Bauen:Wer nicht barrierefrei plant, muss kreativ sein

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Bauen: Im besten Fall werden Wohnungen von Anfang an barrierefrei oder rollstuhlgerecht geplant.

Im besten Fall werden Wohnungen von Anfang an barrierefrei oder rollstuhlgerecht geplant.

(Foto: Rupert Oberhäuser/imago)

Eine Beraterin der Architektenkammer gibt in Höhenkirchen-Siegertsbrunn Tipps zur Gestaltung von Wohnungen für Senioren und Behinderte.

Von Angela Boschert, Höhenkirchen-.Siegertsbrunn

Wie kann ich mein Haus, meine Wohnung bauen oder umgestalten, um auch im Alter oder mit einer Behinderung dort möglichst lange zu wohnen? Antworten darauf gab Susanne Moog von der Bayerischen Architektenkammer kürzlich in Höhenkirchen-Siegertsbrunn. Unter dem Titel "Zukunftsorientiertes Wohnen, länger zu Hause daheim" vermittelte sie, dass Menschen jedes Alters früh an später denken und Wohnungen oder Häuser von Anfang an altersgerecht und barrierefrei planen sollten.

Eingeladen ins Kinderhaus Naturglück hatten Andrea Hanisch vom Verein Zukunft trotz Handikap (ZTH) und Christina Lorenz vom Ambulanten Senioren Service (ASS) der Gemeinde. Susanne Moog, die Innenarchitektin und ehrenamtliche Beraterin für Barrierefreiheit bei der Architektenkammer ist, erläuterte zunächst die rechtlichen Hintergründe. Artikel 48 der Bayrischen Bauordnung besagt: "In Gebäuden mit mehr als zwei Wohnungen müssen die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein." Das gelte zwingend für Neubauten. Aber auch in bestehenden Gebäuden möchte man die Wohn- und Schlafräume, Toilette, Bad, Küche sowie Wäschekeller oder Garage leicht und ohne fremde Hilfe erreichen. Insbesondere wenn die Beweglichkeit mit zunehmendem Alter oder durch einen Unfall eingeschränkt ist oder ein anderes Handicap wie eine Einschränkung des Gehör- oder Sehsinns oder der Sprechfähigkeit vorliegt. Zu beachten ist: Barrierefrei meint nicht rollstuhlgerecht, letzteres wird extra ausgewiesen.

Bauen: Susanne Moog berät bei der Anpassung bestehender Wohnungen an die Bedürfnisse von behinderten oder älteren Menschen.

Susanne Moog berät bei der Anpassung bestehender Wohnungen an die Bedürfnisse von behinderten oder älteren Menschen.

(Foto: Claus Schunk)

"Barrierefreiheit macht es einfacher für alle", sagte Moog und zeigte anhand von Fotos, wie man es nicht machen sollte. Da konnte man bei einem Mehrfamiliengebäude nicht erkennen, wo die Haustüre ist, da erreichte man diese nur über Stufen oder einen rumpeligen Weg. Wurden Stufen und Schwellen nicht vermieden, kann eine Rampe helfen, deren Neigung allerdings maximal sechs Prozent betragen darf. Reicht der Platz dafür an der Haustüre nicht, gelingt es oft, die Wohnung über die Terrasse zu erreichen, riet Moog.

Bei allen Fragen zur Barrierefreiheit beraten sie und viele Kollegen in insgesamt 18 Beratungsstellen in ganz Bayern, Moog selbst ist in Bad Tölz tätig. Bei der kostenlosen Erstberatung gibt es konkrete Hilfestellung und Orientierung zum weiteren Vorgehen, Pläne und Fotos sind dabei hilfreich. Die Architektenkammer bietet diesen Service seit mehr als 35 Jahren in Bayern an. Er hat bislang etwa in Berlin, Dresden und Mainz Nachahmer gefunden.

Es sei möglich, mit einigen Änderungen trotz Behinderung gut in der bisherigen Wohnung zurechtzukommen, sagte Moog. Sie empfahl aber, schon beim Bauen darauf zu achten, Stufen oder Schwellen vor der Eingangstüre zu vermeiden, Türen mit mindestens 80 Zentimeter - für Rollstuhlfahrer 90 Zentimeter - lichter Durchgangsbreite zu planen und gerade Treppen mit einem Meter Breite zur nachträglichen Montage eines Treppenlifts vorzusehen. Auf Bäder ging sie besonders ein. Wichtig sei, dass Badezimmertüren nach außen aufgehen, denn wer im Bad stürzt, könne vor der Türe liegen. "Die schieben sie nicht mehr auf dann", sagte Moog. Auch Rettungskräften sei dann der Zugang erschwert. Auch sollten bodengleiche Duschen eingeplant und bei Rigipswänden Unterkonstruktionen installiert werden, an die später einmal Haltegriffe neben das WC und in der Dusche montiert werden könnten.

"Nicht eben DIN-gerecht, aber barrierefrei. Und der Bewohner kann hier wohnen bleiben."

Doch auch wenn Gebäude nicht wie beschrieben zukunftsorientiert gebaut sind, finden sich Lösungen. Beeindruckend waren die Beispiele von Bädern, die durch Umbauten mit einem Rollstuhl nutzbar wurden. In einem Fall wurde die Dicke der Wände reduziert, um mit dem Rolli vor dem Waschbecken wenden zu können, in einem anderen in das enge schlauchförmige Bad eine bodengleiche Dusche zwischen Waschbecken und Toilette eingerichtet. "Nicht eben DIN-gerecht, aber barrierefrei. Und der Bewohner kann hier wohnen bleiben", sagte Moog. Gerade im Sanitärbereich gebe es viele einfache Möglichkeiten, man solle sich trauen, die Fachleute zu fragen. Auch der Einbau eines Treppenlifts in ein viel zu enges Treppenhaus kann gelingen. Solche Umbauten sind nicht gerade billig doch es gibt Fördermöglichkeiten durch Pflegekassen, die Förderbank KfW sowie die Wohnraumförderung des Landkreises. Sie sind abhängig vom Einkommen und müssen im Einzelfall genau ausgelotet werden.

Insgesamt müsse Wohnraum anders verteilt werden, fand Moog. Betrug die Wohnfläche je Einwohner in Bayern im Jahr 1960 noch 19 Quadratmeter, waren es 2014 rund 47 Quadratmeter, bei Senioren sogar 91, weil diese häufig alleine in großen Häusern leben. Man müsse nachhaltiger planen, etwa Mehrgenerationenhäuser oder Bauten, die horizontal oder vertikal "geteilt" werden könnten, sodass aus einem Familienhaus zwei eigenständige Wohnbereiche mit separatem Zugang werden könnten, damit eines Tages die Eltern oben wohnen und die Familie eines Kindes unten.

Einen kostenlosen Beratungstermin bei der Architektenkammer Bayern kann man anfragen unter Telefon 089/139 880 80 oder per E-Mail an info@byak-barrierefreiheit.de. Weitere Informationen gibt es unter www.byak.de/planen-und-bauen/beratungsstelle-barrierefreiheit.html.

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