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Architektouren:Skulpturentanz vor der Glasfront

Der neue Veranstaltungssaal des Verlags "Wort & Bild" in Baierbrunn bietet Aussicht auf Kunst und einen Park, der die Harmonie mit der umliegenden Natur anstrebt. Er kann bei den Architektouren besichtigt werden

Die Kantine der ehemaligen Microsoft-Zentrale in Unterschleißheim, die Grundschule in Sauerlach und ein Konzertsaal mit einem Park voller Skulpturen in Baierbrunn. Diese drei Projekte im Landkreis München haben eines gemeinsam: Sie wurden in den vergangenen Jahren neu gebaut oder grundlegend renoviert und sind heute der ganze Stolz ihrer Architekten. Die haben wie jedes Frühjahr auch 2019 die Möglichkeit, sich mit ihren Projekten bei den "Architektouren" zu bewerben und somit ihre Türen für alle Bürger zu öffnen, die an diesem Wochenende, 29. und 30. Juni, die neuesten Bauwerke in der Umgebung besuchen möchten.

"Es war ein sehr intensives Projekt, wir haben schließlich sieben Jahre damit verbracht. Da fühlt man sich auch nach Bauende immer noch sehr verbunden mit einem Ort", sagt Johannes Baumstark und streicht mit der Hand über eine blau-violette Katzenminze. Es ist halb neun Uhr morgens und der Architekt blinzelt gegen die Sonne an während er die Stufen des Skulpturenparks auf dem Gelände des Wort & Bild Verlags hinunter geht. Die Grünanlage und der dahinter liegende Konzertsaal wurden von ihm mitkonzipiert, sie sind zwei von insgesamt neun Bauwerken, die im Landkreis München bei den Architektouren 2019 mitmachen.

Doch auch bunte Wildblumenwiesen erfreuen hier den Anblick.

(Foto: Claus Schunk)

Insgesamt können in diesem Jahr 244 Projekte über das ganze Bundesland verteilt angeschaut werden, von sanierten öffentlichen Gebäuden über neu gebaute Privathäuser bis hin zu Grünanlagen ist alles dabei. So auch der kleine Park im Herzen Baierbrunns, in dem die Mitarbeiter des Verlags "Wort & Bild" häufig ihre Mittagspausen verbringen. Hier führen zwei steinerne Treppen den bewachsenen Hang hinter dem weißen Neubau hinunter, an ihrem Ende tanzen auf einem Plateau vier lebensgroße Skulpturen miteinander. "The Dancers" heißt das aus Bronze geschaffene Kunstwerk des US-Amerikaners George Segal. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet sein Werk im Mittelpunkt der sieben durch den Park verbunden Verlagsgebäude steht: "Die Skulpturengruppe verbindet die zwei großen Leidenschaften des Verlag-Gründers Rolf Becker - die Musik und die Kunst", sagt Baumstark und lässt den Blick schweifen.

Zwar sehen Teile des Gartens mit seiner Wildblumenwiese, dem kleinen Bienenhäuschen und dem fließenden Übergang in die Wildnis des Isar-Hochufers nicht danach aus, aber hier ist jeder Zentimeter durchgeplant. "Der Chef des Verlagshauses hatte mit über 90 Jahren noch sehr genaue Vorstellungen, wie er sich den Neubau seiner Firma vorstellt. Das ist dann als Architekt manchmal gar nicht so einfach", erzählt Baumstark, der mit Martin Bielmeier ein Architekturbüro in Schwabing betreibt. So wurde der Park von einer Landschaftsarchitektin mit so vielen verschiedenen Blumenarten bepflanzt, dass zu fast jeder Zeit im Jahr eine oder mehrere davon blühen. Zudem soll durch eine spärliche Beleuchtung der Steintreppen die Artenvielfalt des angrenzenden Geudergrabens nachts nicht gestört werden.

Wenn die Mitarbeiter des Verlags im Skulpturenpark lustwandeln, sehen sie beeindruckende Plastiken renommierter Künstler.

(Foto: Claus Schunk)

Baumstark deutet auf eine Hortensie und schmunzelt. "Dass die Blumen hier so viel in Blau und Weiß gehalten werden, ist übrigens in der Liebe des verstorbenen Verlegers zu seiner Heimat Bayern begründet", erzählt er und geht die untersten Stufen der Treppe hinab, bis er vor zwei hohen bronzenen Flügeltüren steht. Sie sind der Eingang zum Irenensaal, dem neuen Konzertsaal des Verlags. "Das Projekt war für uns besonders anspruchsvoll, da wir uns abgesehen von der Statik durch den Bau in einem Hang auch erst einmal mit der Akustik des Saals auseinandersetzen mussten", sagt Baumstark, dem vor allem eine Problematik gut in Erinnerung geblieben ist: "Der Raum ist nicht nur für Konzerte ausgelegt, sondern es finden hier auch regelmäßig Besprechungen und Seminare für die Mitarbeiter dort statt. Das sind zwei völlig unterschiedliche Anforderungen an eine Location", erklärt der Münchner und deutet auf die Vertäfelung an den Seiten des Saals. "Wir haben hinter den Holzlamellen ein Art Vorhang eingebaut, so dass man die Akustik verändern kann, je nachdem was für eine Veranstaltung gerade stattfindet", sagt der Architekt und ist froh, die baulichen Wünsche des Verlagschefs in dessen letzten Lebensjahren erfüllt zu haben.

So war es schon lange Beckers Traum, einen privaten Konzertsaal bauen zu lassen. Zwar starb er ein Jahr nach dem offiziellen Baubeginn, seine Vorstellungen indes waren da bereits bis zum letzten Detail ausformuliert. "Das wohl Außergewöhnlichste an dem Neubau ist die Aussicht. Es gibt ein paar Konzertsäle in Deutschland, bei denen man ins Grüne schaut, aber es sind nicht viele. Das alles hier ist etwas Besonderes", sagt Baumstark und schaut durch die 22 Meter lange Glasfront nach draußen auf die tanzenden Skulpturen.

Der Irenensaal ist ein lichtdurchfluteter Raum mit raffiniert konzipierten akustischen Gestaltungsmöglichkeiten.

(Foto: Claus Schunk)

Sie sind nur eines von zahlreichen Kunstwerken, die Becker im Laufe seines Lebens gesammelt und in und vor den Häusern seines Unternehmens aufgestellt hat: Eines ist von Efeuranken umschlungen, ein anderes steht gold glitzernd auf dem Dach der Tiefgarage, das dritte liegt vor dem Haupteingang. Und ein paar Skulpturen stehen inmitten der Wildblumenwiese, als wären sie auch eines Tages einfach dort aus dem Boden gewachsen.