Arbeitsmarkt "Wir brauchen flexible Arbeitszeiten"

Angela Inselkammer ist Chefin des Hotel- und Gaststättenverbandes.

(Foto: Claus Schunk)

Angela Inselkammer, Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes, über Fachkräftemangel und Wertschätzung

Von Iris Hilberth, Aying

Angela Inselkammer ist Geschäftsführerin des Brauereigasthofes Aying und Vorsitzende des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, Auszubildende und Fachkräfte für die Gastronomie zu finden.

SZ: Im Fernsehen laufen Kochshows mit hohen Einschaltquoten. Aber keiner will den Beruf mehr lernen. Warum?

Angela Inselkammer: Es ist nicht so, dass ihn keiner mehr lernen will. Wir haben immer noch 10 000 Lehrlinge für diese Berufe, das entspricht jedem zehnten Auszubildenden Bayerns. Aber wir haben einen Bedarf an noch mehr Auszubildenden, wie viele andere Branchen auch. Das liegt vor allem daran, dass der Tourismus boomt, es eröffnen jeden Tag neue Hotels. Nicht alle junge Menschen empfinden Mensch-zu-Mensch-Berufe als attraktiv, andere wollen gerade diesen Gästekontakt. Sicherlich, wer in diesen Berufen arbeitet, muss flexible Arbeitszeiten akzeptieren, wie zunehmend in vielen modernen Berufen.

Gibt es zu wenige Bewerber oder gibt es die falschen Bewerber?

Es gibt viele Bewerber, jedoch müssen diese auch in die Hotellerie und Gastronomie passen und geeignet sein. Gerade durch die Kochshows wird oft ein falscher Eindruck vermittelt, so dass es in den ersten Monaten immer wieder zu Abbrüchen in der Ausbildung kommt. Junge Menschen stellen dann fest, das ist jetzt doch nicht das, was ich gerne gemacht hätte. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass in Fernsehshows Arbeitsbedingungen gezeigt werden, die mit der Realität nicht deckungsgleich sind.

Wie viele Fachkräfte fehlen im Landkreis?

Wenn man zu einer Veranstaltung kommt, bei der Wirte anwesend sind, gibt es keinen einzigen, der ausreichend Mitarbeiter hat. Gerade in diesem herrlichen Sommer, in dem die Gäste nach Bayern kommen und alle Biergärten voll sind.

Was bedeutet das für die Betriebe?

Das ist langsam dramatisch, weil ich feststellen muss, dass viele Betriebe ihre Öffnungszeiten einschränken. Teilweise stellen sie sich auch um und konzentrieren sich nur noch auf Veranstaltungen, zu denen sie punktgenau Mitarbeiter einteilen können und sie nicht mehr vorhalten müssen. Ringsherum wird die Dienstleistung eingeschränkt. Der Unternehmer hat vor dem Hintergrund des starren Arbeitszeitrechtes oft keine andere Möglichkeit, für das Tourismusland Bayern ist es jedoch fatal, weil das flächendeckende Angebot an einer gastronomischen Grundversorgung verloren geht.

Sie setzen sich für mehr Wertschätzung für die Mitarbeiter ein. Können Sie das näher erläutern?

Wir haben bei Umfragen bei unseren Mitarbeitern und Jugendlichen festgestellt, dass nicht das viel diskutierte Gehalt an Nummer eins steht, sondern Anerkennung und Wertschätzung. Das ist in unseren Berufen ganz wichtig, denn wir leben ja davon, dass unsere Arbeit von unseren Gästen wertgeschätzt wird. Wir alle müssen diese Wertschätzung jeden Tag aufs Neue unseren Mitarbeitern entgegenbringen. Deshalb leben wir die wertschätzende Mitarbeiterführung, was bedeutet, dass man als Chef achtsam wahrnimmt, was passiert, und sich Zeit für seine Mitarbeiter nimmt. Man sollte auch mal ein Lob aussprechen.

Geht es bei der Behebung des Fachkräftemangels auch um mehr Flexibilität?

Wir wünschen uns in unserer Branche ein flexibleres Arbeitszeitgesetz, weil unser Gästeaufkommen einfach nicht planbar ist. Da spielen kurzfristige Buchungen, Terminverschiebungen und in der Gastronomie auch das Wetter eine Rolle. Wir würden gerne dann arbeiten können, wenn wir Arbeit haben, nämlich wenn Gäste da sind.

Wie finden das denn Ihre Mitarbeiter?

Das kommt vielen unserer Mitarbeiter entgegen, die ja ganz unterschiedliche Lebensentwürfe haben. Einige würden manchmal vielleicht gerne an drei Tagen so viel arbeiten, dass sie schon genug für die Woche gearbeitet haben und der Verdienst reicht. Das ist derzeit aber ganz schwer möglich.

Wie kann die Politik Sie unterstützen, den Fachkräftemangel zu beheben?

Wir wünschen uns eine Anerkennung unserer Berufe als sogenannte Mangelberuf. Damit könnten wir auch aus Drittländern Fachkräfte anwerben. Im Moment dürfen wir nur aus EU-Ländern Fachkräfte anwerben, und das ist schwierig. Wir arbeiten mit der Arbeitsagentur eng zusammen, um auch da voranzukommen. Und, wie gesagt, natürlich könnte die Politik uns mit einem flexibleren Arbeitszeitgesetz sehr unterstützen. Wir haben zusammen mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft eine Kampagne gestartet. Dabei hat sich herausgestellt, dass sich bereits 41 Branchen ebenfalls eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes wünschen und dahinterstehen, da sie diese dringend brauchen. Das sind Branchen, in denen Arbeit anfällt, die einfach fertiggemacht werden muss, wie zum Beispiel die Dachdecker oder Zimmerer. Es haben sich aber auch sehr viele Berufe beteiligt, die gerne punktgenau ihre Arbeit beenden und dann eben länger freimachen würden. Gerade in Zeiten der Digitalisierung müssen wir in den Arbeitszeiten flexibler werden, ohne die Gesamtwochenarbeitszeit zu verlängern.