Architektur Die Formel für Heimat

Das Ortsbild erhalten: Die Oberhachinger Satzung soll kein Knebel sein, wird vom Bürgermeister aber als unverzichtbar angesehen.

(Foto: Stefanie Preuin)

Oberhaching gibt mit seiner Ortsgestaltungssatzung genau vor, welche Farbe die Häuser und welche Neigung die Dächer haben müssen. Jetzt wurde das Regelwerk, das anderen Gemeinden als Vorbild dient, überarbeitet.

Von Iris Hilberth, Oberhaching

Flachdach oder Satteldach, Thujenhecke oder einheimische Gehölze, rote oder blaue Ziegel, vielleicht zur Abwechslung auch mal eine Fassade aus Edelstahl? Manche Fragen stellen sich in Oberhaching für Bauherren gar nicht erst, denn ein Blick in die Ortsgestaltungssatzung reicht, um festzustellen, dass man hier genaue Vorstellungen davon hat, wie die Gemeinde aussehen soll. Überschrieben sind die Vorgaben für das Ortsbild mit "voralpenländische Prägung", was aber nicht bedeute, "dass wir den Leuten vorschreiben, ein Jodelhaus zu bauen", stellt Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) klar.

Fast vier Jahre lang hat die Verwaltung die vor 40 Jahren beschlossene und 1995 angepasste Satzung neu überarbeitet. Ziel war vor allem "mehr Klarheit zu schaffen", sagt Schelle. Am Dienstag hat der Gemeinderat einstimmig das neue Regelwerk beschlossen, es tritt zum 1. Januar in Kraft.

Das Ortsbild erhalten: Die Oberhachinger Satzung soll kein Knebel sein, wird vom Bürgermeister aber als unverzichtbar angesehen.

(Foto: Stefanie Preuin)

Wenn Schelle über die örtliche Ortsgestaltungssatzung spricht, dann landet er meist sehr schnell bei "Asterix und die Trabantenstadt". So wie der berühmte Gallier hätten einst auch die Oberhachinger verhindert, dass ihr Dorf eine gesichtslose Vorstadt von München wird, findet der Rathauschef und schlägt sogleich den Bogen zurück in die frühen Siebzigerjahre. Damals prognostizierte man Oberhaching, zur Jahrtausendwende 80 000 Einwohner zu haben, mit Hochhaussiedlungen und Gewerbegebieten.

Wollen wir das, habe sich der damalige Bürgermeister Nikolaus Aidelsburger gefragt und ist gemeinsam mit den Bürgern zu dem Schluss gekommen: Nein, das wollen wir nicht. So hat man früh die Entwicklung in eine andere Richtung gelenkt und einen Oberhachinger Masterplan unter dem Motto "Identität statt Anonymität" erdacht: die Ortsgestaltungssatzung. Die Verordnung hielt schließlich sogar vor dem Bundesverfassungsgericht stand und ist laut Schelle in Juristen- wie in Architektenkreisen bekannt.

"Das mag nach provinziellem Tüpferlscheißen klingen, ist es aber nicht"

So geht es beim Bauen in Oberhaching etwa darum, "die traditionellen Bauelemente wesensmäßig zu erfassen und in zeitgemäße Formen zu übersetzen". Die Gebäude müssen sich in die umgebende landschaftliche und städtebauliche Situation einfügen und das Zusammenwirken von Gebäude und Vorgarten soll "harmonisch" sein. Was das genau bedeutet, ist detailliert aufgelistet: klare, rechteckige Baukörper, Dachneigung von 20 bis 27 Grad, ausschließlich weiße Putzfarben, gärtnerisch gestalteten Vorgärten. "Das mag nach provinziellem Tüpferlscheißen klingen, ist es aber nicht", sagt Schelle.

Man wolle die Menschen mit solchen Leitlinien nicht ärgern, allerdings seien klare und enge Grenzen notwendig. "Wenn Ausnahmen zur Regel werden, ist es nicht mehr steuerbar." Man merkt, dass ihm die Erhaltung der Attraktivität Oberhachings und die Weiterentwicklung im Sinne seines Vorgängers Aidelsburger eine Herzensangelegenheit ist, dass diese Ortsgestaltungssatzung für einen Bürgermeister von Oberhaching mehr als nur eine von vielen Vorschriften ist, sondern vielmehr die Philosophie des Dorfes.

Daher soll es bei der Gestaltung des Ortsbildes nicht um eine Geschmacksfrage gehen; es geht auch darum, die Attraktivität des Ortes zu sichern, Identität zu stiften und das soziale Miteinander zu fördern. Denn wo keine hohen Einfriedungen existieren, kommunizieren die Menschen miteinander. Es geht weder darum, Wohnraum zu schaffen, noch darum, Wachstum zu verhindern. Es geht allein um die Gestaltung. "Und das ist harte Arbeit", sagt Bürgermeister Schelle. Längst interessierten sich auch andere Kommunen für den Oberhachinger Weg.

Das Regelwerk musste nun aber erneut angepasst werden, weil sich Materialen beim Bau ändern, weil sich die Gesetzgebung weiterentwickelt und weil Unklarheiten beseitigt werden mussten. Denn was heißt es schon, wenn die Satzung vorschreibt, etwas "anzustreben" oder zu "bevorzugen"? Die Version 2019 hat nun klarere Formulierung, einige sind auch aus den Erfahrungen der Bauabteilung in den vergangenen 20 Jahren entstanden. Wesentliche Änderungen gibt es bei den Dachaufbauten und den Abgrabungen.

Es sei kaum zu glauben, mit welchen Ideen die Leute zu ihm kämen, sagt Schelle. Vergessen werde er zum Beispiel niemals das "nach innen geneigte Satteldach". Problem sei eben auch, dass die Leute heute "jeden Mist kaufen", auch steige der Egoismus mit dem Bankkonto. "Wir können den Leuten nicht vorschreiben, wie sie ihr Bad fliesen", sagt er, "aber wenn Bauen eine öffentliche Wirkung hat, ist es nicht mehr nur Privatsache".

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