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Artenschutz:Springfrösche bremsen Umfahrung aus

Vision der ortsnahen Umfahrung von Hohenschäftlarn auf der Variante B durch die Flur.

So könnte die Umfahrung einmal aussehen. Doch die Entdeckung von seltenen Fröschen am Möslweiher verzögert die Planungen. Simulation: Bürgerinitiative/oh

Nachdem am Möslweiher seltene Arten gefunden wurden, verzögert sich der geplante Straßenbau bei Schäftlarn um weitere zwei Jahre. Landwirte, die das Projekt ohnehin skeptisch sehen, müssen einem Krötenzaun zustimmen

Von Marie Heßlinger, Schäftlarn

Das Knattern des Mofas, mit dem der Landwirt seinen Kühen in den Stall folgt, entfernt sich. "Dass ich kein Freund der Umgehungsstraße bin, das wissen Sie ja", hat er noch gesagt. Kaum mehr. Novemberregen tröpfelt auf das Laub, Autos rauschen in der Ferne vorbei. Zweige und grauer Himmel spiegeln sich zwischen dem Schilf im Möslweiher bei Hohenschäftlarn. Einzig die froschähnlichen Astaugen eines Baumstammes erinnern daran, dass hier zwei der seltensten Froscharten Deutschlands Frühjahrs- und Sommerkonzerte gehalten haben. Der Bau der Schäftlarner Umgehungsstraße wird sich deshalb um mindestens zwei weitere Jahre hinauszögern. Denn nun müssen mehr als zehn Landwirte einem Froschzaun zustimmen.

"Es ist schon eine sensible Sache", sagt Andreas Porer, neuer Bauamtsleiter der Gemeinde. Mehr als zehn Jahre hatte Schäftlarn wieder und wieder über eine Umgehungsstraße diskutiert, die den Ortskern entlasten sollte. Im Mai 2019 stimmte eine Mehrheit in einem Bürgerentscheid für die Wiesenvariante. Die Gemeinde beeilte sich, die Planungen voranzutreiben, und ließ die Umweltplanungsfirma GFN untersuchen, ob durch das Straßenbauprojekt besondere Tiere gefährdet würden.

Im Frühjahr dieses Jahres stellten die Umweltprüfer Krötenzäune um den Möslweiher nordöstlich von Hohenschäftlarn auf - und prompt plumpsten rund 300 Amphibien in ihre Eimer, darunter Grünfrösche und Erdkröten sowie 193 Springfrösche. Im Juni entdeckte das Biologenteam von GFN außerdem vier rufende Laubfrösche.

Spring- und Laubfrösche gelten nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU als schützenswert. Dass es nur noch wenige ihrer Art gibt, liegt daran, dass die besonders sensiblen Tiere immer weniger Gewässer finden, in denen sie laichen können. Viele Weiher sind von Pflanzenschutzmitteln und Dünger vergiftet, andere werden verschüttet, und zu wieder anderen wird den Fröschen der Weg versperrt. Große Straßen sind ein Hindernis, auf denen die Weitspringer plattgewalzt werden. Und ein solches könnte ebenjene Umgehungsstraße darstellen, die zwischen A 95 und Bundesstraße 11 gelegt werden soll, damit Autofahrer nicht mehr auf der Starnberger Straße in Schäftlarn Schlange stehen.

Dass die Ortsumfahrung über die Felder gebaut wird, steht außer Frage. Zur Debatte steht allerdings, ob zusätzlich ein Tunnel oder eine Brücke gebaut werden muss, damit die kleinen Hüpfer gefahrlos die Straße überqueren können. "Amphibien überwintern in Wäldern und laufen dann von ihren Winterquartieren im Frühjahr zu ihrem Laichgewässer", sagt Umweltplaner Bahram Gharadjedaghi, Inhaber von GFN. Wäre die Ortsumfahrung eine Gefahr? Auf der anderen Seite der geplanten Ortsumfahrung liegt ein großes Waldstück, das sich wie ein C von Nordwesten um Schäftlarn legt. Möglicherweise dient es den Fröschen als Winterversteck.

In einer weiteren Untersuchung muss das Umweltplanungsbüro herausfinden, ob die Tiere tatsächlich über die Umgehungsstraße hüpfen würden. Theoretisch könnten Gharadjedaghi und sein Team bereits im nächsten Jahr damit beginnen, neue Froschzäune entlang der geplanten Ortsumfahrung aufzustellen. Doch der Zaun würde, wie die Straße, über die Grundstücke von rund 15 Landwirten führen, schätzt man im Bauamt. Und deswegen will man die Sache ganz vorsichtig angehen. Erst 2022 soll der Krötenzaun für die weitere Froschzählung bereitstehen. Im kommenden Sommer möchte das Schäftlarner Rathaus die Gespräche mit den Landwirten suchen.

© SZ vom 10.11.2020/lb
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