„Panta rhei“ – alles fließt. So brachte Platon die Lehre seines Philosophen-Kollegen Heraklit auf einen knappen Nenner. Der Gedanke, dass alles Sein stets im Werden ist, steter Entwicklung unterliegt, man niemals in denselben Fluss steigt, ist nicht nur zu einer prägenden philosophischen Grundidee geworden. Veränderung ist auch ein zentrales Thema der Menschheitsgeschichte. „Die Geschichte der Menschheit war immer geprägt durch Umbrüche, auch hier in der Region“, sagt Anja Pütz. Die Archäologin leitet seit 2004 das historische Museum von Aschheim.
In dem kleinen, sehr sorgsam kuratierten Museum, das sich der 4500-jährigen Siedlungsgeschichte der knapp 10 000 Einwohner zählenden Gemeinde nordöstlich von München widmet, unternimmt Pütz einen spannenden Versuch. Sie setzt die historischen Fundstücke – Mahlsteine aus der späten Bronzezeit, Keramikgefäße aus dem frühen Mittelalter, kunstvolle keltische Gewandnadeln, Werkzeuge aus römischen Siedlungen – in Beziehung mit Arbeiten des zeitgenössischen Bildhauers Bernhard Süßbauer.
Kunst und Historie treten auf diese Weise in einen wortlosen und zugleich äußerst befruchtenden Dialog. Süßbauer, geboren 1957 in München, stellt den Menschen und seine Gefühlswelt ins Zentrum seiner Arbeit. Aus Holz, Gips, Bronze oder Pappmaché schafft er Figuren und Skulpturen, die Leichtigkeit und Ausdrucksstärke vereinen. Sie fügen sich zum Teil in die Zeugnisse aus der Vergangenheit ein, als seien sie für diesen Zweck bestimmt. Die Figurengruppe „Auf steinigem Weg“ ist aufgebrochen in eine unbekannte Zukunft an einem noch fremden Ort, vielleicht bangend ob der Dinge, die sie erwarten werden, doch mit festem Schritt.
So ähnlich kann man sich wohl die Ankunft der ersten Menschen vorstellen, die vor etwa 4600 Jahren die Region um das heutige Aschheim besiedelten. In ihrer Heimat gab es fruchtbare Ackerböden, in der kargen Schotterebene am Rand des Erdinger Mooses mussten sie erst einmal die Erde urbar machen, um sich ein Auskommen, eine Zukunft zu schaffen. „Ein neuer Anfang ist schwer, aber er birgt auch eine Chance“, sagt Pütz.

Völkerwanderungen, Migrationsbewegungen sind durch die Historie immer wieder zu beobachten, ausgelöst durch verschiedenste Gründe: kriegerische Auseinandersetzungen, klimatische Veränderungen, neue Handelswege, Imperialismus. „Das ist ein Aspekt, der immer wieder in der Geschichte der Menschheit vorkommt“, sagt Pütz. Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus setzen etwa die sogenannten keltischen Wanderungen ein. Aus dem süddeutschen Raum heraus besiedeln Kelten große Flächen in Europa. Ihre Spuren sind noch heute zu finden, auch in der Region um Aschheim herum.
Die keltische Gesellschaft wiederum geriet in Umbruch, als die Römer im zweiten bis ersten Jahrhundert vor Christus aus dem Süden heranrückten. Für die Präsenz der römischen Siedler und ihren Einfluss auf die Lebensweise der Kelten gibt es zahlreiche historische Belege. Mit welchen Gefühlen die Menschen das Herannahen der Neuankömmlinge erwarteten und was deren Ankunft für ihr Leben bedeutete, lässt sich aber aus den gefundenen Keramiken und Werkzeugen nicht herauslesen.
Hier eröffnet wiederum die Kunst einen anderen Blick. Eine hölzerne Frauenfigur sitzt am Boden, sie schaut nach oben, betrachtet den Himmel, die Sterne. Sie wirkt erwartungsvoll, gespannt und reflektiert so jene Ungewissheit, die auch die Kelten empfunden haben mögen im Anblick der herannahenden Veränderung.

Die Kunstwerke, ohne Titel Spielraum lassend für die Interpretationen und Gedanken der Betrachtenden, korrespondieren mit den säuberlich kategorisierten Fundstücken. Sie machen die toten Scherben vom reinen Museumsobjekt zum Bestandteil eines lange vergangenen menschlichen Lebens. Damit eröffnen sie neue Wege, die Geschichte zu begreifen, weiten den Blick für Gefühle und Lebensumstände der Vorvorfahren. Und die Historie rückt sogleich einen Schritt näher an den Betrachter heran: Das ist einst hier geschehen, hier, ganz nah.
„Leben ist mehr als das, was wir zu wissen meinen, mehr als Zahlen und Fakten“, sagt Anja Pütz. „Wir wollten den Blick öffnen, auch für das Dahinter.“ Was bleibt von einem Menschenleben, wenn es zu Ende geht? Die Archäologie deutet die Spuren, die frühere Anwohner hinterlassen haben, meist in ihrer Bedeutung für das Ganze. Wie hat eine Gesellschaft früher funktioniert? Wie haben „die Menschen“, die Kelten, die Römer in der Region gelebt, sich entwickelt? Was aber hat der Einzelne empfunden, erlebt, woran ist er gewachsen? Solche gedanklichen Brücken kann die Kunst bauen.
Archäologin Pütz zieht den Kreis noch weiter. Auch unser heutiges Sein sei stets im Werden. Die Erkenntnisse aus Archäologie und Geschichtswissenschaft könnten Orientierung sein für die Gegenwart wie auch für Zukunftsentscheidungen. Und sie könnten Hilfestellung geben, das Heute vielleicht weniger panisch zu betrachten, meint Pütz: „Die Geschichte lehrt uns: Es geht immer weiter – nur eben anders.“
Die Sonderausstellung „Wege finden – Skulpturen von Bernhard Süßbauer im Dialog mit der Aschheimer Geschichte“ ist von 27. Oktober 2025 bis zum 18. Januar 2026 im Aschheim-Museum zu sehen. Nähere Informationen unter www.aschheimuseum.de.

