Armut im Landkreis Reparaturbetrieb der Gesellschaft

Ob Sozial- und Schuldnerhilfe oder Essensausgabe - die Caritas sieht sich gefordert

Von Irmengard Gnau, Landkreis

Ob es die Zweijährige in einer der 13 Kindertageseinrichtungen im Landkreis ist, die Familie, die in der Beratungsstelle in Taufkirchen Unterstützung sucht, oder der Hochbetagte, der die Hospizbetreuung in der eigenen Wohnung nutzt - mit ihren Angeboten begleitet die Caritas die Menschen sprichwörtlich "von der Wiege bis zur Bahre". Wie vielfältig die Dienste des katholischen Trägers im Landkreis inzwischen sind, wurde am Donnerstag bei der Präsentation der Jahresbilanz für 2018 deutlich. Ebenso klar wurde allerdings, dass in dem wohlhabenden Landkreis München immer mehr Menschen sich das Leben nicht mehr gut leisten können: Gerade in der Sozialberatung und der Schuldnerberatung verzeichnet die Caritas eine deutliche Nachfragesteigerung.

1425 Frauen und Männer haben im vergangenen Jahr bei der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas Rat gesucht, gut zwölf Prozent mehr als 2017. Darunter sind auch immer häufiger Ältere. "Mehr und mehr Rentner brauchen Hilfe, weil die Rente den Bedarf nicht mehr deckt", sagt Matthias Hilzensauer, Kreisgeschäftsführer der Caritas. Aber auch viele Haushalte mit minderjährigen Kindern sind betroffen. Die Hintergründe für eine Überschuldung sind vielfältig, ein Element belastet die meisten: die hohen Mieten in der Region München. Stirbt in dieser Situation der Partner, sodass nur eine kleine Rente bleibt, verliert jemand seinen Arbeitsplatz oder trennen sich Eheleute, droht rasch der Wohnungsverlust, weil einer alleine die monatliche Miete nicht mehr stemmen kann. Aus dieser Überforderung geraten viele dann in die Überschuldung. Bei vielen Klienten addierten sich die Probleme auf, bilanzierte die stellvertretende Kreisgeschäftsführerin Antje Spilsbury: "Das ist eine Spirale, die durchbrochen werden muss." In ihren Schuldnerberatungsstellen in Haar, Unterschleißheim, Taufkirchen und Ottobrunn sucht die Caritas mit den Betroffenen nach Auswegen.

Für die Sicherung von Existenzen und gegen Armut kämpft die Caritas mit ihren sozialen Diensten. Auch in diesem Bereich sei der Bedarf im Landkreis in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, berichtete Hilzensauer. Allein an den sieben wöchentlichen Lebensmittelausgaben, Tische genannt, versorgten ehrenamtliche Helfer im vergangenen Jahr knapp 850 Erwachsene und 277 Kinder. Und Hilzensauer blickt mit Sorge in die Zukunft. "Wenn in einigen Jahren die Generation Ich-AG aus der Erwerbstätigkeit ausscheidet - die haben keine Rente", gab er zu bedenken - ein großes Problem, das auf Gesellschaft wie auf Wohlfahrtsverbände zukomme.

Daneben bekommt die Caritas wie andere Einrichtungsträger sowohl im Bereich Kinderbetreuung wie auch im Bereich Altenpflege den herrschenden Fachkräftemangel zu spüren. 300 Mitarbeiter sind in den 13 Caritas-Kitas im Landkreis tätig, 2018 aber konnte man 25 Vollzeitstellen nicht besetzen, sagte Hilzensauer. Ein Springer-Pool hilft, die ärgsten Löcher zu stopfen, doch das Grundproblem bleibt. Mehr Fachkräfte würde die Caritas auch gerne in der Asylsozialberatung einsetzen. "Auch wenn das Thema aus dem öffentlichen Fokus verschwunden ist - die Menschen sind immer noch hier", sagte Spilsbury. Vor allem mehr psychotherapeutische Angebote für die vielen Geflüchteten mit traumatischen Erfahrungen wünscht sie sich - ohne diese Hilfen könne eine langfristige Integration nicht gelingen.

Beim Grundproblem Wohnungsnot sieht Hilzensauer neben den Kommunen und dem Bund auch seinen obersten Dienstherrn in der Pflicht. Die Kirche besitze viele Grundstücke im Landkreis, die sie für Wohnungsbau zur Verfügung stellen könnte.

Die Adressen der einzelnen Beratungsangebote finden sich im Internet unter www.caritas-landkreis-muenchen.de/angebote.