Gesundheits-Magazin aus dem Münchner SüdenDie einstige „Rentner-Bravo“ ist im KI-Zeitalter angekommen

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Auch wenn die Apotheken-Umschau immer noch vor allem gedruckt gelesen wird, geht der Wort & Bild-Verlag aus Baierbrunn bei München, der sie herausgibt, neue Wege.
Auch wenn die Apotheken-Umschau immer noch vor allem gedruckt gelesen wird, geht der Wort & Bild-Verlag aus Baierbrunn bei München, der sie herausgibt, neue Wege. (Foto: imago/Schöning)

Der Wort & Bild-Verlag aus Baierbrunn bei München, in dem Deutschlands auflagenstärkstes Magazin „Apotheken-Umschau“ erscheint, hat sein digitales Angebot erweitert und kooperiert mit einem ambitionierten kalifornischen KI-Unternehmen.  Der Anspruch: verlässliche, evidenzbasierte Gesundheitsinformationen.

Von Udo Watter, Baierbrunn

Der Generation von Lesern, welcher die Apotheken-Umschau traditionell den Spitzenrang als auflagenstärkstes Magazin Deutschlands, wenn nicht gar Europas, verdankt, ist auch der ein oder andere Spitzname geschuldet: „Rentner-Bravo“ oder „Stützstrumpf der Nation“. Dennis Ballwieser, Geschäftsführer beim Wort & Bild-Verlag in Baierbrunn, fasst solche Zuschreibungen keineswegs als Unverschämtheiten auf. Das Durchschnittsalter der Leserschaft sei zwar, seit er vor rund zehn Jahren dort angefangen habe, gesunken, aber generell gelte für die Menschen, die sich in dem in Apotheken ausliegenden Gesundheits-Heft regelmäßig medizinisch und anderweitig informieren eben: 55 plus. „Der Löwenanteil unserer Leser ist älter.“

Ganz abgesehen davon, dass auch andere traditionelle Magazine oder Zeitungen bevorzugt von Menschen höheren Alters gelesen werden, freut er sich sogar: „So lange man sich an uns abarbeitet, machen wir es richtig.“ Und ergänzt: „Es ist ja quasi ein Ritterschlag, wenn man mit der Bravo verglichen wird. Die hat ja ganze Generationen an jungen Menschen geprägt.“

Letztendlich wirken diese Zuschreibungen freilich inzwischen selbst ein wenig anachronistisch, zumal die im W&B Verlag erscheinende Apotheken-Umschau im Design, Stil und von den Themen her inzwischen tatsächlich frischer und „jünger“ daher kommt als der alten, etwas verstaubten Reputation entsprechend. Sogar Kolumnen, die Gesundheitsthemen nicht ganz so bierernst angehen, gibt es – geschrieben von bekannten Autorinnen wie Margarete Stokowski oder dem früheren Titanic-Chefredakteur Moritz Hürtgen. „Wir haben es geschafft, Humor bei uns zu etablieren“, sagt Ballwieser, der selbst eine Ausbildung als Arzt und Journalist genossen hat.

Das alle zwei Wochen erscheinende, auflagenstärkste Magazin Deutschlands (mehr als fünf Millionen verkaufte Auflage im Monat, Reichweite laut Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse 15 Millionen Leser) soll eben auch „sehr magazinig“ sein. Abgesehen davon ist man beim W&B Verlag, dessen Gebäudekomplex in Baierbrunn ein modern-transparentes Arbeitsflair mit Kunstwerken und Skulpturengarten entfaltet – ambitioniert der Zukunft zugewandt.

Dennis Ballwieser, einer der Geschäftsführer des Wort & Bild Verlags in Baierbrunn.
Dennis Ballwieser, einer der Geschäftsführer des Wort & Bild Verlags in Baierbrunn. (Foto: W&B/Philipp Nemenz)

Vor einem Jahr hat der Verlag – der weitere Gesundheitsmagazine wie Medizini (für Kinder) oder den Senioren-Ratgeber herausgibt – im Ansinnen, das digitale Angebot zu erweitern, seine Kooperation mit der kalifornischen KI-Produktivitätsmaschine You.com bekannt gegeben. Ziel: den Zugang zu Gesundheitsinformationen für Leser respektive User zu verbessern und intern redaktionelle Prozesse durch KI zu optimieren. „Wir haben uns gesagt: Wenn die technischen Möglichkeiten da sind, dann wollen wir das auch nutzen. Denn die Menschen werden diese neuen Werkzeuge nutzen“, erklärt Ballwieser. Für ein Verlagshaus, das aus der Print-Welt kommt und dessen Geschäftsprinzip stark auf Print aufbaut, durchaus kein kleiner Schritt.

Nun, sich online Gesundheitsinformationen zu holen, ist aber eben schon länger weitverbreitet. Entscheidend ist dabei, wie verlässlich die von der KI respektive Suchmaschine präsentierten Antworten sind. „Es muss nachvollziehbar sein, wie die Information zustande kommt. Wir wollen einen sauberen Quellenapparat“, so Ballwieser. Die neuartige KI-gestützte Suchfunktion, die mittlerweile auf apotheken-umschau.de integriert ist, ermöglicht, dem Anspruch nach, eine gezielte, faktenbasierte Beantwortung von Suchanfragen: Frucht eines engen kooperativen Austauschs zwischen Deutschland und dem eher kleinen Start-up aus Kalifornien. Redaktionsteams können auf die KI-Agents von You.com zugreifen, um zu recherchieren und zu analysieren, komplexe Probleme zu lösen, Inhalte zu erstellen und anderes.

Es gibt unattraktivere Arbeitsplätze: Die Gebäude des Wort & Bild Verlags werden von einem Skulpturenpark flankiert - Verlagsgründer Rolf Becker war auch Kunstmäzen.
Es gibt unattraktivere Arbeitsplätze: Die Gebäude des Wort & Bild Verlags werden von einem Skulpturenpark flankiert - Verlagsgründer Rolf Becker war auch Kunstmäzen. (Foto: Claus Schunk)

Evidenzbasierte Orientierung heißt das Stichwort oder wie es auf der Homepage ganz oben formuliert ist: „Unsere KI erstellt für Sie eine Zusammenfassung aus tausenden geprüften Inhalten der Apotheken Umschau.“ Es gibt dort Anregungen zu allgemeinen Fragen wie „Ist Intervallfasten wirklich sinnvoll?“ oder „Was verursacht Schluckauf?“ Man könne mittlerweile auch spezifische Fragen stellen, etwa zu Knieproblemen, sagt Ballwieser. Also ins Detail gehen: rechtes Knie, Art des Schmerzes. Wichtig sei es auch, sicherzustellen, „dass die KI nicht halluziniert“.  Ein „massives Problem“ ist es – wie für viele andere Anbieter von Websites – dass mittlerweile viele Suchende, die über Google kommen, von dessen antwortenden KI-Assistent (Gemini) abgehalten werden, konkret auf die Seiten zu klicken.

Aufgrund der veränderten Arbeitswelt werden zunehmend Büroflächen im Verlagskomplex frei

KI nutzt dem Wort & Bild Verlag auch redaktionsintern, um journalistische Prozesses zu optimieren – ähnlich wie inzwischen andere Zeitungen oder Magazine. Eine Folge der durch Digitalisierung sowie KI-Tools (und natürlich auch die Pandemie) veränderten Arbeitswelt ist die verstärkte Nutzung der Option Home-Office, was weniger Präsenz im und Bedarf an Büros nach sich zieht. In der Verlagszentrale in Baierbrunn – es gibt noch Dependancen in Berlin und Leipzig – werden nicht mehr alle Räume für die Mitarbeiter gebraucht.  „Wir versuchen, Leerstand zu vermeiden und haben hier freie, attraktive Flächen“, erklärt Ballwieser.

Neue Mieter gibt es schon. „Eine Baierbrunner Firma ist hier eingezogen und belegt einige Räume.“ Auf weitere einziehende Unternehmen hoffen im Übrigen auch die Gemeinde Baierbrunn und Bürgermeister Patrick Ott (ÜWG), der die Herabsenkung des Gewerbesteuerhebesatzes in diesem Jahr auf 230 Punkte im Gemeinderat angeschoben hat. Muss ja nicht unbedingt eine Stützstrumpf-Firma sein.

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