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Analphabetismus:"Viele wollen einfach nur ganz normale Dinge können"

Michael Mrva engagiert sich seit 2008 bei der Nachbarschaftshilfe Taufkirchen, deren stellvertretender Vorsitzender er ist. Er hatte die Idee für die Lernwerkstatt. Der Eintritt ist frei, es gibt auch Kinderbetreuung.

(Foto: Claus Schunk)

Die Taufkirchner Nachbarschaftshilfe vermittelt in einer Lernwerkstatt Erwachsenen Kenntnisse im Lesen und Schreiben

Analphabetismus ist ein Problem, das hauptsächlich in zentralafrikanischen Ländern wie Mali oder Niger vorkommt. Aber auch in Deutschland können viele Menschen nicht lesen und schreiben, wie zum Weltalphabetisierungstag am Sonntag wieder zu hören war. Bei mehr als sechs Millionen Deutschen reicht die Lese- und Schreibkompetenz nicht dafür aus, dass sie ihren beruflichen Alltag bewältigen können. Um diesem Problem entgegenzuwirken hat die Nachbarschaftshilfe Taufkirchen eine Lernwerkstatt gegründet. Hier bringen Ehrenamtliche Erwachsenen in ungezwungener Atmosphäre Lesen und Schreiben bei. Michael Mrva, der seit 2008 bei der Nachbarschaftshilfe aktiv ist, hat die Werkstatt im Januar 2019 gegründet. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen begrüßt er seitdem regelmäßig Besucher in der Lernwerkstatt. Es geht darum Menschen bei ihrem Wunsch zu unterstützen, besser zu lesen und zu schreiben.

SZ: Ist Analphabetismus im Münchner Umland noch verbreitet?

Michael Mrva: Genaue Zahlen kenne ich leider nicht. Ich selbst habe mal runtergerechnet. Da es in ganz Deutschland rund sechs Millionen Analphabeten gibt, müssten es im Landkreis ungefähr 1000 Personen sein. Das sind aber nur Schätzungen.

Woher kommt das, dass es im Landkreis immer noch so viele Analphabeten gibt?

Da es die Lernwerkstatt schon seit Mitte Januar gibt, haben wir schon Erfahrungen gemacht. Die Menschen kommen mit den unterschiedlichsten Vorgeschichten zu uns. Einer sagte, dass er in der Schule immer recht unaufmerksam war, da er sich nicht konzentrieren konnte. Der Mann ist Mitte 30 und kam irgendwie durch die Schule durch, kann aber ganz schlecht lesen und schreiben. Er ist berufstätig und kommt ganz gut zurecht. Eine Kollegin von der Volkshochschule hatte den Fall, dass einer ihrer Schüler das Lesen und Schreiben verlernt hat, da er es in seinem Beruf nicht wirklich gebraucht hat. Das ist wie eine Fremdsprache, die man wieder verlernt, wenn man sie nicht regelmäßig anwendet.

An wen richtet sich das Lernwerkstatt?

Zum einen an alle Erwachsenen in Taufkirchen und Umgebung. Aber natürlich sind auch Personen aus anderen Kreisen herzlich willkommen. Zurzeit besuchen die Lernwerkstatt zwischen zwei und acht Menschen die Woche.

Wie werden die Inhalte in der Lernwerkstatt vermittelt?

Das ist auch sehr unterschiedlich, da viele unserer Teilnehmer ein unterschiedliches Sprachlevel mitbringen. Manche können schon lesen und schreiben, nur halt nicht so gut. Andere verstehen kurze Sätze. Daher muss man zuerst schauen, wo die Leute stehen. Das wird anhand des Grades des Alphalevels bestimmt. Damit die Werkstatt einen Effekt hat, laden wir die Besucher zuerst zu einer Kurzdiagnostik ein, bei der das Level ermittelt wird. Dabei lassen wir die Besucher einzelne Wörter oder ganze Texte lesen. Darauf baut dann der Inhalt der Werkstatt auf und es kann daran gearbeitet werden. Eine Teilnehmerin zum Beispiel konnte die Sätze in einem Reiseprospekt nicht lesen, also habe ich mich mit ihr hingesetzt und bin mit ihr ganz langsam den ganzen Prospekt durchgegangen, bis sie ihn verstanden hat. Hinterher war sie richtig glücklich und hat sich mit Händedruck bei mir bedankt.

Sie sprachen gerade von den verschiedenen Alphalevels. Was bedeuten sie denn?

Alphalevel 1 bedeutet, dass man einzelne Buchstaben erkennen kann, sich mit ganzen Wörtern aber schwertut. Alphalevel 2 bedeutet, dass Wörter verstanden werden, aber es an ganzen Sätzen scheitert.

Was ist denn die größte Motivation der Menschen, die zu Ihnen kommen?

Viele wollen einfach nur ganz normale Dinge können, wie zum Beispiel Zeitung lesen oder wie gerade gesagt den Reiseprospekt verstehen. Viele können auch keine Zusammenhänge zwischen einzelnen Sätzen bilden und für sie ist es dann toll, wenn sie eine ganze Geschichte verstehen können. All diese Dinge die für diese Menschen sehr wichtig sind.

Die Lernwerkstatt findet jeden Freitag bei der Nachbarschaftshilfe am Ahornring 119 in Taufkirchen statt. Es gibt noch freie Plätze. Wer sich informieren möchte, erreicht die Nachbarschaftshilfe beziehungsweise Michael Mrva unter der Telefonnummer 0151/23 33 26 13.