bedeckt München 32°

Schritt in die Normalität:Sehnsucht nach den Kindern

Katharina Große lebt im Pflegezentrum Lore Malsch. Nach ihrer Impfung hofft die 86-Jährige auf den Besuch ihrer Nichte und deren Kinder.

(Foto: Claus Schunk)

Katharina Große lebt in einem Hohenbrunner Altenheim und ist geimpft. Mit der Immunisierung ist ein Stück Freiheit zurück. Die Seniorin kann es kaum erwarten, bis auch die Jüngsten wieder zu Besuch kommen können.

Von Julius Baumeister, Hohenbrunn

Katharina Große legt ihre Hände ineinander und beugt sich in ihrem Rollstuhl weit nach vorn. "Wenn die Kinder kommen dürften, mei, wär' das schön", sagt die Seniorin und zeigt einen Augenblick später freudig auf ein kleines Foto an der Wand, auf dem die Familie ihrer Nichte zu sehen ist. Zukünftig kann die Seniorin zwei erwachsene Menschen in ihrem Zimmer empfangen und vor allem - und das scheint Große noch viel wichtiger zu sein - ist zusätzlich auch der Besuch von Kindern möglich, wie ihr Heimleiter Jan Steinbach erklärt. "Wenn die Kinder unter 14 Jahre alt sind, dann ist das mit negativem Testergebnis möglich". Große, die im Dezember 2019 in ihr Zimmer im Lore-Malsch-Pflegezentrum in Hohenbrunn eingezogen war, fällt der Verzicht auf Begegnungen mit der ganzen Familie schwer - auch, weil sie längst geimpft ist.

Etwa alle 14 Tage bekommt die ältere Dame Besuch von ihrem Sohn. Hin und wieder käme auch ihre Schwägerin für ein Treffen vorbei, doch das sei nur unter freiem Himmel möglich, erzählt Große. "Sie will sich nicht testen lassen, sie findet das so unangenehm." Doch das Testen ist für einen Besuch in seinem Haus auch mehrere Monate nach den Impfungen noch immer Pflicht, sagt Steinbach. An einem Seiteneingang hat der Leiter des Pflegezentrums deshalb ein improvisiertes Testzentrum errichten lassen, in dem bis zu 1200 Testungen im Monat stattfinden, wie Steinbach sagt. Nach etwa 15 Minuten Wartezeit und bei negativem Testergebnis dürfen die Besucher dann das Haus betreten, in dem fast 150 Seniorinnen und Senioren leben.

Dass Steinbach "sehr streng" ist, findet die ältere Dame gut. Der Erfolg gebe ihm schließlich recht, sagt sie. Bis heute hat sich keiner der Bewohner mit dem Virus infiziert. Und das wird vermutlich auch so bleiben, hofft Steinbach, denn bis auf einzelne Pfleger und neue Bewohner seien fast alle geimpft. Und doch ist das Leben im Seniorenheim noch immer nicht das alte. Denn noch, das scheint zumindest nicht restlos ausgeschlossen, könnten auch die geimpften Bewohner des Hauses Träger des Virus sein und dieses entweder an nicht geimpftes Personal oder Besucher weitergeben. Das Virus könnte so trotzdem noch im Heim grassieren und womöglich sogar mutieren, so die Sorge. Er frage sich selbst manchmal, was die Immunität von ihm und seinen Bewohnern denn für den Arbeitsalltag an Erleichterungen überhaupt mit sich bringe, so Einrichtungsleiter Steinbach. "Irgendwann müssen wir, bei aller berechtigen Vorsicht, auch darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, dass sogar geimpfte Angehörige für das Betreten des Heims einen negativen Corona-Test brauchen."

Und so groß die Überzeugung und das Verständnis für die nötigen Vorsicht auch bei der 86-jährigen Seniorin noch so ist, so groß war Ende Dezember auch die Hoffnung darauf, dass "alles ein bisschen lockerer" wird. Immerhin sei sie eine der Ersten gewesen, die im Haus überhaupt geimpft wurde, erzählt Große stolz und holt dabei einen Zeitungsartikel über den Impfstart im Lore-Malsch-Pflegezentrum hervor, welchen sie fein säuberlich abgeheftet hat. Noch vor einem Jahr sei das Leben hier viel einsamer gewesen, erinnert sich Katharina Große.

Nur wenige Wochen nach ihrem Einzug habe die Pandemie das Leben im Seniorenheim komplett stillgelegt. Um ihre Familie wenigstens sehen zu können, hätten Pfleger sie mit ihrem Rollstuhl an die Terrassentür im Erdgeschoss geschoben, von wo aus sie ihre Schwiegertochter einige Meter entfernt im Garten stehen sah. Die Einsamkeit sei bedrückend gewesen, bei den Begegnungen seien Tränen geflossen, erinnert sich Große.

Die Impfung brachte vorerst das Ende dieser Zeit. Dabei schien im vergangenen Dezember für einige Tage unklar zu sein, ob die 86-jährige Seniorin überhaupt geimpft werden könnte. Weil die ehemalige Büroangestellte Marcumar, ein gerinnungshemmendes Arzneimittel nimmt, hätte sich die erste Ärztin zunächst geweigert, ihr das Vakzin zu spritzen. "Sie hat gesagt: Frau Große, ich kann Sie leider nicht impfen". Einige Tage später sei es dann doch gegangen und die Erleichterung sei riesig gewesen, erinnert sich die Seniorin.

Freilich hat sich seitdem vieles positiv verändert: die regelmäßigen Besuche ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, die gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Bewohnern des Hauses und nicht zuletzt die Gewissheit darüber, nicht schwerer an Corona erkranken zu können. Und ohnehin fühle sie sich in ihrem neuen Zuhause mittlerweile "wirklich wohl". Das alles sei viel wert, meint Große. "Anderen geht es viel schlechter." Schließlich gewöhne man sich doch an alles, sagt die Seniorin.

Wie sehr sich die 86-Jährige mittlerweile an fehlende körperliche Nähe gewöhnt hat, wurde ihr vor einigen Wochen bewusst. Denn obwohl auch negativ getesteter Besuch dazu angehalten ist, den Bewohnern des Hauses nicht näher zu kommen, hätte sie ihre Schwiegertochter einmal "richtig gedrückt und gebusselt". Schön sei das gewesen, natürlich. Und doch irgendwie seltsam. "Ich habe mich so sehr davon entwöhnt, dass ich die körperliche Nähe überhaupt nicht mehr kannte", sagt Katharina Große.

© SZ vom 10.04.2021/hilb
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB