Ausbildung in der Gastronomie:Ein Hoch auf den Nachwuchs

Unterhaching, Holiday Inn, Portrait Claudia Schulze-Clewing,

Claudia Schulze-Clewing will jungen Leuten Lust aufs Hotelfach machen.

(Foto: Angelika Bardehle)

Das Hotel- und Gaststättengewerbe ist bei jungen Leuten nicht gerade beliebt. Claudia Schulze-Clewing, Personalreferentin des Holiday Inn Unterhaching, fordert von ihrer Branche mehr Wertschätzung für die Lehrlinge.

Von Roman Schukies, Unterhaching

Bonbons, Äpfel, Smoothies: Unternehmen versuchen auf Job-Messen mit allerlei Tricks, jungen Leuten eine Lehre in ihrem Betrieb schmackhaft zu machen. Das ist auch notwendig. Denn die Zeiten, in denen sich die Bewerbungen auf den Schreibtischen der Personalchefs gestapelt haben, sind in vielen Branchen vorbei. Auch in der Gastronomie. Jungen Menschen ist kaum mehr zu vermitteln, worin der Reiz einer Ausbildung in Hotel oder Restaurant liegen soll. Vielen ist der Beruf zu stressig. Die Abbrecherquote in der Küche liegt bei fast 50 Prozent.

Die junge Generation findet Claudia Schulze-Clewing toll

Claudia Schulze-Clewing hat dagegen ein Rezept. Vertrauen. Sie glaubt an diese Generation. "Ich finde die toll", sagt sie. Und sie muss es wissen. Die 46-Jährige ist Personalreferentin im Holiday Inn Unterhaching. Ein Job, den es vorher gar nicht gab. Ihr Mann, Hoteldirektor Uwe Schulze-Clewing, hatte vor rund zwei Jahren die Idee: Man müsste doch mehr gegen die Nachwuchssorgen tun. Er fragte seine Frau. Und die sagte begeistert zu.

Seither wirbt sie mit Erfolg für eine Karriere in der Gastronomie. Die Zahl der Lehrlinge im Holiday Inn hat sich gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. 16 junge Menschen bauen auf das Hotel - und auf Schulze-Clewing. Auf ihren Visitenkarten steht ihre private Handy-Nummer. Es ist kein Versehen: Sie möchte erreichbar sein.

Für sie geht es immer um Wertschätzung - Wertschätzung für die Arbeit des anderen, aber auch Wertschätzung für den Menschen dahinter. Daher ist es ihr erst mal nicht wichtig, wie viele Teller jemand tragen kann. "Das erste ist ein Blick in die Augen und ein fester Händedruck." Sie möchte den jungen Menschen die Angst nehmen.

Dabei hilft ihr auch eine Auszeichnung des Gaststättenverbandes Dehoga und des bayerischen Arbeitsministeriums. Sie ernannten Claudia Schulze-Clewing kürzlich zur "Ausbildungsbotschafterin des Gastgewerbes". Eine Anerkennung ihrer Arbeit. Und Verpflichtung. Sie spürt oft, dass Jugendliche Vorbehalte gegen eine Arbeit im Hotel haben. "Diese Hemmschwelle möchte ich denen nehmen."

Dafür besucht die Ausbildungsbotschafterin Schulen. Sie wartet nicht, dass die Schüler zu ihr kommen. Sie geht dorthin, wo sie Interesse vermutet. Das rät sie auch ihren Azubis: Nicht warten, bis ihnen etwas Gutes widerfährt. Sie sollen ihre Wünsche formulieren - und dafür eintreten.

Claudia Schulze-Clewing weiß, wovon sie spricht. Die Eltern hatten selbst einen Betrieb. 25 Jahre lang, im heimischen Ahlen in Westfalen. Dort hat sie früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen - und sich selbst zu organisieren. Und sie ist selbst vom Fach. Nach dem Abitur lernte sie Hotelfachfrau in Hamm und arbeitete in Münchener Hotels. Das möchte sie heute weitergeben. Sie traut dieser Generation viel zu.

Vieles, was über die heutige Jugend gesagt wird, findet sie falsch. Medial vermittelte Klischees, die den jungen Menschen Unrecht tun. Sie erlebt viele der Jugendlichen als ausgesprochen aufgeweckt und wissbegierig. "Pfiffig", wie sie sagt. Neulich bat sie ein junges türkisches Mädchen auf einer Messe, ihren Namen zu buchstabieren. "Heinrich, Übermut, Ludwig, Ypsilon, Anton" antwortete die. Auf die Frage, woher die Schülerin das Funkalphabet kenne, antwortete die nur: "Von meiner Mutter!" Claudia Schulze-Clewing liebt solche Momente.

"Morgens um acht den Gast anlachen? Das geht ja gar nicht"

Sie weiß auch, dass eine Ausbildung im Gastgewerbe nicht immer nur angenehm ist. Aber eben nicht nur da. Kürzlich ermunterte sie eine Auszubildende, doch morgens schon freundlich zu lächeln. "Morgens um acht den Gast anlachen? Das geht ja gar nicht", entgegnete die. Aber freundlich muss man eben nicht nur im Hotel sein, meint Schulze-Clewing: "Das müssen Sie bei Karstadt in der Strumpfabteilung auch." Im Barbetrieb könne man sich immerhin auch mal zurückziehen. "Bei den Strümpfen geht das nicht. Da müssen Sie stehen bleiben!"

Trotzdem hat sie Verständnis, dass der Erfolg der Ausbildung von vielen Faktoren abhängt. Oft fragen sie Jugendliche, wie die Aufstiegschancen in der Branche sind. "Das hängt in erster Linie von dir ab", antwortet sie dann. "Von deinem Gefühl, deiner Leistung, deiner Bereitschaft - und nicht zuletzt von deiner familiären Situation." Und die ist nicht immer einfach. Sie hat schon von Fällen gehört, in denen die Familie die Jugendlichen gedrängt hat, die Ausbildung aufzugeben und statt dessen einen besser bezahlten Job anzutreten - mit weniger Perspektive.

Um das zu vermeiden, setzt sie auf Aufklärung. Seit einiger Zeit ist sie Schulpatenschaften mit Schulen in der Region eingegangen. Immer wieder interessieren sich die Schüler für ein Praktikum im Hotel. Claudia Clewing-Schulze gibt jedem Schüler dieser Schulen eine Praktikums-Garantie. Fünf Tage Zeit, um sich zu bewähren. Fünf Abteilungen - eine Chance.

Am Ende steht das Gespräch mit der Direktorin. Und im besten Fall die Zusage für einen Ausbildungsplatz. So wie für den jungen Flüchtling Maqsoud. Er ist erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Inzwischen hat er seinen Hauptschulabschluss nachgeholt. Durch eine Kooperation mit der Jugendhilfe hat er die Chance auf einen Ausbildungsplatz im Hotel bekommen - und genutzt. Er ist heuer Azubi im zweiten Lehrjahr. Und glücklich.

© SZ vom 04.03.2015
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