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Ausbau der Bildungslandschaft:Stunde der Entscheidung

Hohenbrunn und Höhenkirchen-Siegertsbrunn buhlen um die neue Realschule im südöstlichen Landkreis. Beide Gemeinden glauben, den idealen Standort für das Projekt zu haben. An diesem Mittwoch kommt es zum Showdown zwischen den Kontrahenten

Von Stefan Galler, Höhenkirchen/Hohenbrunn

Eine Präferenz lässt sich Christoph Göbel nicht entlocken: "Ich bin der Landrat für alle 29 Kommunen, deshalb werde ich auch gewiss nicht Partei für eine der beiden Gemeinden ergreifen", sagt der CSU-Politiker. Denn an diesem Mittwoch stehen sich in der Sitzung des Zweckverbands Staatliche weiterführende Schulen im Südosten des Landkreises München tatsächlich zwei Kontrahenten gegenüber wie im guten alten Wildwest-Film: Höhenkirchen-Siegertsbrunn und Hohenbrunn wollen jeweils Standort einer neuen Realschule werden, die dringend nötig ist, weil die bestehende in Neubiberg aus allen Nähten platzt. "Ich habe ein klares Interesse, dass so schnell und wirtschaftlich wie möglich gebaut wird. Und dann werden wir die bestmögliche Entscheidung für die Schülerinnen und Schüler treffen", so der Landrat.

Vor dem Showdown zeigen sich beide Seiten optimistisch, die besseren Argumente liefern zu können. Von der Pole Position geht Höhenkirchen-Siegertsbrunn ins Rennen: Der Kreistag hatte sich ursprünglich für diesen Standort entschieden, vom bayerischen Kultusministerium liegt eine Genehmigung für eine Realschule in der Gemeinde vor. Umstritten war allerdings lange, wo im Ort sie gebaut werden soll. Nach mehrjährigen erbittert geführten Debatten ist diese Frage geklärt: Neben die Erich-Kästner-Grund- und Mittelschule an der Brunnthaler Straße. Die verkehrliche Anbindung am Ortsausgang sei alles andere als optimal, sagen Kritiker, die die Realschule lieber neben dem Gymnasium am S-Bahnhof gesehen hätten. Hier habe die Nachbarkommune einen deutlichen Vorteil, denn diese hat sich das neu ausgewiesene Wohngebiet "Westlich der Bahn" direkt neben der S-Bahnstation Hohenbrunn als Standort ausgeguckt. Für einzelne Zweckverbandsmitglieder das entscheidende Argument.

Ein weiteres ist die Kostenrechnung, wonach der Bau an der Brunnthaler Straße etwa 20 Millionen Euro teurer kommen würde, als wenn man das Gebäude neben dem Gymnasium platziert hätte. Bürgermeisterin Mindy Konwitschny (SPD) ist dennoch guter Dinge, was die Entscheidung im Zweckverband angeht. Vor allem die Synergieeffekte auf dem geplanten Schulcampus wecken bei ihr die Hoffnung auf Kosteneinsparungen und damit den endgültigen Zuschlag. "An der Erich-Kästner-Schule muss einiges getan werden, wir brauchen einerseits mehr Klassenräume anstelle der aktuellen Containerlösung und auch eine neue Turnhalle", sagt die Rathauschefin. Derzeit müssten die Kinder zum Sportunterricht immer in die Sigoho-Marchwart-Grundschule laufen. Genau dieser Bedarf würde bedeuten, dass die Gemeinde als Sachaufwandsträger für Grund- und Mittelschulen sowieso mehr Geld in die Hand nehmen müsste, um neben der neuen Realschule diese Modernisierung stemmen zu können - und dafür staatliche Förderung erwarten könnte.

Gerade bei der Turnhalle könne man dadurch immens Kosten einsparen, so Konwitschny, anstatt einer Zweifachhalle für die Realschule würde dann eben eine Drei- oder Vierfachhalle entstehen. Dazu kämen Synergiepotenziale bei der Mensa. "Da ist man gleich mal bei ein paar Millionen Euro." Zudem könne man gleich loslegen, die Änderung im Flächennutzungsplan sei vom Gemeinderat beschlossen. "Es ist für uns essenziell wichtig, dass die Entscheidung schnell getroffen wird", sagt die Bürgermeisterin, der Kritiker nachsagen, sie sei womöglich gar nicht so scharf auf die Realschule. "Wenn eine demokratische Entscheidung wie in unserem Fall getroffen ist, dann hänge ich mich für die Realisierung mit 120 Prozent rein. Ich stehe voll hinter der Schule."

Das gilt mittlerweile auch für viele von denen, die sich ursprünglich gegen den Standort Brunnthaler Straße ausgesprochen hatten. Gemeinderat Otto Bußjäger (Unabhängige Bürger) etwa, der folgende Ansicht vertritt: "Teurer als eine Schule im eigenen Ort ist nur eine Schule im Nachbarort." Bußjäger hat Zweifel, dass die Schule in Hohenbrunn den Zweckverband billiger kommen würde als jene in seiner Gemeinde. Vor allem aber habe Höhenkirchen einen klaren Zeitvorteil: "Da die Bauleitplanung schon läuft, haben wir einen Vorsprung von fünf Jahren gegenüber Hohenbrunn." Das oft gegen den Standort ins Feld geführte Argument, der 900 Meter lange Weg vom S-Bahnhof zur Schule sei auswärtigen Kindern nicht zuzumuten, entkräftet Bußjäger mit Blick auf den Konkurrenten: "Dort ist die Schule zwar am Bahnhof geplant, aber auf der anderen Seite der Gleise. Da gehen die Kinder auch ein paar hundert Meter."

Hohenbrunns Bürgermeister Stefan Straßmair (CSU) lässt diese Argumente nicht gelten. Statt von fünf Jahren spricht er von anderthalb. "Es kann auch bei uns sehr schnell gehen, wir haben eine freie Fläche, mit dem Eigentümer sind wir in guten Gesprächen und der Gemeinderat ist gewillt, einen Aufstellungsbeschluss zu verabschieden", sagt der Rathauschef, der seine Kommune auch wegen des Standorts an der S-Bahn im Vorteil sieht, selbst wenn der Fußweg vom Bahnhof zur Schule erst noch erschlossen werden müsste. "Der Ausbau des Bahnhofs ist sowieso überfällig und selbstverständlich werden wir dann auch die Westseite anschließen. Ohne direkten Zugang hätten wir den Standort dem Zweckverband nicht angeboten."

Ein weiteres Argument für einen Realschulbau in Hohenbrunn ist die angedachte Kooperation mit der Montessorischule, die derzeit im Gewerbegebiet Riemerling angesiedelt ist und deren Mietvertrag 2026 ausläuft. Straßmairs Stellvertreterin Anke Lunemann (Grüne), die früher im Vorstand der Montessorischule saß, hatte vor einigen Wochen eine Synergielösung ins Spiel gebracht. Diese konkretisiert sich nun offenbar: "Der Vorstand ist auch mit Haar in Gesprächen, sieht aber Hohenbrunn absolut als Wunschort", sagt die Zweite Bürgermeisterin. Die Schulen könnten sich Sportstätten, Mittagsbetreuung, Mensa, Fachräume, Schulsozialdienst und womöglich auch die Ganztagesbetreuung teilen. "Wir bräuchten nur eine Baugrube, einen Architektenwettbewerb und nur eine Projektsteuerung", sagt Lunemann. Platz genug wäre auf dem 55 000 Quadratmeter großen Grundstück. Was die Finanzen angeht, sei die Montessorischule ein "sehr wohlhabender" Partner, der aktuell für seine Räumlichkeiten einen mittleren fünfstelligen Betrag als Monatsmiete überweist.

Bürgermeister Straßmair ist von einer möglichen Kooperation begeistert: "Eine Partnerschaft zwischen privater und staatlicher Schule kann ein Leuchtturmprojekt werden. Auf jeden Fall wäre das toll für unsere Bildungslandschaft."

© SZ vom 23.11.2020
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