch älter als 25. Die meisten (566) haben einen Realschulabschluss, 389 einen Hauptschulabschluss, 128 Abitur.